Das Echolot von Walter Kempowski, 2002, Knaus1.) - 2.)

Das Echolot.Barbarossa '41.
Ein kollektives Tagebuch von Walter Kempowski (2002, Knaus).
Besprechung von Martin Ebel in der Stuttgarter Zeitung, 19.4.2002:

Der große Gleichmacher
"Barbarossa '41" - Walter Kempowski setzt das "Echolot" fort

Ein Viertelpfund Brot, genau 125 Gramm, stand jedem Einwohner der von deutschen Truppen eingeschlossenen Stadt Leningrad im Dezember 1941 zu, viel zu wenig zum Leben, geeignet lediglich, das Sterben qualvoll zu verlängern. "Die Menschen starben überall: auf den vereisten Treppenstufen in den Aufgängen ihrer Häuser, so hingen sie manchmal tagelang am bereiften Geländer angefroren, weil niemand die Kraft hatte, sie wegzuschaffen. Sie saßen tot auf den Fensterbrettern in den Treppenhäusern, lagen auf den Straßen in den Schneeverwehungen. Es war eine Stadt der Toten."

Hunde, Katzen, Tauben sind verschwunden, die Leningrader haben sie aufgegessen. Ein klappriges Pferd, das einen Leichenwagen zieht, wird auf offener Straße angehalten und geschlachtet. Die Menschen essen Holz, Erde, Zimmerpflanzen, Tischlerleim. Eine Mutter, die das Geschrei ihres Babys nicht mehr erträgt, sticht sich in den Oberarm und lässt es ihr Blut trinken; Milch hat sie längst keine mehr. Andere Kinder stehlen ihren Eltern, Eltern ihren Kindern die kärgliche Ration.

Die 18-jährige Soja Reschetkina erinnert sich: "Gestern hat ein kleiner Junge den Brotladen betreten, er war schon einem Greis ähnlich. Er lehnte sich an die Wand und begann plötzlich ganz langsam zu Boden zu rutschen, setzte sich in einer ungewöhnlichen Pose. Der Junge war tot. Der stechende Geruch des Brotes hat ihm den Rest gegeben." Soja Reschetkina gehört zu denen, die die Belagerung Leningrads überlebt haben. Ihre Berichte liegen in Walter Kempowskis Archiv, zusammen mit mehr als 6000 weiteren Tagebüchern, Erinnerungen und Briefkonvoluten, aus denen der Nartumer Schriftsteller seit Jahren sein "Echolot" komponiert.

"Echolot": Das ist jenes "kollektive Tagebuch", das Geschichte schreibt, indem es die sprechen lässt, die sie erlebt und erlitten haben, ohne Kommentar, ohne Quellenkritik. Zwei umfangreiche Lieferungen von je 3000 Seiten liegen bereits vor, sie behandeln jeweils einige Wochen der Kriegsjahre 1943 und 1945, dazu gibt es einen Einzelband über die Bombardierung Dresdens. "Barbarossa ’41", die jüngste "Echolot"-Veröffentlichung, behandelt auf "nur" 700 Seiten den Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion: den Juni/Juli 1941 und die drei letzten Dezemberwochen dieses Jahres, in denen der Vormarsch vor Moskau zum Stehen kam und die Rote Armee zum Gegenangriff überging, unterstützt von einem furchtbaren Verbündeten: dem "General Winter". Fortsetzung

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Das Echolot von Walter Kempowski, 2002, Knaus2.)

Das Echolot.Barbarossa '41.
Ein kollektives Tagebuch von Walter Kempowski (2002, Knaus).
Besprechung von Stephan Reinhardt in der Frankfurter Rundschau, 17.10.2002:

Zu allem, wirklich allem bereit gewesen
Walter Kempowskis "kollektives Tagebuch" offenbart die wahre, grausame Seite des Hitlerschen Russlandfeldzugs

"Vom Kriegsende wird nicht mehr so viel gesprochen, weil jedermann weiß, dass es wahrscheinlich noch in weiter Ferne liegt" - notierte Joseph Goebbels nach der Rückkehr von einer Besprechung mit Hitler im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" in Ostpreußen am 20. Dezember 1941 in sein Tagebuch. Ein halbes Jahr vorher, als am 22. Juni der "Unternehmen Barbarossa" genannte Überfall auf die Sowjetunion begann, war es noch ganz anders: Als mehr als drei Millionen Soldaten von der Ostsee bis zu den Karpaten im Morgengrauen gen Osten marschierten, rechneten viele mit einem "Blitzsieg"; höchstens vier Monate, so glaubte Hitler, werde die "Aktion" dauern.

