Das Drehbuch der Liebe von Paul Nizon, 2004, Suhrkamp

1.) - 3.)

Das Drehbuch der Liebe.
Journal 1973-79 von Paul Nizon (2004, Suhrkamp, hrsg. von Wend Kässens)
Besprechung von
Samuel Moser in der Neue Zürcher Zeitung vom 14.12.2004:

Von der Liebe gedreht
«Das Drehbuch der Liebe» - Paul Nizons Journal

Nach den «Erstausgaben der Gefühle» erscheint mit dem «Drehbuch der Liebe» der zweite Band des «Journals» von Paul Nizon. Herausgeber Wend Kässens hat die Notizen, Skizzen, Kommentare, Reflexionen und Briefe aus den Jahren 1973-1979 gesichtet und in dem umfangreichen Textmaterial mögliche Lektüren aufgespürt. Dennoch gleicht das «Journal» weniger dem kargen Logbuch eines zielstrebigen Navigators als vielmehr dem brausenden Meer, auf dem dieser fährt. Von der Aufgabe des Navigierens und Gegensteuerns ist der Leser jedenfalls nicht befreit. Gelingt ihm dies, winken ihm allerdings lohnende Entdeckungen. Denn es sind sechs wichtige Jahre für Nizon, biografisch und schriftstellerisch: Jahre einer «Liebesvergiftung», des definitiven Umzuges nach Paris, der Niederschrift des «Stolz», der Inkubation des Romans «Das Jahr der Liebe». Verwirrungen klären, Klärungen verwirren sich. Das ist die «Mitte des Lebens», bemerkt Nizon trocken und sehr wohl wissend um die Zweideutigkeit des Ausdruckes. Politisches Geschehen findet in einem so radikal der Verteidigung und gleichzeitig der Veröffentlichung des Privaten dienenden Schreiben nur auf Umwegen Platz.

Selbstzweifel und Fanfarenklänge

Der auf den Roman «Das Jahr der Liebe» (1981) anspielende Titel «Drehbuch der Liebe» lässt schon durchblicken, dass dem formal offenen Roman («Geknäuel» nennt ihn Nizon) ein jahrelanges Ringen um Konzeptionen vorausgegangen ist. Auch wenn dieser nur Ereignisse der Jahre 78/79 verarbeiten wird, hat er sich doch schon lange vorher zu rühren begonnen, wie gleich der erste Journaleintrag zeigt. In dem Brief an den Verleger Siegfried Unseld kündigt Nizon kühn einen «Stadtroman» an: «Meine Kondition ist gut.» Dann hat er ihn fast zehn Jahre lang nicht geliefert! Unseld kam trotzdem sechs Jahre später zum 50. Geburtstag Nizons nach Paris in die «Closerie des Lilas», wie der letzte Eintrag mit geheimem Stolz vermerkt. Da waren gerade einmal fünfzig Seiten «gewonnen». Aber Nizon, immer noch in bester Verfassung, meldet: «Struktur ist gefunden, das Ganze eingefädelt, auch ist mir bewusst, was das Ganze soll: Es geht um das Handwerk des Schreibens und um das Handwerk des Lebens.» Aber von Selbstzweifeln und Fanfarenklängen begleitete Anläufe sind bei Nizon immer schon integrale Bestandteile der Texte.

Das «Drehbuch der Liebe» ist - auch das will wider die Laufrichtung gelesen werden - ein von der Liebe «gedrehtes» Buch. Das ist sein privatester Teil: Es brauchte eine Himmel und Hölle kurzschliessende «Liebesvergiftung», die alles erschütternde Gnadenlosigkeit eines «amour fou», bevor Nizon mit dem «Jahr der Liebe» einen Paris-Roman schreiben konnte. Achtzehn Jahre nach dem Rom-Buch «Canto» geht es noch um dasselbe: um das Anfangen. Auch wenn der inzwischen fortgeschrittene Dichter etwas andere Probleme zu haben scheint, die Unerbittlichkeit ist immerhin dieselbe geblieben: «Ich möchte auch ein grosser, möglichst sehr grosser Schriftsteller sein oder werden, und ich muss mein Leben viel brutaler auf dieses Ziel hin ausrichten. Das Leben viel rücksichtsloser meinem Schreiben beugen.» Was man unter einem grossen Schriftsteller zu verstehen hat, ist - das muss man diesen Sätzen zugute halten - nicht einfach ein Karrierist. Wichtiger ist das grundlegende Paradox in Nizons Schreibexistenz: Der Gedanke, die Welt öffne sich erst einem Fremden. Die Idee, der «Du-Versuch» gelinge erst in der Schreibzelle, aus der die ausgesperrt bleiben, um die es geht: Freunde, Ehefrau, Kinder, auch die neue Geliebte. Die Hoffnung, ein von Liebesqualen verdrehtes Leben sei zur Liebeslust zurückzudrehen in einem Buch, einem «Drehbuch»... Fortsetzung

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Das Drehbuch der Liebe von Paul Nizon, 2004, Suhrkamp2.)

