Das dreizehnte schwarze Pferd von Jan Skácel, 1995, WieserDas dreizehnte schwarze Pferd.
Prosa von Jan Skácel (1995, Wieser-Verlag
- Übertragung Christa Rothmeier).
Besprechung von Taja Gut
in der Neue Zürcher Zeitung, 1995:

Unscheinbare Dinge
Jan Skácels Prosaband «Das dreizehnte schwarze Pferd»

Nach dem «elften weissen» nun «Das dreizehnte schwarze Pferd» von Jan Skácel. «Sind das nicht ein bisschen viel Pferde?» fragt sich der Dichter selbst, gibt aber zu bedenken, dass man für einen Silberrubel, wie die Verleger ihn Puschkin pro Vers zahlten, damals in Russland immerhin ein Pferd kaufen konnte. Er hingegen müsse «sie auch noch selbst zu Papier bringen».

Der erste Band mit «Kursivglossen» oder «Kleinen Rezensionen», wie der Dichter aus Mähren seine Kleinprosa nennt, erschien bereits 1964 (deutsch 1994), der zweite erst knapp dreissig Jahre später, als Zensur, kommunistisches Regime und selbst der Staat verschwunden waren, in dem Jan Skácel (mit Ausnahme der Kriegsjahre als Zwangsarbeiter in Österreich) sein ganzes Leben verbracht hat. Er hat das alles nicht mehr erlebt. Er starb am 7. November 1989, zweieinhalb Wochen bevor mit dem Abtreten des alten Regimes auch das über ihn verhängte Publikationsverbot zum Anachronismus wurde. Die zwei Pferdchen, ein «weisses und ein schwarzes», mit denen er auf den Friedhof gefahren zu werden wünschte, sind erst jetzt ein Gespann.

Wie schon beim ersten Bändchen hat auch hier Christa Rothmeier eine Auswahl aus den Originaltexten getroffen und in österreichisch tingiertes Deutsch übertragen. Das Fremde, zunächst vielleicht auch Befremdliche dieser Eindeutschung ergibt durchaus einen Sinn, bedenkt man die lange gemeinsame Geschichte, die Mähren kulturell mit der einstigen Donaumonarchie verband, jenes Mähren, in dem Skácel zu Hause war, gerade weil es weder beanspruchen konnte noch wollte, eine eigene Nation zu sein. In seiner letzten Rede kehrt, vermächtnishaft in den Vorabend neonationalistischer Exzesse gesprochen, eine frühe Lieblingsvorstellung von ihm wieder: dass die «scheinbar winzige Pause, die kurze Stille» zwischen dem tschechischen und dem slowakischen Lied, die die einstige Landeshymne bildeten, die «mährische Nationalhymne» sei.

Die meisten der hier versammelten, oft kaum zwei Seiten langen «kleinen Rezensionen» sind solche «scheinbar winzige Pausen» im allgemeinen Rede- und Schreibfluss. Jan Skácel ist ein Meister in der Kunst des Lapidaren. «Ich möchte gerne so schön schweigen können wie die Steine», antwortet er im beigegebenen «Proustschen Fragebogen». Kein Dichter also am Rande des Verstummens, sondern einer in der Mitte des Schweigens. Viele und vor allem grosse Worte mag er nicht, meist belässt er es gewissermassen beim Hochziehen der Augenbrauen. Die Sätze fügen sich scheinbar derart beiläufig zu Texten, dass man die hohe Kunstfertigkeit leicht übersieht, die in ihnen am Werk ist: fast mehr als in den Wörtern noch in den Rhythmen, Absätzen, Pausen. Mit ruhiger Hand führt Skácel die Verworrenheit, das Scheinbare der Dinge und Zustände, die ihn umgeben, auf jene unscheinbare Einfachheit zurück, in der sie sich in ihrer ganzen Vielschichtigkeit entfalten. Zum innertextlichen Spiel und zum Gespräch mit der Erfahrungswelt tritt als weiterer, hier und heute nur schwer nachvollziehbarer Bezug die sprachliche Résistance gegen Zensur und Politik der CSSR vor dem Prager Frühling hinzu.

Die «Rezensionen» erschienen ursprünglich als Randnotizen in der namhaften Brünner Literaturzeitschrift «Host do domu» (Gast ins Haus), die er von 1963 bis zu ihrem Verbot 1969 herausgab; und was da «rezensiert» wurde, war etwa das «Warten auf den örtlichen Abstinenten», ein «Gebet» oder die «Sauregurkenzeit». Hinzu kommen etwas längere Arbeiten aus den siebziger und achtziger Jahren.

Die scheinbare Harmlosigkeit der Themen trügt. Skácel ist ein Spaziergänger, er definiert nicht, sondern erzählt, wenn auch auf dem engen Raum, den üblicherweise eine Definition einnimmt. Und in einer Zeit und Gegend, in der Lesen die Kunst der wunderbaren Wortvermehrung war, durften die Sätze ruhig noch verschwiegener ausfallen als beispielsweise in der «Kleinen Rezension über einen Kanarienvogel»: «Es kamen uns allerlei Ideen. Den Gesang und den Käfig betreffend. Zum Beispiel die, dass ein Kanarienvogel, wenn er fortwährend im Käfig eingesperrt ist, in sein eigenes Nest machen muss. Ob er will oder nicht.»

Der Humor, der in diesen Stücken so etwas wie die dynamische Mitte bildet und zugleich gutmütig und grotesk, bissig und versöhnlich zu sein weiss, gründet in der Gemeinschaft von Zweifel und Güte, in einer unerbittlichen Versöhnlichkeit und – im tiefsten – einem kindlichen, niemals naiven Staunen, dem Kristallisationszentrum des Dichterischen: «Wir haben aber zu Hause in der Kammer eine Maus. Sie ist grau, klein, nimmt nicht viel Platz ein und ernährt sich im Rahmen der nationalen Traditionen rechtschaffen von kleinen Diebstählen.»

In einer Zeit, die mehr und mehr das Wunder mit dem Sensationellen, das Geheimnisvolle mit dem Mysteriösen verwechselt, hat diese Fähigkeit, über «geringe Dinge» sich zu wundern und zu staunen und sich im übrigen nicht allzu wichtig zu nehmen, etwas Beglückendes. Sie taucht die Texte des Büchleins in ein mildes Licht, ein Herbstlicht vielleicht, in dem die tiefer werdenden Schatten unter den Augen das Helle darin notwendig und behutsam umschliessen. «Ein grosser Bedarf an unscheinbaren Dingen tritt ein.»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0412 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © NZZ