Das Fenster in der Luft.
Aufzeichnungen von Bruno Steiger (2008, Edition Urs Engeler).
Besprechung von Andreas Langenbacher in Neue Zürcher Zeitung vom 15.10.2008:

Im cartesianischen Theater
Bruno Steigers neuer Prosaband

«Der Panamakanal und der Panamakanal», «Melodie und Irrtum», «Der vierte Spiegel», «Falsche Filme», so lauten vier der elf bis anhin erschienenen Werke des Zürcher Schriftstellers Bruno Steiger. Und sie handeln tatsächlich von seltsamen Verdoppelungen, wohlklingenden Irrtümern, mehrfachen Spiegelungen und falschen Fährten – so wie auch die anderen Bücher dieses Autors meist auf unvorhersehbaren Umwegen halten, was ihre opaken, aber treffenden Titel versprechen.

Ihr Personal: Geheimagenten des Alltags, doppelt gewendete Spione, verschattete, aber luzide Existenzen, denen die kleinste Regung oder Bewegung zum ebenso dringlichen wie fragwürdigen Auftrag der Welt- und Selbsterkundung wird. Und zum dubiosen Indiz eines Lebens, das unter dem Generalverdacht steht, nur aus weiteren Indizien zu bestehen. Aber die verlorenen Figuren dieses Autors scheinen gerade in der Spur ihres Scheiterns Rettung zu finden, macht doch der intelligente Bericht ihrer Niederlage den subtilen Sieg der Besiegten aus.

Erlösungshungrige Skepsis

Diese unversöhnliche und zugleich erlösungshungrige Skepsis findet sich in Steigers Romanen und Erzählungen vielfach in detektivischen Recherchen, philosophischen Nachstellungen, in einer auch gegen das eigene Selbst gewendeten, kriminalistischen Energie. Was den merkwürdig haltlosen, aber tragenden Sog seiner Texte ausmacht. Im Erzählen wird nicht nur das Erzählte, sondern auch der Erzähler unterminiert, dabei bleibt der Leser gefangen wie durch die erbarmungslos hellsichtige, aber dunkle Stimme aus dem Off eines Série-noire-Filmes.

In seinem neuen Buch, «Das Fenster in der Luft», lauert Steiger nun sich selber auf, als Hausdetektiv im «cartesianischen Theater». Es sind Aufzeichnungen, die sich mit dem eigenen Handwerk befassen und mit der fundamentalen, manchmal fundamentalistischen Dissidenz eines Schriftstellers, der mit grosser Obsession herauszufinden versucht, was sein nicht ungefährliches Metier im Innersten bedeutet. Wie lebt einer, der sich beim Schreiben permanent auflauert, auf frischer Tat ertappt und der sich, wenn er nicht schreibt, erst recht als Ertappter vorkommt? Und warum blickt ihm beim Aufzeichnen noch vor dem Satzende bereits ein «Niedergeschriebener» entgegen? Schon im ersten Notat – kurz nach Mitternacht im Café beim Tramwendeplatz einsam auf einen Bierdeckel gekritzelt – wird der «Auswärtssieg der Wirklichkeit» konstatiert.

Was darauf folgt, ist keine Flucht nach Hause, kein Rückzug nach innen, denn gerade dort gehen die Agenten des Allgemeinen, die Diebe des Naheliegenden und die Fälscher des Authentischen ein und aus wie durch die offene Tür einer Absteige. Für den wahren Hausdetektiv völlig uninteressant, denn er weiss, dem Auswärtssieg der Wirklichkeit ist weder durch plane Bestandesaufnahmen noch durch einfache Geständnisse in eigener Sache beizukommen.

Dieser Einsicht setzt Steiger nun sein «künstliches Tagebuch» entgegen, eine existenzielle Form von Camouflage mittels «gemachter Gedanken», Selbsterfindungen, Steigerungsformen, «Ideen zu Träumen», «Entwürfen zu Notaten» und «schiefen Paradoxen» – immer mit dem Ziel, sich mittels Übertreibungen selber zu überführen und damit der eigentlichen Intention seines Schreibens auf die Schliche zu kommen: «Er sprach von einem quasi-aphoristischen Denken, das sich allein in der Zurückweisung jeder nachvollziehbaren Triftigkeit dokumentieren liesse. Er schien nur noch mit der Abwehr von Denkeffekten beschäftigt zu sein. Mit der freien Setzung von Bewandtnis. Und all dies mit dem Ziel, Skepsis in – ein wie auch immer pyrrhonisches – Urvertrauen zurückzuverwandeln.»

Lebensroman in Fragmenten

Ein solches isoliertes Notat mag einen vorerst einschüchtern, in seiner auf Anhieb nicht recht zu fassenden Unbedingtheit zum Widerspruch reizen. Doch als Teilstück eines Lebensromans in Fragmenten und zugleich einer Poetik der Resistenz hat es durchaus Bestand. Denn Steigers Introspektion verweigert sich jeder Selbsterkenntnis, die nur aus Wiedererkennen besteht, sie will wissen, was an den Grenzen geschieht, und damit sprachliche Gegenwart erschaffen.

Ob Steiger dabei über Religion, Musik, Meteorologie, die Liebe oder über das eigene Ohrläppchen sinniert, die abgründige Lebensweisheit seiner Aphorismen entsteht immer an den Rändern der selbsterhellenden Grübelei, im Angelpunkt unvereinbarer Ambivalenzen. Dort, wo Aberwitz und Intellekt, Humor und Trauer, Neugier und Konstruktion ein ungewohntes, aber formbewusstes Amalgam eingehen. Und so bieten uns diese Aufzeichnungen auch das, was sie selbst mit ironischem Unterton als «Serviceleistung der Literatur» bezeichnen: «Dem Leser sein Versteck aufzeigen. Dieses Versteck ist das Buch. Es wurde geschrieben, damit er sich verstecken kann. Vor dem Buch; im Buch. Vor sich.»

Ist der Hausdetektiv fündig geworden? Es scheint, er ist uns einmal mehr entwischt. Dafür dürfen wir nun als gebannte Leser sein Versteck einnehmen.

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