Das Drehbuch der Liebe.
Journal 1973-79 von Paul Nizon (2004, Suhrkamp, hrsg. von Wend Kässens)
Besprechung von Stephan Reinhardt aus der Frankfurter Rundschau, 15.12.2004:

Bin ich nicht der selbstsüchtigste Mensch?
Paul Nizon befragt sich selbst: Sein Lebensroman, das Journal der Jahre 1973 bis 1979, erscheint pünktlich zum 75. Geburtstag

Paul Nizon, der am 19. Dezember 75 Jahre alt wird, hat seinem Journal der Jahre 1973 bis 1979 das Motto vorangestellt: "Das Leben ist zu gewinnen oder zu verlieren". Verloren hätte er es, zumindest als Schriftsteller, teilt er gegen Ende seiner tagebuchartigen Aufzeichnungen mit, wenn er sich nicht zur "Selbstausweisung" aus der Schweiz entschlossen hätte. "Da war keine Lebenszufuhr mehr." Die Schweiz, noch bis zum Ersten Weltkrieg ein "eher armes Land und Volk", wurde in zwei Weltkriegen zum "Kriegsgewinnler", zum "Bankiersland" mit einer "erzmaterialistischen" Mentalität: "Das Haushalten, Sparen, Putzen, Werkeln (...) als Lebensinhalt". Wobei die politische Devise der Neutralität sich auch geistig Ausdruck verschaffte in einem allgemeinen "Desinteresse, institutionalisierter Meinungslosigkeit nach außen, um was zu mästen? Den Eigennutz."

Ein ziemlich infames Doppelspiel, so Nizon, wurde da in Helvetien gespielt. Einerseits wurden Demokratie und Freiheitsmythen monumentalisiert, andererseits wurde - und wird - schamlos partizipiert "an der Ausbeutung aller armen Nationen, auch am Verbrechen (die Fluchtgelder der Mafia, der Nazis, der südamerikanischen Bluttyrannen etc.)". Was also bleibt anderes als der Ortswechsel, zum Beispiel die Flucht in die "Welthauptstadt" Paris.

Hier hat Paul Nizon von seiner Tante eine kleine Wohnung geerbt, auf dem Montmartre, mitten im Rotlichtviertel Pigalle. Zuvor noch und dazwischen wieder der Besuch bei Konrad Farner, dem Schweizer Kunsthistoriker und Marxisten. Der will, dass sich der vehemente Schweizkritiker Paul Nizon politisch engagiert wie Jean-Paul Sartre. Doch Nizon winkt ab: "Mir persönlich geht das Kollektivdenken und -leben auf die Nerven und gegen den Strich, ich kann aber nicht leugnen, daß ich froh wäre, wenn ich einen ähnlich überindividuellen, übergeordneten Glauben hätte, für den ich einstehen könnte".

Weit näher als Farner steht Nizon der befreundete Elias Canetti, der das "Unverhüllt-Menschliche" ins Zentrum stellt. Frühes Leitbild sind ihm auch "Schicksalsfiguren" wie Robert Walser: "Auch ich", Paul Nizon, "brauche ein täglich für mich notwendiges Portiönchen begeisterndes Lebensgefühl, Glücksgefühl, um existieren zu können"; Hemingway: "Wie wunderbar total er sein Leben auf sein Werk programmieren konnte"; Vincent van Gogh: "dieser einsame Kämpfer (. . .), umstellt von Verunsicherung, abgründig (. . .) Dass da einer eine Rettungsaktion, ebenso Selbstrettung wie Menschenrettung aus der ,Krankheit der Zeit', unternahm mit dem Mittel der künstlerischen Passion."

