Das erleuchtete Fenster von Gert Loschütz, 2007, FVADas erleuchtete Fenster.
Erzählungen von Gert Loschütz (2007, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue Zürcher Zeitung vom 26.1.2008:

"Stilles Grauen"
Das erleuchtete Fenster» – Erzählungen von Gert Loschütz

Eine Fabrikarbeiterin geht zur Toilette und kommt nicht mehr zurück. Die Toilettentür ist verschlossen, die Toilette aber leer. Oder eine Familie legt in der Wohnung einen Garten an, der sich zu einem kleinen Urwald auswächst. Da geht die Frau eines ...

Eine Fabrikarbeiterin geht zur Toilette und kommt nicht mehr zurück. Die Toilettentür ist verschlossen, die Toilette aber leer. Oder eine Familie legt in der Wohnung einen Garten an, der sich zu einem kleinen Urwald auswächst. Da geht die Frau eines Abends mit der Giesskanne ins Wohnzimmer und kommt nicht mehr zurück. Man findet lediglich die Giesskanne, ein paar Kleiderfetzen und Blutspuren. Solcherart sind die Geschichten von Gert Loschütz: skurril und sonderbar, verschroben und geheimnisvoll. Nicht immer sind es solche Miniaturen, die eine Geschichte erzählen, indem sie alles aussparen und das spurlose Verschwinden gleichsam an sich selber vollziehen.

Gelegentlich holt Loschütz auch weiter aus und gibt dem Geschehen deutlichere Konturen und den Figuren ein schärferes Profil. Dennoch bleibt auch da manches in der Schwebe. So fährt eine Frau spätabends zu einer Freundin. Unterwegs liegt ein Mann am Strassenrand; die Frau vermutet einen Unfall, hält an und geht zu dem am Boden Liegenden, der sich jedoch als Schaufensterpuppe erweist. Später finden sich in ihrem Wagen drei abgetrennte Fingerkuppen und Blutspuren. Am nächsten Morgen erfährt sie, dass ihr Liebhaber, der wohl irgendwie in die Sache mit der Schaufensterpuppe verwickelt sein soll, nachts von drei Männern halb totgeschlagen worden sei. Danach bricht die Erzählung ab – und gleich fühlt man sich, als breche der Boden unter den Füssen weg: Man hat nicht recht verstanden, woher die Fingerkuppen und das Blut kamen, was mit dem Mann geschehen ist und wieso die Frau nun nicht nach ihrem Geliebten sehen will.

Für einen Augenblick stockt der Atem, allein, die Rätselhaftigkeit des Textes lässt sich nicht aufschliessen. Er hält sich im Zwielicht des stillen Grauens. Das Verfahren ist bekannt: Der Erzähler gibt nur die Hälfte der Geschichte preis und lässt danach seine Leser im Ungewissen zappeln. Das überzeugt einmal, auch zweimal, in der Häufung aber nutzen sich die Effekte ab. Wenn man als Leser alle zehn, zwanzig Seiten ins Leere tritt, dann wird man der Sache bald einmal überdrüssig. Die einzelnen Erzählungen können dann wohl mit grosser Kunstfertigkeit geschrieben sein, sie sind in dieser Serialität dann aber doch zu durchschaubar.

Wiederholt aber blitzt in diesen Texten auch Loschütz' Gabe des genauen Beobachtens und zur atmosphärischen Dichte auf. «Tirana» heisst ein kurzer Text, der den Leser in einen ehemaligen und nun unter Wasser stehenden Bunker des Diktators Enver Hodscha führt, wo ein Festessen gegeben werden soll. Gespenstischer und beklemmender ist kaum ein anderer Text, obwohl hier, genau besehen, nichts geschieht und weder Blut fliesst noch jemand verschwindet. Ein ganz anderes Gesicht wiederum zeigt der Autor in der Erzählung «Requiem für eine Katze». Das ist an Genauigkeit kaum zu übertreffen, da wird keine geheimnisvolle Kulisse aufgebaut und auch kein ins Leere laufendes Geschehen aufgebauscht. Ganz unspektakulär, aber dafür mit Hingabe, mit ungewöhnlicher sprachlicher Emphase und mit allmählich sich beschleunigendem Duktus erzählt Loschütz vom Tod einer Hauskatze. So lässt der Autor beachtliche Talente erkennen, der Band indessen hätte mit einer ausgewogeneren Komposition an Überzeugungskraft gewonnen.

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