Das Echo der Erinnerung von Richard Powers, 2006, S. Fischer

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Das Echo der Erinnerung.
Roman von Richard Powers (2006, S. Fischer - Übertragung
Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié).
Besprechung von Markus Thiel im Münchner Merkur, 18.11.2006:

Schein des Seins
Richard Powers Roman „Das Echo der Erinnerung”

Eine helle Erscheinung. Unerklärlich, plötzlich am nächtlichen Straßenrand auftauchend und so erschreckend, dass ein fast tödlicher Unfall provoziert wurde. Was genau es war, wird erst auf den letzten Seiten aufgeklärt. Mark, das Beinahe-Opfer, reißt das Steuer herum, überschlägt sich mit dem Transporter, kommt knapp mit dem Leben davon ­ auch wenn das nun ganz anders aussieht. Ein folgenschweres Hirntrauma: Die, die er liebt und braucht, erkennt er nicht mehr. Karin, seine Schwester, die seine Genesung vorantreibt, akzeptiert er nur als hilfsbereite Fremde ­ was diese noch in gesteigerte Selbstlosigkeit treibt.

Bestsellerautor mit philosophischen Ambitionen

Zum zweiten Mal, wie in seinem Bestseller „Der Klang der Zeit”, erzählt Richard Powers das Schicksal von Geschwistern. Damals das eines Tenors und seines Klavierbegleiters, in dem sich Amerikas Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelte. Ein Buch, das überdeutlich die Insignien des „großen Romans” vor sich hertrug. In „Das Echo der Erinnerung”, scheint Powers, der soeben dafür mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, alles eine Nummer kleiner zu spielen. Die gewollte Wucht des Welterfolgs ist nun einer Verfeinerung der Mittel gewichen ­ allumfassende Themen lassen sich eben auch, das ist die Stärke von „Echo der Erinnerung”, ohne Fanfarenstöße vorführen.

„Capgras-Syndrom” nennt die Neurobiologie Marks Zustand. Die Unfähigkeit, nicht nur die Schwester, den treuen Hund, bald auch die Freunde als „echt” zu akzeptieren, scheint frühere Ablehnungen zu entlarven, führt auch zu tiefer Verunsicherung: Könnte es nicht sein, so argwöhnt Mark, dass alles um ihn inszeniert wurde? Eine Kunstwelt, geschaffen aus unerklärlichen Gründen? Karin holt einen Experten, Gerald Weber, der sich in der perfekten Ehe sonnt. Eine Lichtgestalt, die in Marks Dunkel tritt. Ebenso wie Barbara, die Krankenschwester, die sich fast penetrant für den Patienten aufopfert. Bald wird klar, dass Marks Fall ein Katalysator ist. Ein Fall, der den Schein des Seins vorführt, der enthüllt, dass Barbara ein dunkles Geheimnis hat und Webers Leben durch die Konfrontation mit Marks Umfeld ins Wanken kommt.

Gewichtige Themen streift Powers: die Funktion und das Selektive von Erinnerung, die Frage, wie determiniert oder wie frei in seinen Entscheidungen der Mensch ist. Das philosophische Problem, was überhaupt als Realität gilt, wie abhängig alles ist von subjektiven Wahrnehmungen, wie relativ damit (Selbst-) Gewissheit sein kann. Virtuos ist, wie Powers all dies anhand von Marks Situation aufrollt. Wie er Türen zu Schauplätzen öffnet, neue „Helden” in den Mittelpunkt rückt und all das zu einer packenden Vielschichtigkeit verknüpft.

Dass er recherchiertes Wissen, hier das Spannungsfeld zwischen Neurobiologie und klassischer Verhaltenstherapie, gern über die Seiten wuchern lässt, war auch schon das Problem von „Klang der Zeit”, der oft in die Speziallektüre von Musikfans glitt. Die Thematik freilich ist nun populärer ­ und seine literarische Umsetzung kaum zu fassen: Familiengeschichte? Krimi? Populärphilosophie? Wissenschaftsroman? Auf jeden Fall das neue starke Werk eines großen Erzählers.

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Das Echo der Erinnerung von Richard Powers, 2006, S. Fischer2.)