Umstellt von Verunsicherung

Umstellt von Verunsicherung und Abgründen, so sieht sich auch Paul Nizon. Der 1929 in Bern geborene Kunsthistoriker, Sohn eines russischen Emigranten und einer Schweizerin, verzichtete auf eine Erfolg versprechende Akademiker- und Publizistenkarriere. Wie der Titelheld in Stolz, sein fiktives Alter ego, trennte sich Nizon von Frau und Kind, um fortan nur noch für das Schreiben zu leben: für die "immer neue Selbsterklärung des Menschen, unternommen in den jeweils neuen zeitbedingten Umständen, den neuen Wirklichkeiten".

Also wechselte er die Orte: Paris, London, Rom. Und lebt dort "exzessiv", geht auf einem, wie Dürrenmatt ihm schreibt, "gefährlichen Pfad". Einerseits führt er ein anstrengendes Bohèmeleben bis hin zum "Sich-verkommenlassen", nähert sich der Welt der Clochards und Outlaws, dann wieder leiten ihn "Lebensneugier, Weltliebe und Schreibpassion". Dazwischen: Vereinsamung, Depression, Lebens- und Sinnkrise. Und dann erneut: Ortswechsel und Aufschwung und Selbstrettung im disziplinierten Schreiben.

Nizons Prosa - zum Beispiel seine Romane Canto, Stolz, Das Jahr der Liebe - ebenso wie seine Journale variieren mehr oder minder immer wieder nur wenige Themen: Mühe, Nöte und Gefährdungen des Schriftstellerlebens; Herstellung von Fremde durch Reisen und eben darauf die Überwindung von Fremde, Isolation und Trennendem durch Empathie, Eros und Sexualität. Nizons Forschungsobjekt: das ist er selbst, seine Schriftstellerexistenz, das sind Frauen, Städte wie Paris - ein "Stadtnarr", den es drängt, immer wieder das "Existenzabenteuer Stadt" zu bestehen.

In Das Drehbuch der Liebe flüchtet Nizon aus der Enge der Schweiz nach Paris und London (und in die Toskana), um Material zu sammeln für ein Stadtbuch mit dem Titel Abschied von Europa. Den Abriss ganzer Quartiere wie Les Halles in Paris erlebt er als "Entzauberung", als Untergang des alten Europa. Doch dann - nach langen Wanderungen durch "Tiefebenen und Jammertäler" - drängt sich seine Leidenschaft für die junge Odile in den Vordergrund. In der Beschreibung der Turbulenzen dieser Obsession und der Trennung von seiner zweiten Frau Marianne demonstriert Nizon eindrucksvoll seine Sprachgewalt, sprengt er den Rahmen des Tagebuchs. Hier knüpft er thematische Fäden, die zu seinem Erfolgsbuch Das Jahr der Liebe (1981) hinführen.

Gedankenlaboratorium

In seinem tagebuchartigen Werkstattbericht und Gedankenlaboratorium interpretiert Nizon nicht nur Begleitlektüre wie Thomas Wolfes Schau heimwärts, Engel. Er berichtet von seinen Pariser Begegnungen mit Peter Handke, Georges-Arthur Goldschmidt oder der Witwe von Boris Vian. Am Ende lässt Nizon auch Selbstbesinnung und Selbstkritik zu. Ist er nicht eigentlich, fragt er sich, der "selbstsüchtigste" Mensch, der immer nur an der "Stillung" seines "Lebenshungers" dachte und denkt?

Nur an den eigenen "Lebensroman"? Der sich, weil er angeblich als Künstler und Dichter nicht "vereinnahmt" werden dürfe und "disponibel" bleiben müsse, trennt von Frau und Kindern? Ist das nicht "Heroisierung" und Überschätzung der "künstlerischen Unternehmung"? Dass Nizon nicht bloß ein "Künstlerdarsteller" (Peter Hamm) ist, zeigt er unter anderem in solchen Passagen. Er stellt mit dem Narzissmus des Künstlerdaseins auch dessen Problematik dar.

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Das Drehbuch der Liebe von Paul Nizon, 2004, Suhrkamp3.)

Das Drehbuch der Liebe.
Journal 1973-79 von Paul Nizon (2004, Suhrkamp, hrsg. von Wend Kässens)
Besprechung von Dante Andrea Franzetti aus Der Standard, Wien vom 19.3.2005:

Midlifecrisis eines Lebenssuchers
Der dritte Band der Tagebücher Paul Nizons als Einstieg in ein bedeutendes Werk

Das Fazit vorweg: Wer Nizons Roman Das Jahr der Liebe (1981), die Capriccios Im Bauch des Wals (1989) oder das kleine Meisterwerk Hund. Beichte am Mittag (1998) gelesen hat, kommt sich bei der Lektüre seiner Tagebücher vor wie ein Gourmet, dem der Kellner Eis in das Glas Château Mouton Rothschild geschüttet hat: Der Wein wird nicht nur verdünnt, er besitzt auch noch die falsche Temperatur.

