Das Fenster zum Sommer von Hannelore Valencak, 2006, Residenz1.) - 3.)

Das Fenster zum Sommer.
Roman von Hannelore Valencak (2006, Residenz).
Besprechung von Daniela Strigl in Der Standard, Wien vom 9.9.2006:

Auf der falschen Seite der Zeit
Ein Glücksfall für den Leser: Hannelore Valencaks Roman "Das Fenster zum Sommer" ist wieder aufgelegt worden

Es ist die klassische Situation des phantastischen Realismus seit Kafkas Verwandlung: Jemand erwacht und findet sich in einer anderen als seiner gewohnten Welt wieder. In Hannelore Valencaks Buch heißt dieser Jemand Ursula, eine junge Frau, frisch und glücklich verheiratet. Sie schläft ein an einem Juliabend, vor der Abreise zum ersten gemeinsamen Urlaub, und sie erwacht an einem Februarmorgen. In der Nacht hat sie von ihrer alten Tante geträumt, bei der sie vor ihrer Heirat lebte: „Ich war weit zurückgeschoben worden auf dem großen Verschubbahnhof der Nacht, zurück in jene längst vergangene Zeit. (...) Und jemand hat eine Weiche falsch gestellt, und ich bin auf der falschen Seite aufgewacht. Dies hier war ein falscher Tag, ein falsches Leben. Es war meine eigene Vergangenheit.“

Dass Valencaks unter dem Titel Zuflucht hinter der Zeit 1967 erschienener Roman nun neu aufgelegt wurde, ist ein Glücksfall für Leser. Endlich kann man ein Schlüsselwerk der österreichischen Literatur nachlesen, ein Buch, das seine Faszination bis heute bewahrt hat, nicht nur weil es in einer aufregend unaufgeregten Sprache geschrieben ist, einer Sprache von gleichsam kontrollierter Intensität, bald bildhaft, bald sachlich, bald souverän ironisch. Nein, Das Fenster zum Sommer (so der Titel der Neuausgabe 1977) ist auch das, was man altmodisch „gedankenreich“ nennen könnte, die überaus anregende, bis ins Kleinste durchdachte Geschichte einer intelligenten Autorin.

Wie eine Figur im „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel sieht die Heldin sich von einer höheren Gewalt zurück an den Start gestellt: in den muffigen Haushalt der herrschsüchtigen und egomanischen Tante Priska, die an ihr Mutterstelle vertreten hat, an den rußigen Rand einer größeren Stadt, in das öde Übersetzungsbüro einer Stahlfirma (wohl eine Reminiszenz an Donawitz, den Geburtsort der Autorin). Am Anfang will Ursula dagegen aufbegehren, sie muss aber einsehen, dass ihr Mann Joachim sie – noch – nicht kennt und auf sie auch nicht neugierig ist. Dann versucht sie gezielt, seine Bekanntschaft zu machen, bis ihr klar wird, dass sie mit jeder Aktivität, mit jeder Abweichung vom einmal begangenen Weg die „künftige“ schicksalhafte Begegnung in der Straßenbahn gefährdet. Dabei ähnelt Ursulas Joachim, der Sensible, Lebensweise, Ränkelose, mehr einem Wunschbild als einem Mann aus Fleisch und Blut.

Valencak zeigt, wie das Wissen um baldige Veränderung zum Guten das Verhalten beeinflusst, wie es ein lethargisches, mutloses Wesen bald großzügig-verständnisvoll macht, bald rebellisch. Herrlich sind die boshaften Beschreibungen der langweiligen Bürokollegen, des sadistischen Chefs, der unausstehlichen Tante („Die geistige Nahrung, die Tante Priska aufnahm, erinnerte mich an Zeiten der Hungersnot, in welcher die Leute Baumrinde kauten und Suppen aus Lederriemen kochten“). Das Fenster zum Sommer ist auch ein Plädoyer gegen die kleinbürgerliche Genügsamkeit, gegen das Arrangement mit der Welt und den Kotau vor dem Schicklichen. Vor allem aber demonstriert der Roman „die entsetzliche Gewalt der Zeit, unser ständiges Eingespanntsein in ein Jetzt und Hier. Nicht die kleinste Ausweichbewegung war erlaubt.“

Ein Stück Lebenszeit zu wiederholen, das ist ein Ausbruchsversuch, der den Zwang nur umso deutlicher vor Augen führt. Hundert Fragen stellen sich: Was tun, wenn man das Todesdatum einer Frau kennt? Sie warnen? Auch wenn das den Gang der Dinge stört? Und wie schlägt man jene wüstenhaft leeren Tage tot, die man schon einmal durchlebt hat? Ursula findet schließlich das Bild der Existenz im Fluss der Stadt, der am einen Ende klar dahinfließt, am anderen als schwarze giftige Brühe, Zukunft und Gegenwart stets in einem. Die Zeitreise steckt voller überraschender Wendungen, das Ende ist kein glückliches, obwohl sich herausstellt, dass Ursula noch Glück gehabt hat.

