Das ewige Leben der Albaner von Ornela Vorpsi, 2007, ZsolnayDas ewige Leben der Albaner.
Roman von Ornela Vorpsi (2007, Zsolnay - Übertragung Karin Fleischanderl).
Besprechung von Jörg Plath in Neue Züricher Zeitung vom 20.03.2007:

Geliebte Hölle
Ornela Vorpsis faszinierendes Début «Das ewige Leben der Albaner»

Gute Länder haben Märchen, schlechte nicht. Oder nur Märchen, in denen heroische Partisanen nach viehischer Folter mit einem Grusswort an die Partei, das den verbohrtesten Nazi ins Grübeln bringt, in den Kommunistenhimmel aufsteigen. Enver Hoxhas Albanien, von dem Ornela Vorpsi in ihrem faszinierenden Début «Das ewige Leben der Albaner» erzählt, kennt nur solche Märchen. Hier braucht es keine strahlenden Prinzen, denn hier ist jeder unsterblich und denkt ausschliesslich an Sex. Mit nur halbem Bedauern wird den Mädchen von Eltern und Verwandten ihr Schicksal geweissagt: «Ein hübsches Mädchen ist eine Hure, ein hässliches – die Ärmste! – ist keine.»

Dieses Albanien ist ein verfluchtes Märchenland hinter den sieben europäischen Bergen, wo nach vielen Mühen kein irgendwie gearteter Lohn winkt – vielmehr gibt es dort nur die alltägliche Fron sowie ihre Schwestern Hass, Niedertracht, Brutalität, Gier, Gewissenlosigkeit. Und «Mutter Partei», die die Landeskinder prügeln, deportieren und erschiessen lässt. Das von kleinen Betonbunkern übersäte Land liegt erstarrt unter einem archaischen Bann. Niemand will ihn brechen. Denn die Albaner lieben ihre Heimat.

Befremdete Blicke

Ornela Vorpsi lässt ein Mädchen an der Schwelle zum Frausein befremdete Blicke auf die albanische Gesellschaft werfen: Das Hurenschicksal sagt ihr die Tante voraus, während der Vater sie ständig zwingt, ihn zu küssen. Eines Tages wird er in ein Lager deportiert, auch sein bester Freund hat gegen ihn ausgesagt. Weil er das Volk aufzuhetzen versucht hat durch die Vermutung, es gebe im nächsten Jahr zu wenig Kartoffeln? Weil ein Parteifunktionär die schöne Mutter ins Bett kriegen wollte? Wer weiss. Eine Anklage gibt es nicht. Die Familie schmäht den politischen Gefangenen als «Schwulen» und hält der Tochter vor, auch sie trage «es» «im Blut» und werde mit ihm ein Geschäft gründen: «Vater & Tochter: Arsch zu verkaufen – Liebesdienste aller Art». Derweil sterben in der Nachbarschaft Frauen an illegalen Schwangerschaftsabbrüchen, doch deren Kinder nennen die eigene, tote Mutter «Hure» und spucken aus.

Diese Aufzählung von Grausamkeiten liesse sich ohne Mühe fortsetzen. Die nur wenige Seiten langen Erzählungen, vom Verlag zum Roman nobilitiert, reihen sie ohne Erklärungen oder Distanzierungen aneinander. So stellt sich zunächst der Eindruck einer Sozialreportage aus dem finstersten Verlies Europas ein, dann der einer feministischen Kampfschrift voll verständlichem Furor. Oder sollte es sich um einen symbolisch aufgeladenen Realismus vom irdischen Leidenstal handeln? Es ist von allem ein wenig und dazu die Geschichte einer Befreiung. Nicht zufällig erschien sie zuerst in Frankreich. Ornela Vorpsi lässt in der fremden Sprache den knarrend archaischen Legendenton eines Ismail Kadaré hinter sich. Die 1968 in Tirana geborene Frau, die an der albanischen Akademie der schönen Künste studiert hat, 1991 nach Mailand ausreiste und seit 1997 in Paris als Fotografin, Malerin und Videokünstlerin lebt, erzählt auch auf raffinierte Weise. Oft verschränkt sie zwei Erzählstränge, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, mit einer Fülle von Bildern ineinander. Revolution und Sinnlichkeit stossen aufeinander, die Endlosigkeit des Universums und die parteitreue Haltung, der Darwinismus und die kindliche Suche nach dem Schatz im heimischen Garten.

Panoptikum des Grauens

In einer Erzählung von zwei schönen und geheimnisvollen Nachbarsfrauen erweisen sich Elektrokabel als roter Faden. Denn in «Albanien, wo es an so manchem fehlt, müssen sie für vieles herhalten»: Kabel dienen als Wäscheleine, unter der die Frauen, halb durch die nasse Wäsche verborgen, Sonnenbäder nehmen, und später, nach ihrer Deportation ins Lager, zum Erhängen.

Diese hyperrealistische Welt ist inspiriert von den Märchen der Brüder Grimm, und nicht zufällig erwähnt die Erzählerin, die am Ende wie die Autorin in das «gelobte Land» Italien ausreist, Hieronymus Bosch. «Das ewige Leben der Albaner» präsentiert ein Panoptikum des Grauens. Unsterblich sind seine Verdammten, weil sie in der Hölle leben. In der geliebten Hölle.

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