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Das dreizehnte Kapitel.
Roman von Martin Walser (2012,
Rowohlt).
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 6.9.2012:

„Das dreizehnte Kapitel“ - Martin Walser Liebesroman mit Versuchsballons
„Das dreizehnte Kapitel“, der neue Roman des Großschriftstellers Martin Walser, fängt stark an, lässt stark nach und endet stark. Er besteht aus lauter Briefen und E-Mails und stellt sich so in die Tradition von Goethes „Werther“ und Choderlos de Laclos’ „Gefährlichen Liebschaften“.

Darf man einen Romanhelden ungestraft Basil Schlupp nennen? Fast der einzige, der das darf, ist Martin Walser. Also hat er es getan. Der ältere Schriftsteller, der in Walsers am Freitag erscheinendem Roman „Das dreizehnte Kapitel“ in Briefen und E-Mails eine schöne, fremde, selbstverständlich jüngere Frau nicht nur zum Antworten verführt, heißt tatsächlich so. Bei der postalisch bezirzten Theologin steht Prof. Dr. Maja Schneilin auf dem Türschild, ihr Mann, als Molekularbiologe und Unternehmer eine Art Universalgenie, hört auf den Vornamen Korbinian.

Zwei „Dekorateure des Nichts“

Die drei begegnen sich bei einem Bankett, das der Bundespräsident zum 60. Geburtstag von Korbinian Schneilin ausrichtet, und diese Szenerie schildert Walser mit heißkalt lächelnder Ironie und gehässig scherzenden Sätzen wie „Ein Mann mit Fliege hat Sexualprobleme“. Für den bekenntnisfreudigen Schriftsteller Schlupp ist das Lügen eher eine linguistische als eine moralische Schwierigkeit, und er hält auch nicht damit hinterm Berg, dass er alle Frauen, die er sieht, im Geiste gleich auszieht: „Sie natürlich auch, gnädige Frau. Brechen Sie also den Verkehr, den es nicht gibt, mit mir, sofort ab“.

Tut sie nicht. Irgendwann werden sie sich „Liebster“ und „Liebste“ nennen. Denn der schlaue Basil Schlupp, Autor des Bestsellers „Strandhafer“, lässt sich auf ein Gespräch über den Schweizer Theologen Karl Barth ein, den Hausheiligen seiner neuen Herzdame (über den auch Walser schon einen Aufsatz geschrieben hat). Von Gott als dem Anderen, dem Unbekannten ist also die Rede, vom Glauben „ohne Hoffnung auf Hoffnung“ und von seiner Einsamkeit, die ausgehalten werden muss, vom Verrat und irgendwie, aber stets nur indirekt, von der Liebe.

Als die beiden einmal, vom Zufall gesteuert, auf dem Flughafen Tegel aneinander vorbeigeschleust werden, ruft er ihr seine Mail-Adresse zu, und in dem intimen Bekenntnis-Austausch dieses Briefromans blinkt nun öfters das notorische „von meinem I-Phone gesendet“. Und doch gehen da eher langatmig allerlei Gefühls- und Seelenerkundungen hin und her.

Walser ahnte wohl, wie sehr diese fliegenden Briefe ins Trudeln geraten und führt einen heftigen Bruch in die platonische Brieffreundschaft ein, in der zwei glücklich Verheiratete mit dem Als-Ob spielen und mit dem Unmöglichen flirten: Maja ist verschnupft, als ein offenherziges Interview von Basil Schlupp unter dem treffenden Titel „Gelegenheit macht Liebe“ erscheint.

Der Gelegenheitsliebhaber wird sie zwar noch einmal herumkriegen – aber Maja bricht mit ihrem Mann zu den unendlichen Horizonten am Yukon-River auf, zum Radeln und Weltvergessen. Hier, zum Ende hin, wird der Roman noch eine dramatische Wendung nehmen, er bekommt kräftige Farben in der abenteuerlichen Wildnis des Jack-London-Landes, in der solche „Dekorateure des Nichts“ wie Theologen und Schriftsteller leicht verlorengehen.

Walser sonnt sich im Glanze der Briefroman-Tradition

Goethes „Werther“, Hölderlins „Hyperion“, die „Gefährlichen Liebschaften“ des Choderlos de Laclos – Walsers Roman sonnt sich im Glanze der Briefroman-Tradition. Und in guten bösen Sätzen wie „Kinder sind Attentate der Natur“. Doch es bleibt oft ein recht ausgedachter Roman, ein tastendes Gedankenexperiment, dessen intellektuelle Versuchsballons fast ebenso oft platzen wie sie in den Himmel der Erkenntnis aufsteigen.

"Hintergrund
Der Name des Romans erklärt Walsers raunender Titel „Das dreizehnte Kapitel“ verdankt sich dem gleichnamigen Roman, an dem die Ehefrau des Schriftstellers Basil Schlupp im Geheimen arbeitet. Im Brotberuf schreibt sie Drehbücher für eine erfolgreiche Fernsehserie. Und von ihrem Buch wird am Ende nicht mehr bleiben als der Titel mit der Unglückszahl."

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2.)