Walter Kempowski hat den Beginn, die ersten 18 Tage dieses Krieges, vom 21. Juni bis zum 8. Juli 1941, auf nahezu 300 Seiten dokumentiert und noch einmal auf fast 400 Seiten daran anschließend die letzten 25 Tage des Jahres 1941, vom 7. Dezember bis 31. Dezember. Wie schon in Echolot, der monumentalen, 3000 Seiten fassenden Chronik der beiden Monate Januar und Februar 1943, sind seine Materialien: Tagebücher, Briefe, Autobiographien, Erinnerungen, Aufzeichnungen. Aus etwa 110 - zum Teil mit Echolot identischen - Quellen rekonstruiert er mosaikartig und vielstimmig das verhängnisvolle Geschehen dieses Krieges, die deutscherseits unsägliche Mischung aus Verblendung und Opferbereitschaft, das daraus folgende unendliche Leid.

Kempowski beschreibt Anfang und Wende des Russlandkrieges aus ständig wechselnder Perspektive. Einerseits aus deutscher Sicht: der der politischen Führung - Hitlers, Goebbels -; der Generalität, also des Heeresgeneralstabschefs Halder, in dessen Händen die Einsatzplanung lag; des von Hitler geschätzten Panzerkommandeurs Guderian; von Offizieren, Soldaten und etlichen unbekannten und prominenten Zivilisten. Andererseits versammelt er die Augenzeugenberichte russischer Offiziere, Soldaten und Zivilisten, unter ihnen zahlreiche Protokolle von Russen, die im eingeschlossenen Leningrad massenhaft verhungern.

Kempowskis Porträt von 43 Kriegstagen des "zerstörerischsten und barbarischsten Krieges in der Geschichte der Menschheit" (Kershaw) protokolliert am Beispiel zahlreicher Einzelerlebnisse minutiös das Kriegsgeschehen: den deutschen Aufmarsch (in den drei Heeresgruppen Norden, Mitte und Süden), die Bombardements von Luftwaffe und Artillerie, das schnelle Vorrücken des Aggressors und das Zurückweichen der überraschten, zu Anfang an Zahl etwa gleich starken Russen. Der Krieg mit seinen Gräueln frisst sich ins Land: Eilmärsche auf überfüllten Straßen, Gefechte, brennende Dörfer und Exekutionen. Bereits zwei Tage nach Kriegsbeginn, am 24. Juni, erschießen Angehörige der Einsatzgruppe A - es handelt sich um "normale" Schutzpolizisten - bei Memel eine Gruppe von Juden "wegen Vergehen gegen die Wehrmacht auf Befehl des Führers".

Auf die Frage eines Schützen nach der Rechtmäßigkeit dieser Tötungen erfolgt seitens des Vorgesetzten die Antwort: "eine Generation muss dies . . . durchstehen, damit es unsere Kinder besser haben". Auch Wehrmachtsangehörige aller Waffengattungen sind bei der Exekution von Juden und Politkommissaren beteiligt. Über ein Anfang Juli in Luzk auf Befehl von Generalfeldmarschall von Reichenau verübtes Massaker an Juden berichtet ein Kriminalkommissar: "Ich sah, dass ein Major der Wehrmacht ein schweres MG, das ihm von Landsern gegeben worden war, die es hielten, senkrecht zur Grube hinhielt und einen ganzen Gurt Schüsse in die Grube jagte."

Kempowski dokumentiert vor allem im Dezember-Teil seines Tagebuchs die erste Phase des Holocaust durch Augenzeugenberichte: zum Beispiel über den Massenmord an 33 771 Juden Ende September in der Schlucht von Babijar bei Kiew, über Deportationen von jeweils 1000 Juden aus Köln und Düsseldorf nach Riga oder über das Einführen der Tötung durch Vergasen, da sich die Kommandeure der Einsatzgruppen darüber beklagt hatten, dass ihre Leute durch die Massenerschießungen "seelisch und moralisch" zu sehr belastet würden.

In etlichen Berichten deutscher Soldaten und Offiziere findet sich bei Kempowski auch wieder, dass Hitler den lang geplanten und vorbereiteten Vernichtungskrieg gegen den "jüdischen Bolschewismus" als Präventivschlag gegen den angeblich unmittelbar bevorstehenden "Ansturm der slawischen Barbaren" darzustellen versuchte - eine Geschichts- und Propagandalüge, mit der 1986 der Geschichtsrevisionist Ernst Nolte den sogenannten "Historikerstreit" vom Zaun brach.