Der Wirtschaftswunderglaube der Sechzigerjahre begünstigte literarische Fantasien von einer Zuflucht hinter der Zeit: Marlen Haushofers Die Wand und Thomas Bernhards Frost waren solche Ausstiegsversuche. Hannelore Valencaks Interesse für das Phänomen Zeit mag damit zu tun haben, dass sie Physikerin war. Mit ihrer Literatur hat sie sich damals hier zu Lande einen Namen gemacht, als sie vor zwei Jahren starb, war sie jedoch beinah vergessen. Hoffentlich ist dies der Startschuss für die Wiederauflage ihrer anderen Bücher.

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Das Fenster zum Sommer von Hannelore Valencak, 2006, Residenz2.)

Das Fenster zum Sommer.
Roman von Hannelore Valencak (2006, Residenz).
Besprechung von Karl-Markus Gauss aus der Neue Zürcher Zeitung vom 28.10.2006:

Sturz aus der Zeit
Eine Wiederentdeckung – Hannelore Valencak und ihr Roman «Das Fenster zum Sommer»

Am Morgen des 28. Juli erwacht die Büroangestellte Ursula mit dem merkwürdigen «Gefühl, es müsse Winter» sein. «Jener Moment nach dem Erwachen, wenn der Wecker mich aus dem Schlaf gerissen hat, ist der Augenblick, in dem alles möglich ist.» Die Fensterscheiben sind mit Eisblumen beschlagen, grauer Nebel zieht um das Haus, und die Frühnachrichten vermelden den Untergang eine Schiffes, das mitsamt seiner lebendigen Fracht wilder Tiere, die für einen Zirkus oder Zoo bestimmt waren, gesunken ist. Ursula erinnert sich, diese Nachricht schon einmal gehört zu haben, und wie Gregor Samsa, der eines Tages als Käfer erwacht, richtet sie sich im Unbegreiflichen ein: dass sie im Sommer, am Tag bevor sie mit ihrem geliebten Ehemann Joachim die erste Ferienreise antreten sollte, schlafen gegangen – und im Winter davor erwacht ist.

ZURÜCK AN DEN START

Genau genommen an jenem 7. Februar, als sie noch mit ihrer besitzergreifenden Tante Priska zusammenlebte und Joachim noch nicht begegnet war. Diesen hatte sie schon kurz nach der ersten zufälligen Begegnung im Frühjahr geheiratet, er war ihr «Fenster zum Sommer», das Versprechen, dass auch für sie das Leben Glück bedeuten könne und sie nicht ewig mit ihrem schlechten Gewissen von der Tante abhängig bleiben und als graue Maus in einem skurrilen Büro arbeiten müsse. Den familiären und beruflichen Zwängen zu entrinnen, das war ihr nur dank diesem Mann und der romantisch verklärten Liebe zu ihm gelungen. Jetzt heisst es für Ursula gewissermassen «zurück an den Start«, wie es die Germanistin Evelyne Polt-Heinzl, die verdienstvolle Herausgeberin dieses Fundstücks der österreichischen Literatur, in ihrem gehaltvollen Nachwort formuliert. – Hannelore Valencak, deren dritter Roman «Das Fenster zum Sommer» erstmals 1967 erschien, war so etwas wie eine Feministin avant la lettre und vielleicht sogar wider Willen. 1929 in Leoben in der Steiermark geboren, schrieb sie Lyrik, Romane, Kinderbücher und arbeitete als Physikerin und Metallurgin, ehe sie 1975 freie Schriftstellerin in Wien wurde, wo sie 2005 nahezu vergessen starb.

Alle ihre Romane sind verpasste oder geglückte Emanzipationsgeschichten, sie erzählen von problematischen Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern, Ehefrauen und übermächtigen Männern. Für Ursula war die Heirat zwar eine Befreiung gewesen, aber sie hatte zu dieser selbst nichts beitragen müssen, weil Joachim sie sicher aus der einen, der erstickenden Abhängigkeit, in die andere, die sie als angenehm erlebte, geleitete. Jetzt muss sie die Monate, die sie in einem Zeitsprung zurückversetzt wurde, noch einmal durchleben, im doppelten Wissen, dass das Glück nicht unerreichbar ist, aber sie selber es für sich zu erkämpfen hat.

