Das
Eigentliche.
Roman von Iris Hanika (2010,
Droschl).
Besprechung von Kathrin Kuna in DUM
- Das alternative Magazin, 2010:
Das Institut für
Vergangenheitsbewirtschaftung ist der zentrale Schauplatz in Hanikas neuem
Roman. Hans Frambach arbeitet als Archivar in diesem. Tagaus tagein ist es seine
Aufgabe das Verbrechen des Zweiten Weltkrieges, die Taten Nazi-Deutschlands zu
dokumentieren, zu ordnen, zu archivieren. Wir erfahren nichts über seine genauen
Arbeitsabläufe, aber über seine Gedanken zu diesen. Über seine Verzweiflung und
seine Scham, aber auch über den unbedingten Wunsch all das einmal loslassen zu
können. Erst als seine beste Freundin, Graziela, einen Mann kennen lernt und
sich voll und ganz der Beziehung zu diesem bzw. ihrer bis dahin komplett
vernachlässigten weiblichen Seite öffnet, sieht Frambach, dass das Eigentliche
unterschiedliche Formen hat.
Was ist das Eigentliche?
Hanika findet keine Antwort darauf. Darauf
hofft man auch nicht wirklich, muss doch jeder für sich selbst das Eigentliche
finden. Nach ihrem Erfolg Treffen sich zwei erwartet man von der Autorin
aber mehr Einfühlungsvermögen für ihre Figuren, mehr Freude am Leben - auch bei
einem Thema wie dem Holocaust. Frambachs Verbitterung und Tunnelblick steckt
leider tatsächlich auch manchmal in der Erzählerstimme, von der man sich eben
genau dann weniger Objektivität und mehr Menschlichkeit erwarten würde.
Vielleicht hätte aber genau eine solche Erzählhaltung einen sentimentalen Touch
hervorgerufen - genau das, was Hanika am Ende des Buches verurteilt, wenn sie
Frambach am Potsdamer Platz herumlaufen lässt und ihm auffällt, wie präsent doch
unsere Vergangenheitsbewirtschaftung ist. Verkitschte und oftmals auf
Liebesbeziehungen reduzierte Geschichten aus der NS-Zeit beherrschten für eine
gewisse Zeit das Kinoprogramm. Von The Reader über die filmische
Auseinandersetzung mit dem misslungenen Attentat auf Hitler ist in Hanikas Buch
z.B. die Rede. Wenngleich man verstehen kann, dass diese Art der medialen
Konfrontation als "grotesk" und "Moralschinken" bezeichnet wird, ist es doch
eben genau dieser anklagende Ton, der das Buch mitunter so mühsam, die Figur des
Frambach so mühsam macht.
Verzeihen ohne zu Vergessen
Wie gehen wir mit der Vergangenheit um, v.a. aber mit der Schuld, die uns in den
Knochen steckt, noch Generationen später? Was ist die Alternative zu einem
unendlichen Schuldkomplex, der im Falle Frambachs zu regelrechtem Selbsthass und
Lebensverweigerung führt? Der Roman liefert keine wirkliche Antwort. Frambach
erfüllt sich am Ende der Geschichte einen langersehnten Reisetraum. Ob das die
"Erlösung" der Figur bewirken wird? Graziela hat sich in der Beziehung zu ihrem
Exfreund selbst besser kennen gelernt und reflektiert am Ende über ihre
Fähigkeit der Verwandlung, ihr Potential sich auf einen anderen Menschen
einzulassen, aber auch ihre Gefahr sich selbst dabei zu verlieren. Frambach ist
erleichtert über die Einsicht seiner Freundin und erkennt die Notwendigkeit auch
in seinem Leben eine Änderung vorzunehmen. Die Abschlussszene am Potsdamer Platz
ist aber vermutlich auch so zu lesen, dass dieser Frust und dieses Unverständnis
tiefer liegt als im Erbe einer Nation und daher auch nicht durch eine Fernreise
geheilt werden kann. Konsequenterweise gibt es also keine Lösung am Ende des
Romans, leider aber auch keine wirkliche Versöhnung. Verzeihen ohne zu
Vergessen. Wäre das nicht die Möglichkeit?
Beeindruckend ist die sprachliche Gewalt, mit der Hanika die Bedrückung und Not
in Frambachs Leben, aber auch in dieser Vergangenheitsbewirtschaftung
beschreibt. Das System der Archivierung und Systematisierung, das Verlangen nach
Ordnung in der Dokumentation und Kontrolle im Vergessen und Erinnern wird auch
auf der sprachlichen Ebene deutlich. Lexikalische Einträge, Zitate und
Referenzen auf philosophische Versuche der Beschreibung von Gesellschaft und
Zusammenleben können als Hinweise hinaus aus dem grauen Archiv verstanden
werden. Gleichzeitig zeigen sie aber wiederum eine gewisse intellektuelle
Systematik an, in der man sich verlieren oder auch zurechtfinden kann. So folgen
auf diese Textpassage drei leere Seiten mit "Raum für Notizen". Der Barbarei des
Schreibens nach Auschwitz hat sich Hanika sehr gut gewidmet, es bleibt dem Leser
überlassen sich der durchaus vorhandenen Menschlichkeit in der Gegenwart wieder
anzunähern.
[...diese und weitere Besprechungen
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