Das Exil der Träume von Leopold Federmair, 1999, SeleneDas Exil der Träume.
Roman von Leopold Federmair (1999, Edition Selene).
Besprechung von Gerhard Zeilinger aus Rezensionen-online *LuK*:

Im Exil der Träume
Leo Federmairs neuer Roman

Mein letzter Verwandter in dieser Weltgegend: glanzloses Bruchstück einer eingebildeten, seit jeher rudimentären Familie. Wieder einmal komme ich, um meine Pflicht zu erfüllen und den Seidenfaden zu spinnen, ein Spinnennetz über die Erdteile zu ziehen.« Der Anfang eines Romans hat die Grundstruktur vorzugeben, mit dem Bild des Fadenspinnens will der Autor auf das zu Verflechtende und bereits Verflochtene verweisen, wenngleich es sich dabei um ein »rudimentäres« Spinnennetz handelt: eine Familiengeschichte, die eine Geschichte der Auflösung, des Verschwindens ist, mit dem Restzustand von Erinnerung und Träumerei. Auch Federmairs Ich-Erzähler ist eine »rudimentäre« Existenz, bei der die Fäden zwar zusammenlaufen, aber zu einem Großteil merkwürdig unverbunden bleiben, der als Person fast unsichtbar wirkt, keinen Namen hat und bestenfalls auch nur eine bruchstückhafte Lebensgeschichte: Europäer, verheiratet mit einer Argentinierin, aber er lebt von ihr getrennt, im Schmerz, er weiß nicht einmal, wo sie ist. Eines Tages ist sie einfach verschwunden, so wie viele Jahre vor ihr ihre Mutter, und ihr Vater Guillermo wurde eines Tages in einem Park mit einem Plastiksack über seinem Kopf erstickt aufgefunden.

Die Toten und die Verschwundenen sind die eigentlichen, die heimlichen Figuren dieses Romans, von ihnen wird ständig erzählt, an sie muß Hilda, die letzte der Familie, ununterbrochen denken. Der »zwischen den Kontinenten« lebende Ich-Erzähler ist der einzige verbliebene Anverwandte. Geistig verfallend, lebt oder besser vegetiert die Tante seiner Frau in einem argentinischen Asyl, fernab der Hauptstadt, in einem Ort namens Tres Ochos, irgendwo im Gebirge. Der Erzähler ist ihr einziger, regelmäßiger Besuch, »der Chocolatero« genannt, weil er Hilda jedesmal eine Tafel Diabetiker-Schokolade mitbringt. Und er ist gleichzeitig ihr Zuhörer, »der gebraucht wird, um eine unwahrscheinliche Geschichte zu bewahren«. Nämlich die der »rudimentären Familie«, die Geschichte Hildas, die einen kleinen Friseurladen geführt und zwanzig Jahre lang ihre ans Bett gefesselte Mutter gepflegt hat, die Geschichte eines Lebens, das aus Warten bestanden hat, in dem nichts Aufregendes passierte bis auf die verbotene Liebe zu dem Bohemien und Lebemann Guillermo, aber der heiratet ihre Schwester. Das Leben geht weiter, beschwerlich, unerfüllt, ohne bleibenden Sinn: der wird auch in der Rückschau nicht gefunden, und wo die Wirklichkeit versagt, muß am Ende die Phantasie Erinnerungen beschwören – in geistiger Versunkenheit, in der Einbildung, es wäre anders gewesen. »Der Geist ruht im Nirgendwo, auf einer Oase des Lebens, im Exil der Träume, wo nur der Zufall frei schwebt.«

Federmairs Roman hat einen dramaturgisch klugen Aufbau: mit einer Steigerung im zweiten, einem Finale im dritten Kapitel, denn in das Hin-und-her-Driften zwischen den beiden Zeitebenen, zwischen Traum und Wirklichkeit fügt der Autor, auch wiederum langsam aufbauend, ein kriminelles Motiv ein, das Erzählstränge zusammenführt, manches und dennoch nicht alles klärt. Da taucht plötzlich eine angebliche Verwandte auf, Martha, und stellt sich zwischen den Erzähler und Hilda. Allmählich kommt heraus, daß sie eine Betrügerin ist, die Hilda schon seit Jahren erpreßt und auch anderen Insassen des Asyls Geld und Geschenke abnötigt. Nur damit ist es noch nicht getan. Wenn der Autor am Ende alles mit einer kriminellen Struktur zu erklären versucht, wird manches zwar verständlicher, Plausibilität tritt dadurch aber nicht ein, vielmehr zunehmende Verworrenheit, in die sich der Ich-Erzähler am Ende selbst, fast willentlich, hineinziehen läßt.