Einzig Ursula ist dieser Sturz aus der Zeit widerfahren. Die Tante, die sie an Mutters statt grossgezogen hat, lebt weinerlich dahin wie vordem, und auch im Büro funktioniert alles so reibungslos und menschenfeindlich wie immer. Sie hat Umgang mit einer Kollegin, von der sie weiss, dass sie wenige Wochen später einen tödlichen Verkehrsunfall erleiden wird, und versucht vergeblich, zu Joachim Verbindung aufzunehmen; im zweiten Versuch verpasst sie den Moment, in dem sich beim ersten ihre Wege kreuzten.

«Das Fenster zum Sommer» steht in der österreichischen Tradition der phantastischen Literatur und spielt, sporadische Verstösse gegen die innere Logik des phantastischen Geschehens eingeschlossen, mit dem Bruch von Zeitkontinuum und Zeitempfinden; Valencaks Roman ist zudem eine feine erzählerische Studie über Unterdrückung und Aufbegehren einer Frau aus dem österreichischen Kleinbürgertum; vor allem aber ist der Autorin ein beklemmender Büro-Roman gelungen, wie aus jenen Jahren, mit so vertrauter Kenntnis des Milieus und so dichten Schilderungen entfremdeter Arbeit, kaum ein zweiter auf uns überkommen ist.

Vom zu klein gewachsenen Chef bis zur kuschenden Stenotypistin vergeuden in diesem grossen Büro alle ihre Zeit damit, einander das Leben schwer zu machen. Als Ursula erkennt, dass ihr dieses Mal kein Traummann aus der Misere helfen wird, begehrt sie endlich auf. Sie tut das Unerhörte, weist den Chef in die Schranken und klärt die Kollegen, die hier gemeinsam ihre «Tage abbüssen», darüber auf, dass sie im Büro «wie Leute in einem Eisenbahnabteil leben. Und sogar dort geht es noch gemütlicher zu als bei uns. Dort wechselt wenigstens das Publikum.»

AN DER SEITE HAUSHOFERS

Das Ende ist offen. Ursula ahnt, dass zum guten Leben eine gute Ehe nicht ausreicht, Rettung nicht alleine vom Ehemann zu erwarten ist und sie auf eigenen Beinen stehen kann: «Mein Leben war [ . . . ] mein Eigentum, aus dem ich etwas Besseres machen konnte, ob mit oder ohne den Beistand Joachims.» Eine Wiederentdeckung, die es lohnt – und die vielleicht dazu führen wird, dass man die Schriftstellerin Hannelore Valencak dereinst an die Seite ihrer Landsmännin Marlen Haushofers stellen wird, deren Erzählkunst der ihren durchaus ähnelt und deren Ruhm bekanntlich auch erst verkündet wurde, als er schon ein Nachruhm war.

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Das Fenster zum Sommer von Hannelore Valencak, 2006, Residenz3.)

Das Fenster zum Sommer.
Roman von Hannelore Valencak (2006, Residenz).
Besprechung
von Elisabeth Mayerhofer aus Rezensionen-online *bn*:

Reflexion einer jungen Frau über die bedeutungsvollsten Ereignisse in ihrem bisherigen Leben. (DR)

Albtraum oder einmalige Chance? Ursula weiß selbst nicht, wie sie es einschätzen soll, dass sie eines Morgens statt neben ihrem Gatten in der Wohnung ihrer schrulligen Tante Priska, um Monate in ihrem Leben zurückversetzt, erwacht. Die junge Frau erlebt die folgenden Wochen zum zweiten Mal: Sie ist bereits im Bilde, welchen Lauf Entwicklungen nehmen werden, wo sie wen treffen und wer bald sterben wird, vermag jedoch in den Ablauf der Geschichte nicht einzugreifen. Das Leben zieht an ihr vorüber, sie lässt sich mitreißen und bäumt sich auf, versucht Widerstand zu leisten und sinkt zurück, beobachtet, zieht Schlüsse, urteilt aus dem Bewusstsein dessen, was sie nach Monaten erfahren haben wird. Erst spät klärt sich die Ursache dieses seltsamen Erlebens auf: Es ist die Flucht vor der Realität und zugleich das Bedürfnis zu wiederholen, was die größten Veränderungen in ihrem Leben herbeigeführt hat. Ursulas Mann verstarb in der Nacht, an dessen Morgen die Zeitschleife ihren Anfang nahm.

Indem die junge Frau den wichtigsten Abschnitt ihres Lebens - die Loslösung von ihrer Tante und den Schritt in eine Partnerschaft - Revue passieren lässt, wird sie sich der Wichtigkeit von Eigeninitiative als Frau und Individuum bewusst. Ein reizvolles Gedankenexperiment, das vermutlich mit dieser Wiederauflage auch nach Jahrzehnten auf reges Interesse stoßen wird.

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