Das einsame
Leben.
Schriften von Francesco
Petrarca (2004, Klett-Cotta - Übertragung Friederike Hausmann, hrsg.
von Franz Josef Wetz).
Besprechung von Jan
Wagner in der Frankfurter Rundschau, 15.9.2004:
Denke mit der
Natur!
Wer ihn liest, wird heute
noch belohnt: Zwei Schriften Petrarcas in neuer Übersetzung
Seltsam, in einer Zeit der Hektik
und Unruhe, der ununterbrochenen Informationsströme und der permanenten
Erreichbarkeit ein Buch wie dieses in Händen zu halten: Zwei Schriften des großen
Renaissancedichters und Gelehrten Francesco Petrarca, von denen eine zuletzt
1919, die andere noch nie aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen wurde,
und die sich beide sich mit demselben Thema beschäftigen: dem gottgefälligen
Leben in Abkehr von der Welt, der stillen Meditation in Erwartung des wahren
Lebens nach dem Leben - und also mit den Mitteln und Wegen, "sich den
Lockungen des Irdischen zu entziehen und die Seele in den unzähligen Stürmen
des Lebens im Gleichgewicht zu halten".
Über das Leben in Abgeschiedenheit, die längere der beiden Schriften,
entstand 1346 in Vaucluse, Petrarcas Rückzugsort nahe Avignon - fünf Jahre,
nachdem er auf dem Kapitol in Rom zum poeta laur(e)atus gekrönt worden
war, fast zwanzig Jahre, nachdem er bei einem Kirchgang jene Laura gesehen
hatte, die ihn zu seinem bekanntesten Werk, dem Canzoniere, inspirierte.
Petrarca möchte in De vita solitaria den Beweis erbringen, dass Glück
und Seligkeit nur in der Entsagung zu finden sind. Zu diesem Zweck hält er - in
polemisch zugespitzter Form - dem Leben der Städter, das zwangsläufig zu Zermürbung
und Sünde führen müsse, das Dasein auf dem Land, im Schoße der Natur
entgegen. Seine Schlussfolgerung: "Das eine Leben basiert auf fröhlicher
Muße, das andere auf trauriger Geschäftigkeit."
Petrarca entlarvt also nacheinander die Objekte weltlichen Begehrens, Geld und
Einfluss, Ruhm und Sinnenfreude, als nichtig, ja dem Seelenheil abträglich,
preist dagegen die wunschlose Einsamkeit, die dem Nachdenken des Menschen über
sich selbst und seine Rolle im Weltgefüge dienen müsse, denn:
"Abgeschiedenheit ohne geistige Tätigkeit bedeutet tatsächlich Verstoßensein,
Gefangenschaft und Qual, in Verbindung mit geistiger Tätigkeit dagegen Heimat,
Freiheit, Freude."
Kronzeugen bei dieser Argumentation gegen vergängliche Werte, die den barocken
Vanitas-Gedanken vorwegzunehmen scheint, sind nicht nur eine Vielzahl bekannter
und weniger bekannter Anachoreten (angefangen bei dem von Eva noch unbehelligten
Adam), deren Leben und Streben Petrarca ausführlichst darstellt, sondern auch
eine Reihe klassischer Philosophen, Rhetoriker und Dichter, deren Beispiele er
lobt und deren Werke er als Belege heranzieht - wenn auch beim Verfasser der
Metamorphosen deutliche Abstriche gemacht werden: "Ovid scheint mir ohne
Zweifel ein großer Dichter zu sein, aber zügellos, unmoralisch und ein
Weiberheld."
Secretum meum, das vier Jahre früher entstand, doch von Petrarca - auch
deswegen der Titel Mein Geheimnis - zu Lebzeiten nicht publiziert wurde,
enthält ähnliche Gedanken, entwickelt diese aber am Beispiel der eigenen
Person und stellt somit das Leben des Autors selbst auf den Prüfstand. In einem
Prolog erscheinen Petrarca die Allegorie der Wahrheit und eine Gestalt, in der
er bald den von ihm verehrten Kirchenvater Augustinus erkennt.
Nie das rechte Maß gefunden
Mögen solche Stellen auch gut versteckt sein in einem wahren Panoptikum von Heiligen, in einer Fülle von Eremitengeschichten, so lädt doch die Lektüre zum Innehalten "zwischen den Extremen" ein und führt für Augenblicke zu jener Balance, die Petrarca selbst vor allem in seiner Dichtung gelang. Die Augustinus in den Mund gelegte Befürchtung, "dass du dich noch an deinem Todestag, der vielleicht schon nahe ist und gewiss nicht mehr fern sein kann, aus Gier nach dem Gold über dein Rechnungsbuch beugst", sollte sich trotzdem nicht bewahrheiten: Als Petrarca im Juli 1374 im Alter von siebzig Jahren starb, fand man ihn morgens in seinem Studierzimmer nahe Padua am Schreibtisch sitzend, den Kopf auf eine Schrift von Vergil gebettet.
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