Die Fragen indes werden drängender, und es gilt sie zu beantworten: Wurde Guillermo ermordet, wer steckt dahinter? Wer ist diese Martha wirklich? Wer zieht im Hintergrund die eigentlichen Fäden? Gibt es ein anonymes Netz organisierter Kriminalität? Aber alles, was man erfährt, kann auch Gespinst, Lüge sein. Die eine Frau mischt in ihre Erzählungen Phantasien, die andere erzählt so Undurchsichtiges, daß bei jedem Wort Vorsicht geboten ist. Und dann ist da noch der gelähmte Rechtsanwalt, der einst leidenschaftliche Tänzer, ein Freund Guillermos, der seinerzeit auch dessen Todesfall bearbeitete, und seine Rolle ist erst recht undurchschaubar: ist er Teil des Systems, ist er bloß einer, der auch träumt? Die Perspektive auf die Vergangenheit ist ebenso vielschichtig und widersprüchlich wie die Gegenwart voller Rätsel.

Vieles in Federmairs Roman bleibt ungeklärt. Was man am Anfang nicht wußte, weiß man auch am Ende nicht, vor allem, was die eigentliche Existenz des Ich-Erzählers ist, von dem man nur seine Situation kennt, die des angeheirateten Neffen und verlassenen Mannes, der eigentlich in Europa zu Hause ist und den außer der familiären Beziehung, die aber auch schon wieder in Brüchen ist, doch mehr mit dem südamerikanischen Kontinent verbinden müßte, was sonst hielte ihn dort? Man erfährt es genausowenig, wie einen der Autor wissen läßt, was sein Erzähler ansonsten in Europa für Aufgaben hat.

Soweit mag man mit all dem übereinstimmen und vieles an dieser Prosa zu schätzen wissen – das Schwebende, fast Tänzerische manchmal auch im Duktus dieser Sprache. Aber der Text wäre an vielen Stellen zu kürzen; manche Sätze wirken deswegen ein wenig schwerfällig, weil zuviel in sie gepackt ist. Federmair kann geradezu exzellent schreiben, nur manchmal hängt er an seine Formulierungen zuviel des Guten dran, und das sollte ein umsichtiger Lektor einfach streichen. Die oft allzu dichte lyrische Struktur, das allzu Sprachversponnene, ja Sprachverliebte erweckt den Eindruck von Manieriertheit und stört auch den im großen und ganzen doch beruhigenden, fließenden Sprachrhythmus.

Es gibt aber noch ein technisches Problem, wo es sich viel mehr spießt, und das ist die Form der Erzählung innerhalb der Erzählung. Der Ich-Erzähler läßt Hilda ihre Geschichte in der Ich-Form wiedergeben, er bedient sich nicht direkter Rede, nicht des Kommentars, er schafft keine auch nur formale Distanz, und so kommt es, daß Hilda eigentlich wie der Ich-Erzähler, ihr Zuhörer, erzählt: ihre Sätze sind genauso reflektierend, überschauend und künstlich, obgleich ihre Rede sich von all dem abheben müßte, bestenfalls ein kleiner Ausschnitt der großen Perspektive sein dürfte, und überhaupt: wie kann eine alte verwirrte Frau, die sich in der Gegenwart nicht mehr zurechtfindet, aus der Vergangenheit zwar jedes Detail erinnern mag, einer solch literarischen Rede fähig sein? Es gäbe doch genügend Tricks und erzähltechnische Möglichkeiten, den nötigen Perspektivenwechsel durchzuführen. Es sei deswegen hier betont, weil es im Widerspruch dazu steht, wie großartig, ja meisterhaft der Autor die Atmosphäre des Dahinsiechens im Asyl beschreibt, den Alltag der von der Gesellschaft nicht mehr Wahrgenommenen und sich selbst Abhandengekommenen, all die Momente des ebenso schönen wie lächerlichen Phantasierens als geradezu notwendigen Ausgleich zur traurig-nüchternen Realität.

Gewiß, der 1957 in Oberösterreich geborene Leopold Federmair ist als Kritiker und Essayist bekannt; doch diese Qualitäten zu betonen, darf nicht heißen, daß man ihn nur unter Anführungsstrichen als Romancier sehen möchte. Im Gegenteil, Federmair versteht nicht nur zu beschreiben, er kann auch gestalten, Handlungen aufbauen, mit Symbolen arbeiten, Wiederholungen gezielt einsetzen. Wie er etwa im 2. Kapitel die Gedankenwelt des gelähmten Tänzers ausbreitet, ist einfach große Literatur. Keine Frage, der Text läßt einen nicht unberührt, zeugt von Können, ja das südländische Lokalkolorit, die Verstrebungen der Erzählmotive, das Innenleben der Figuren läßt ein wenig an die Romane von Antonio Tabucchi denken, man fühlt sich zumindest oft dorthin versetzt. Indes, worin Tabucchi besticht, läßt es Federmair – absichtlich? – mangeln: an Geradlinigkeit, der Ökonomie im Erzählen, am Aussparen, Zurücksetzen. Aber er könnte auf dem Weg dorthin sein, und das mag rechtfertigen, daß man nach der Lektüre überzeugt ist, sich ein neues, nächstes Buch von diesem Autor zu wünschen.

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