Das Davidschild von Gershom Scholem, 2010, SuhrkampDas Davidschild.
Geschichte eines Symbols von Gershom Scholem (2010,
Suhrkamp - Übertragung Gerold Necker).
Besprechung von Andreas Kilcher in Neue Zürcher Zeitung vom 2.09.2010:

Deutungen und Umdeutungen
Gershom Scholem über die Geschichte des Davidsterns

Kaum ein Symbol wurde im letzten Jahrhundert so kontrovers eingesetzt wie der Davidstern. Das zeigt die Fallhöhe vom Zeichen jüdischer Erneuerung im Zionismus hinab zum Stigma der mörderischen Ausgrenzung der Juden in der Gestalt des «gelben Sterns». Just als die politische Symbolbildung jüdischerseits am intensivsten betrieben wurde, nämlich 1948 anlässlich der Gründung des israelischen Staates, der den Davidstern auf seine Flagge erhob, unternahm es mit Gershom Scholem ein herausragender jüdischer Intellektueller, die Verwendung jenes Symbols genauer zu analysieren.

Das Ergebnis war ein Aufsatz mit einer überraschend kritischen Stossrichtung. Der 1948 in hebräischer Sprache publizierte Text ist ein pointiertes Zeitdokument: Zeugnis eines von der politischen Praxis enttäuschten zionistischen Idealisten. Die erweiterte deutsche Fassung von 1963 hatte – zumal ausserhalb Israels – wohl kaum mehr dieselbe Brisanz. 2008 ist eine um Nachlassmaterialien erweiterte hebräische Neuausgabe erschienen; auf sie geht eine unlängst bei Suhrkamp herausgekommene, schön gestaltete und gut kommentierte deutsche Edition zurück.

Dekonstruktion eines Symbols

Scholems Kritik setzt an der eklatanten historischen wie theologischen Unbedarftheit an, mit der da ein nationales Symbol geschaffen wurde. Dass ohne Geschichtsbewusstsein eine vernünftige politische Kultur sich nicht auszubilden vermöge, zeigt dem Kritiker überdeutlich das «in jeder Hinsicht problematische» Beispiel des Davidsterns. In Scholems Augen ist dieser Stern nichts als die späte Erfindung einer geschichts- und theologiefernen jüdischen Moderne. Ihr hält er in aller Schärfe entgegen: «Das Hexagramm ist kein jüdisches Symbol und schon gar nicht <das Symbol des Judentums>.» Es erwecke «keine uralten Assoziationen, die mit der Wurzelwelt unserer Erlebnisse zusammengewachsen sind» – eine wahrlich desillusionierende Auskunft an die Adresse jener, die mit dem Davidstern Identitätspolitik betreiben wollen. Der Kabbala-Forscher Scholem attackiert auch die Behauptung, dass es sich beim Davidstern ursprünglich um ein kabbalistisches Symbol handle, als «Unsinn» und «leeres Geschwätz».

Was aber ist dann die «wahre Geschichte des Davidsterns»? Dem Historiker entpuppt es sich als ein «bei vielen Völkern verbreitetes» Symbol, das hauptsächlich in zwei Funktionen verwendet wurde: als magisches Zeichen, als ein Sigel etwa zum Schutz vor Dämonen – Scholem nennt das Beispiel der Faust-Literatur, zu deren Zeichenbestand das Hexagramm gehört –, oder aber als «einfaches Ornament».

Esoterik und Emanzipation

Angesichts dieser Befunde verschärft sich die Frage, wie denn der Davidstern überhaupt zu einem jüdischen Symbol werden konnte. Als theologischen Vorboten eines symbolpolitischen Gebrauchs des Sterns macht Scholem den Sabbatianismus aus, eine messianische Bewegung des 17. Jahrhunderts, die in Häresie und Apostasie endete. «Etwas Aufreizendes» habe die damalige Umdeutung «für den heutigen Betrachter», so Scholems alle Provokation verratende Formulierung, indem das «Stammeln der Sabbatianer von der Erlösung» im Zeichen des Sterns die theologisch-politische Masslosigkeit zionistischer Symbolpolitik ankündige.

Problematischer noch als diese esoterische erscheint Scholem sodann die sehr viel breitere Konjunktur des Davidsterns im Zeitalter der Emanzipation und damit mitten im modernen Judentum: Es seien das blosse «Bedürfnis nach einem zweckdienlichen Zeichen und die Bereitschaft zur Nachahmung» christlicher Symbolkultur gewesen, die im 19. Jahrhundert zur Etablierung des Davidsterns als «jüdisches» Symbol geführt hätten. Was er im liberalen Judentum, etwa im Synagogenbau, am Werk sah, war für Scholem nicht nur ein Missverständnis, sondern eine ruinöse historische Dialektik: Als das Judentum seine kulturelle Eigenständigkeit aufzugeben bereit war und die Assimilation als Losung ausgab, konstruierte es eine hohle Symbolik. Noch deutlicher: «Gerade in den Tagen seiner grössten Verbreitung im 19. Jahrhundert diente das Davidschild als sinnleeres Symbol eines Judentums, das selber mehr und mehr der Sinnlosigkeit verfiel.»

Eben diese negative Dialektik einer Verfallsgeschichte sieht Scholem in radikalisierter Form noch im Zionismus am Werk, dessen Symbolpolitik auf diese Weise überraschend als Fortsetzung einer Diaspora-Kultur erscheint. Gerade die Traditionslosigkeit des Davidsterns gilt Scholem – ironisch – als Garantie der Zukunftsfähigkeit. Selbst sinnleer, verspreche das Hexagramm grösste Sinnfülle: «Hoffnung auf Erlösung».

Ganz am Ende seines Essays jedoch holt Scholem zu einer letzten und abrupten Wendung aus; er behauptet, dass der Davidstern trotz alledem als jüdisches Symbol gelten könne, ja müsse. Die Legitimation dessen stifte die gemeinsame historische Schreckenserfahrung des Holocaust. Erst diese Leidenserfahrung mache aus dem leeren Zeichen einen bedeutungsstarken «Stern der Erlösung»: «Dem Aufstieg ging der Weg in den Abgrund voraus, und wo es [das Judentum] die letzte Erniedrigung erfuhr, gewann es seine Grösse.»

Perspektivenverschiebung

So kraftvoll und überzeugend Geshom Scholems Dialektik im Jahr 1948 gewesen sein mag, so sehr stellt sich doch heute die Frage, ob sie noch völlig überzeugt. Der Davidstern ist gewiss nicht mehr aus der Realität wegzudenken. Umso wichtiger aber ist Scholems historische Aufklärung von dessen Herkunft ebenso wie die Kritik an der politischen Instrumentalisierung des Symbols. – Man darf sich heute fragen, ob diese Kritik nicht auch ohne die Erhebung des Grauens zum Martyrium auskommen könnte, ja müsste.

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