Das dreizehnte Kapitel.
Roman von Martin Walser (2012,
Rowohlt).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 10.09.2012:

Walsers neuer (Brief-)Roman: "Das dreizehnte Kapitel"
Martin Walser, obwohl Jahrgang 1927, ist sprudelnd produktiv. Jetzt hat er sich an einen Briefroman namens „Das dreizehnte Kapitel“ gewagt.

Der beginnt allerdings wie eine dieser verschmitzt satirischen Gesellschafts- und Verhaltensanalysen, die dem Dichter vom Bodensee zu unserem Vergnügen so virtuos aus der Schreibhand fließen. Ein hochmögendes Schriftstellerpaar ist auf dem Weg zu einer Feierlichkeit im Schloss Bellevue, wo sich vor allem die Wissenschaftselite vom Bundespräsidentenpaar huldigen lässt. Es wimmelt nur so von Professores.

Dass die alle nur Menschen sind wie du und ich, macht Walser sogleich an seinem Autor-Erzähler-Ich klar. Der offenbart schon im Taxi zum Empfang seine Schwäche („Wenn ich nicht diesen komischen Ehrgeiz hätte, überall bestimmen zu wollen, wie ich wirke.“) und registriert en passent die der anderen. In diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten knallt unversehens das große Gefühl. Der soignierte Herr, der sich eindeutig zu einer wirklich guten Ehe mit seiner Iris bekannt hat, verliebt sich. Verknallt sich, muss man besser sagen, wenn man die so poetischen wie aufgewühlten Elogen über die angehimmelte Theologie-Professorin aus seiner Tischrunde liest. Der Schriftsteller selbst spricht von „Befallenheit“.

Da sind wir schon in dem Briefroman, den Autor Basil Schlupp mit Frau Professor Dr. Maja Schneilin anspinnt. Sie ihrerseits ist glücklich verheiratet mit dem Molekularbiologen Korbinian Schneilin, selbstverständlich ebenfalls Prof. Dr., der sich nicht mehr der Forschung widmet, sondern mit seiner Firma der Produktion von „Medikamenten nach Maß“. Dass Martin Walser nicht widerstehen kann, diesen Übermensch der Naturmanipulation am Ende des Romans durch das Schicksal in die existenzielle Hilflosigkeit eines ohnmächtigen Normalmenschleins zu stoßen, ist da noch nicht zu ahnen. Zunächst geht es nur darum, dass Basil seine Theologin zu einer Korrespondenz bewegt, die jetzt sein Leben auszumachen scheint.

Dieser Dialog in Briefen gibt beiden Gelegenheit zu kleinen Denkspaziergängen, Gefühlsanalysen, Reflexionen über Briefe an sich, also das Wandern der Gedanken beim Schreiben. Walser kann dabei seine eher neue Leidenschaft für Glaube, Religion und Theologie („Muttersohn“, „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“) ausleben.

Mittelneu/-alt ist dagegen der Stoff der unerfüllbaren Liebe. Freilich nimmt er genauso seine alten Motive wie die Paarbeziehung wieder auf. Denn gerade in den Briefen, die später zu Mails modernisiert werden, wird klar, dass die jeweiligen Ehepartner geliebt werden und geliebt bleiben. Auch wenn Basil seine Iris „verrät“, weil er der anderen Frau Textpassagen aus ihrem „Dreizehnten Kapitel“ (!) zusendet, oder Maja ihren Korbinian – eindeutig unabsichtlich – bloßstellt.

All das ist ausgesprochen unterhaltsam, gleichzeitig hochgebildet und Debatten-anregend. Was das Werk über diese ohnehin schon edlen Merkmale hinaushebt, ist Martin Walsers ruhige, ja geduldig aufspürende Raffinesse. Denn er deckt, zunächst unmerklich, peu à peu den Egoismus dieser (Erfolgs-)Männer auf. Der ist unauflösbar verwoben mit deren Liebeswallungen, ja selbst mit den Formen scheinbar absichtsloser Frauenverehrung, die an den Minnedienst in der mittelalterlichen Literatur erinnern. Basil Schlupp und Korbinian Schneilin gehören, anders als das Ego-Monster Ludwig aus dem Hintergrund der Geschichte, zur Sorte sympathischer Egoist. Wenn es bedrohlich wird, offenbart sich aber auch bei ihnen das Vampirwesen. Der nette Herr Professor, der seiner Frau Maja gern riesige Blumensträuße schenkt, zwingt ihr eine brutale Radltour durch halb Kanada auf. Er ignoriert, dass sie nur mitfährt, weil er krebskrank ist. Dieses Mal ist das Bezwingen der Natur nur noch eine krampfhafte Symbolgeste. Sein „Willst Du bei mir bleiben“ wird für die liebende Frau zur Falle.

Von ihrem iPhone schickt die Frau ihrem Brieffreund einen Reisebericht von der „Großen Tour“ – zwischen Sorge, körperlicher Qual, komischen Szenen und Naturenthusiasmus. Als sie verstummt, schreibt Basil noch zweimal in das Schweigen, akzeptiert es dann – und bekommt schließlich die bittere Aufklärung.

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