Das Echo der Erinnerung.
Roman von Richard Powers (2006, S. Fischer - Übertragung
Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié).
Besprechung von Roland Mischke aus den Nürnberger Nachrichten vom 13.01.2007:

Das Echo der Erinnerung
Der neue großartige Roman von Richard Powers

Mark Schluter ist in einer unübersichtlichen Verkehrssituation für einen Moment zu wenig konzentriert. Ein Unfall, sein Truck überschlägt sich. Nur mit größter Mühe kann Mark von Rettungskräften geborgen werden, im Krankenhaus befindet er sich zwei Wochen im Koma. Mark erleidet eine Gehirnverletzung, sie könnte irreparabel sein.

Seine ältere Schwester Karin erkennt die Lage und übernimmt aus Mitleid zum Bruder dessen Pflege. Doch auch nach seiner relativen Genesung verhält sich Mark ihr gegenüber wie ein Fremder. Er erkennt sie, zeigt aber keine Gefühle der Erleichterung oder Dankbarkeit. Schnell wird klar, dass er seine Pflegerin für eine feindliche Doppelgängerin seiner Schwester hält. Mark fühlt sich wie in einem Sog unaufgedeckter Wahrheiten und verschleierter Geheimnisse, seine Gehirnstörung hat ihm die Welt zum Feind gemacht.

Richard Powers, Jahrgang 1957 und in den Vereinigten Staaten als «größter lebender amerikanischer Autor» gerühmt – mehrere seiner bisher sieben Bücher erhielten bedeutende Preise –, begibt sich mit seinem Roman in die Welt der jungen Wissenschaft Neurobiologie. Mit Fleiß hat er sich deren letzte Erkenntnisse angeeignet und spielt virtuos mit seinem profunden Wissen. Er will belegen, dass der Mensch keineswegs Herr seines Denkens ist, wie bisher geglaubt wurde. Auf faszinierende Weise schildert Powers Innensichten des Menschen. Dabei verbindet er wissenschaftlich-psychologischen Tiefsinn mit weitgreifenden philosophischen Erwägungen. Das Buch ist anspruchsvoll und dennoch gut lesbar. Etwas, das US-Autoren überzeugender beherrschen als Schriftsteller der Alten Welt.

Der Roman hat mehrere Handlungsstränge, einer davon ist das Auftauchen des berühmten Neurologen Gerald Weber, der sich Marks Fall annimmt, um an ihm seine eigenen Hypothesen zu erläutern. Marks Erkrankung nennt er das «Capgras-Syndrom» und Karin erklärt er, was das bedeutet: «Capgras-Patienten glauben, dass Leute, die sie lieben, durch genauso aussehende Roboter, Doppelgänger und Außerirdische ersetzt worden sind. Das Gesicht der geliebten Person weckt Erinnerungen, aber keine Gefühle.» Karin versucht verzweifelt, die gemeinsamen Jugendjahre aus der Versenkung zu heben, doch der Bruder reagiert unangemessen auf ihre liebevolle Fürsorglichkeit.

Dabei wird klar, dass die Kindheit der Geschwister im Städtchen Kearney in Nebraska keineswegs so idyllisch war, wie Karin sie darstellt. Das Kaff war abgeschieden von den kulturellen Strömungen, erst durch das Internet erhielten seine Bewohner mehr Kontakt mit der Welt. Nun wollen sie ihre Seenplatte mit dem Rastplatz für Kraniche vermarkten, aber es gibt Probleme – auch mit den beiden Liebhabern Karins. Der eine, ein Makler, will Grundstücke im Naturschutzgebiet meistbietend verscherbeln, der andere ist ein ausgewiesener Öko-Aktivist im Dauerkampf gegen das gefräßige Kapital. Der Konflikt ist programmiert.

Powers führt auch in dieser Hinsicht die großen Probleme unserer Zeit ins Romangeschehen ein: Verantwortung für die Umwelt, die Entscheidung des Gewissens, Bewusstseinsbildung für das, was wirklich zählt. Das geht zugleich gegen die Reflexe des Urgehirns mit seinem «Echo der Erinnerung». Alles wird verwoben in diesem Buch, von der Globalisierung, die den letzten Winkel erreicht, bis zum nicht steuerbaren Hirn des Protagonisten. Keine Frage, Powers schreibt großartige Literatur. Er ist einer der letzten Universalgelehrten der Literatur und hat ein feines Gespür für die Schicksalsfragen der Menschheit.

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