bezahlte Einschaltung

In allen Werken Nizons wird das Verhältnis der Kunstfigur Nizon zu den Frauen prägnanter, verdichteter, ästhetischer dargestellt als in diesem Journal der Jahre 1973 bis 1979 mit dem seltsamen Titel Das Drehbuch der Liebe, ja, schon der Titel widerspricht eklatant Nizons Credo, es gebe im Leben und in der Liebe keine Geschichte und keinen Plan, geschweige denn ein Drehbuch.

In verdünnter Form und unterkühlt, dazu noch weit unter Nizons Stilmöglichkeiten sind dies Notate über das Leben eines Schriftstellers "in der Mitte des Wegs", in der Phase seiner Midlifecrisis, die seine Männlichkeit und sein Künstlertum erschüttern.

Kernstücke sind die Beziehung zu Odile, einer jungen Frau aus Paris, Freundin der eigenen Tochter; die Überlegungen zu seinen Romanen Stolz und Das Jahr der Liebe; die Liebe zur Stadt Paris, die Reisen, das gebrochene Verhältnis zur Schweiz. Dazwischengeschoben hat der Herausgeber Wend Kässens Briefe an den Verleger Siegfried Unseld, an den Sohn Boris oder die Kollegin Elisabeth Borchers. Darin erklärt Paul Nizon sich selbst, sein Werk, seine künstlerischen Absichten, seine Mühe und Qual mit dem Stoff.

Wir lernen den Menschen Nizon, nicht die Kunstfigur Nizon in seinem Werk kennen. Manchmal ist es erhellend, etwa wenn der Autor Einsicht in seine zerstörerischen Seiten im Umgang mit der Frau Marianne zeigt; wenn ihn die Schuld peinigt, die Familie im Stich gelassen, die Rolle des Vaters der Rolle des Schriftstellers geopfert zu haben; wenn er all die Erniedrigungen der Geldbeschaffung schildert, die Selbstzweifel, die Probleme mit Alkohol, die Angst vor dem Vergessen und dem Nichts.

"Warum habe ich, sowohl in Paris wie jetzt auch in London, jedes Jahr in verstärktem Maß den Eindruck einer Entzauberung?" Er glaubt, es liege an der Stadtentwicklung, in Wirklichkeit leidet er an der Melancholie der Erfüllung: Hinter sich den Aufbruch, hinter sich das bürgerliche Leben, hinter sich Beruf und die Enge der Schweiz. Vieles gesehen, viele Frauen gehabt, als Autor arriviert - in der Mitte des Lebens, und was jetzt?

Nun braucht es stärkeren Stoff, und diesen findet Nizon in Odile. Er verfällt der über zwanzig Jahre jüngeren Frau mit Haut und Haar, Hirn und Herz. Die Beziehung ist qualvoll, eine Obsession, eine Krankheit. Er befindet sich "auf einer Rutschbahn zum Tode", hält Odile womöglich für seine letzte Frau vor dem eigenen Tod. Zum ersten Mal versucht dieser Womanizer und Frauenverzehrer mit der jungen Geliebten einen Alltag aufzubauen, ein Zusammensein und eine Zukunft zu planen.

Nizon führt sich in diesem Journal in all seiner Schwäche und Beziehungsuntauglichkeit vor. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in den Schilderungen seiner Treffen mit Marianne, der Frau, die "durch meine Hölle gegangen" und doch weiter bereit ist, "dem Dreckskerl zu helfen, der ihr so viel Leid zugefügt hatte".

Schreibt hier einer, der in sein Leid verliebter ist als in die mögliche Heilung? Man findet in diesem Drehbuch der Liebe eigentlich alle Theorien über die Sublimation und den Nährboden der Kunst aus dem Ungenügen an der Welt bestätigt. Die Großartigkeit des Schriftstellers Nizon ermisst sich gerade aus der Fallhöhe zwischen einem Werk wie Hund. Beichte am Mittag und diesen Aufzeichnungen. Wer sich aber dem Menschen Nizon - und dem Leben an sich - nähern will, findet im Journal genügend interessantes und erhellendes Material. "Das Leben ist zu gewinnen, oder zu verlieren. Ich suche es", hat Nizon einmal geschrieben. Er ist sich selbst und dieser Devise treu geblieben, auch davon sprechen seine Tagebücher.

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