Das Familientreffen von Anne Enright, 2008, DVADas Familientreffen.
Roman von Anne Enright (2008, DVA - Übertragung Hans-Christian Oeser).
Besprechung von Oliver Pfohlmann aus der NRZ vom 8.04.2009:

Körpersäfte im Kaninchenbau

Alle kinderreichen Familien sind gleich, heißt es einmal bei Anne Enright. „Immer gibt es einen Trinker. Immer jemanden, der als Kind missbraucht wurde." Und häufig, könnte man hinzufügen, entpuppt sich der Trinker auch als das Missbrauchsopfer.

Eine Überraschung ist es für den Leser von Enrights Erfolgsroman jedenfalls nicht, dass der trinkfreudige Liam, der sein Leben lang nichts auf die Reihe bekam und nun mit Steinen in den Hosentaschen bei Brighton aus dem Meer gefischt wurde, als Kind zu sexuellen Handlungen genötigt wurde. Eine Überraschung ist es für seine Schwester Veronica. Sie sitzt in den schlaflosen Nächten nach dem Tod ihres Lieblingsbruders erfüllt von Zorn und Trauer an ihrer Anklageschrift und nähert sich über viele Umwege ihren verschütteten Kindheitserinnerungen.
Veronica ist Ende dreißig, Mutter von zwei Töchtern und Ehefrau eines erfolgreichen Mannes. Vor allem aber ist Veronica eine Hegarty. Mit zwölf Kindern und sieben Fehlgeburten sind die elterlichen Hegartys wohl selbst für irische Unterschichtsverhältnisse ein Sonderfall. Regelrecht überschwemmt von Wut- und Schamgefühlen wird Veronica bei ihrer Rückkehr ins Elternhaus, jenem verschachtelten „Kaninchenbau", in dem noch nach Jahrzehnten „unser Geruch" hängt.

Der Vater ist längst tot, die halbdebile Mutter nimmt sich nicht einmal mehr selbst wahr. Nun hat Veronica, „die Umsichtige" der Familie, Liams Bestattung zu regeln.

„Das Familientreffen", 2007 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet und in 30 Sprachen übersetzt, trifft mit seiner schonungslosen Abrechnung mit Familie und Sexualität offenkundig einen Nerv – auf der ganzen Welt, wie das Medien- und Publikumsinteresse an der irischen Autorin, Jahrgang 1962, zeigt.

Zum Ereignis wird dieser Roman vor allem durch seine Erzählerin, die von ihren Emotionen nach Liams Selbstmord schier überwältigt wird. Ein Ventil findet sie im Schreiben.
Wohl deshalb wirkt an dem Buch vieles klischeehaft und zu dick aufgetragen: Vom Rotz bis zum Sperma fließen hier reichlich sämtliche Körpersäfte, und überhaupt sind bei Enright alle Männer verschwitzt und notgeil, wie in einem Elfriede Jelinek-Text. Dass sich Enright für einen frisch übersetzten Bestseller aus Deutschland mit dem bizarren Titel „Wetlands" interessiert, wundert einen jedenfalls nicht. NRZ

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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