Nicht nur Nazis, auch ganz normale Deutsche motivieren sich 1941 mit der Legende vom jüdisch-bolschewistischen "Untermenschen" zu Entschlossenheit und äußerster Härte. Von Litauern und Ukrainern als "Befreier" vom "Sowjetbolschewismus" begrüßt, tolerieren (oder begrüßen) sie, wenn Juden von Litauern und Ukrainern mit Knüppeln massakriert werden.

Hitler war, so gibt Generalstabschef Halder am 8. Juli nach seinem "Vortrag beim Führer" in der "Wolfsschanze" zu Protokoll, zu allem bereit: "Feststehender Entschluss des Führers ist es, Moskau und Leningrad dem Erdboden gleich zu machen, um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssten. Die Städte sollen durch die Luftwaffe vernichtet werden." Doch Hitlers Erwartungen erfüllten sich nicht. Bereits am 30. Juni - acht Tage nach Kriegsbeginn - berichtete der "Sicherheitsdienst", dass man die "russische Kampfkraft" unterschätzt habe und überrascht sei, "dass sich der russische Soldat so zäh und verbissen verteidigt und sich lieber erschießen als gefangennehmen lasse". Man habe, notierte Halder am 11. August, den "Koloss Russland" unterschätzt. Und Ende August stimmte Hitler einer Denkschrift der Wehrmacht zu, mit der er sich bereits auf die Fortsetzung des Russlandfeldzuges im Jahre 1942 einstellte. Der kämpfenden Truppe wurde das freilich nicht mitgeteilt. In ihr haben NS-Gläubige wie Leutnant Walter Melchinger oder die NS-Schriftstellerin Grete Dölker-Röhder "bedingungsloses Vertrauen" in die "Größe unserer Führung".

Das wahre Gesicht des Krieges dagegen sieht der Soldat Paul Hübner: "Zerschossene Fahrzeuge, . . . ausgebrannte Panzer, zerrissene Pferdeleiber und dazwischen die Toten, an rauchenden Baumstümpfen, am Wegrand mit offenen Augen . . . Freund und Feind, Junge und Alte, Väter, Söhne, Gatten: Menschen!" Und der kluge Arzt Fritz Lehmann kommentiert in Königsberg: "die Schulbubenweisheit von der Unabwendbarkeit der Kriege kann wieder einmal billige Triumphe feiern".

Der bereits im Spätsommer 1941 misslungene Ostfeldzug scheiterte vollends, als Anfang Dezember ein plötzlicher Kälteeinbruch mit Temperaturen bis zu minus 50 Grad in Moskau die deutsche Offensive kurz vor der russischen Metropole endgültig stoppte. Der unmittelbar folgende sowjetische Gegenangriff und der Kriegseintritt der USA nach Pearl Harbour bedeuteten die Wende des Krieges.

Wie sehr sie und das Kriegsende herbeigesehnt wurden, zeigen in diesem kollektiven Tagebuch nicht nur Aufzeichnungen, die zum Beispiel Thomas Mann und Bert Brecht in den USA, Harold Nicolson in London, André Gide in Südfrankreich, oder Viktor Klemperer im Judenhaus in Dresden zu Papier bringen, sondern auch die Berichte derer, die nach Hitlers Wunsch und Wille zu Hunderttausenden in Leningrad verhungern.

Zu fragen bleibt, ob eine Reihe von Tagebuchstimmen wie etwa die von Max Beckmann, Robert Walser oder Karl Wolfskehl, die nichts oder kaum etwas beitragen zum rassischen Vernichtungskrieg "Unternehmen Barbarossa", nicht hätten ersetzt werden können durch aussagekräftigere. Auch wäre eine die vielen Tagebuchstimmen gliedernde Einleitung hilfreich gewesen und hätte sicherlich auch das aufklärende Verstehen erleichtert. Sinn solcher von PC's begünstigten Mammutsammelarbeiten ist doch wohl nicht die Bestätigung der sozialdarwinistischen Geschichtsphilosophie, die Kempowski in seinem kurzen Vorwort anklingen lässt, nämlich dass zivilisatorische Katastrophen wie Kriege immer mal wieder unvermeidlich sind, sondern dass sie helfen, sich der Wiederkehr des inhumanen Wahnsinns zu widersetzen.

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