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Das Buch von
Blanche und Marie.
Roman von Per
Olov Enquist (2005, Hanser - Übertragung Wolfgang Butt).
Besprechung von Ina Hartwig in der
Frankfurter Rundschau, 9.2.2005:
Die Hysterie, das Radium und der verdammte Eros
Raffinierte Erfindungen: Per Olov Enquist erzählt weit mehr als die außergewöhnliche
Geschichte von Blanche und Marie
Rätselhafte Fragen und Sätze: "Wie bittet
man um Entschuldigung für ein Jahrhundert, das seine Wurzeln nicht wählen
konnte?" Oder: "Das Abgetrennte und Verschwundene hat auch seine
Liebe, seine Erinnerungen." Oder: "Der Punkt, von dem aus wir die Erzählung
betrachten, ist ein Torso." Diesen Torso, oder besser Amputationen an Leib
und Seele zu suchen, hat sich Per Olov Enquist in seinem neuen, schmalen,
virtuos erzählten Roman Die Geschichte von Blanche und Marie
vorgenommen.
Gemeint sind die Beschneidungen einer gewissen Blanche Wittmann, einst bekannt
als "Königin der Hysterie" in Jean Martin Charcots Pariser Klinik
Salpêtrière, die ihren jungen Körper aufwarf unter den Blicken Sigmund
Freuds, August Strindbergs oder der legendären Schauspielerin der Comédie Française
Sarah Bernhardt. Gemeint sind ferner die Beschneidungen der zweifachen
Nobelpreisträgerin Marie Sklodowska Curie (1867 bis 1934), deren Assistentin
Blanche wurde, nachdem ihre Karriere als Hysterikerin beendet war. Und schließlich
sind, wenn auch nur am Rande, die Beschneidungen der Mutter des Ich-Erzählers
gemeint, eines Schweden, der seinen Vater verlor, als er sechs Monate alt war.
Seine Mutter blieb allein ihr Leben lang, amputiert um ihren Mann, in der
Einsamkeit von Västerbotten, Nordschweden.
Drei Frauen also mit ihren Liebesgeschichten und ihren "Amputationen";
eine vierte Frau, die die Szene betritt, Jane Avril, bekannt als Modell des
Malers Toulouse-Lautrec, zuvor wie Blanche Patientin in der Salpêtrière, wurde
ebenfalls beschnitten, doch weniger hart, wie es scheint, beschnitten bloß um
ihre Hoffnung. Die Frage, ob es um faktische oder metaphorische Amputationen
geht, muss und soll der Leser sich stellen. Blanche Wittmann, der lebende Torso,
sagt einmal zu ihrer einzigen Freundin Marie Curie, nur das Faktische zähle.
Zu dem Zeitpunkt ist sie bereits amputiert um ihre beiden Beine und um den
linken Arm. Sie hatte nach ihrer Entlassung als Patientin in der Röntgenabteilung
der Salpêtrière gearbeitet, bevor sie Marie Curies Assistentin wurde und
gemeinsam mit der großen Forscherin wochenlang in der Schlacke der
radiumhaltigen Pechblende rührte. Auch bei Marie Curie, die schön gewesen sein
soll, wie Enquist zu betonen nicht müde wird, haben die Strahlen ihre Spuren
hinterlassen, die Hände sind entstellt. In ihren Erinnerungen hat die
Nobelpreisträgerin für Physik und Chemie ihre Assistentin Blanche Wittmann,
den Torso, nicht erwähnt, wie Enquist verrät. Auch eine Beschneidung?
Das Buch von Blanche und Marie, so der Titel des raffinierten Werkleins,
hält ein weiteres Leitmotiv bereit, nämlich das große Leuchten. Erstens das
blaue, sie entzückende Leuchten des Radiums, das Marie Curie zu Anfang des
zwanzigsten Jahrhunderts entdeckte. Zweitens das "Selbstleuchten" der
Hysterikerin Blanche während ihrer konvulsivisch-theatralischen Aufbäumung vor
Publikum, ein Leuchten, das schon damals Zweifel säte, weil der Anteil des
Spiels, also der Show, ungewiss war. Und schließlich, drittens, das große
Leuchten der Liebe in jenem Moment, in dem zwei Menschen "ihr Dunkel
teilen", wie Enquists mystische Formel lautet. Letzteres geschieht zwischen
Blanche und Professor Charcot einige Minuten vor dessen Tod im Hotelzimmer eines
ländlichen Gasthauses, 15 Jahre nachdem Blanches Gestalt ihm eingebrannt wurde
"wie ein Brenneisen in ein Tier" (Racine); der Ehebruch des Arztes
wird dann gewissermaßen vom Tod verdeckt.
Und es geschieht zwischen Marie Curie und ihrem Geliebten Paul Langevin, einem
angesehenen französischen Physiker, Familienvater und unglücklichen, aber
schwachen Ehemann, mit dem sie - drei Jahre nach dem Tod ihres geliebten Mannes
Pierre und 15 Jahre, nachdem Paul ihr verfallen war - für sechs herrliche
Monate zusammen ist.
Die erregende, leuchtende, gefährliche, verlockende Grundatmosphäre zu
erzeugen, darin ist Enquist Meister. Und man liegt wohl nicht falsch,
anzunehmen, dass es ihm auf exakt diese Atmosphäre schriftstellerisch ankommt.
Das Radium, die Hysterie und den verdammten Eros behandelt der inzwischen
siebzigjährige Schwede dabei wie Substitute, in denen sich dieselbe - je
nachdem erregende oder grausame - Ambivalenz bündelt. Man muss jedoch hinzufügen,
dass es sich um eine vergangene Ambivalenz handelt, um vergangene Irrtümer,
Ehrvorstellungen und Erfahrungen von Schande. Heute würde die uneheliche
Beziehung einer Nobelpreisträgerin nicht mehr an den Pranger einer zwischen
Panik und Geilheit aufgepeitschten Öffentlichkeit gestellt, sie würde gar
nicht zur Kenntnis genommen. Doch der armen Marie Curie, die fast ihren zweiten
Nobelpreis für die verbotene Liebe hätte opfern müssen, ist es so ergangen.
Die französische Presse schäumte, nachdem die Ehefrau von Langevin die
verzweifelten, bösen Briefe Marie Curies an ihren Liebhaber publik gemacht
hatte, Briefe einer von Eifersucht aufgelösten Frau. Marie Curie wurde zur
Wiedergängerin des "jüdischen Verräters" Dreyfus stilisiert, als
wiederholte Entehrung Frankreichs - und es entbehrt nicht einer bitteren Ironie,
dass ausgerechnet Pierre Curie 1898 den Aufruf Zolas zugunsten von Dreyfus
unterzeichnet hatte. Doch Pierre war tot. Der geballte Hass auf die
Wissenschaftlerin, auf die Ausländerin, auf die (vermeintliche) Jüdin ging im
Jahr 1911 ungeschützt auf Marie Curie nieder, auf eine in den Falschen
verliebte Witwe. Sie verlor alles durch ihre Liebe zu Paul Langevin, ihren Ruhm,
ihre gesellschaftliche Stellung, ihre Ehre, ihre Forschung, während er nur sie
verlor. Von all dem erzählt Enquist in rastlosen, elegant montierten
Abschnitten.
Es ist die außergewöhnliche Freundschaft
zwischen dem "Torso" Blanche und der so tief fallenden Nobelpreisträgerin
Marie Curie, die die Kluft zwischen Ruhm und sozialer Vernichtung, zwischen
Liebesglut und Schande, zwischen Gesundheit und Krankheit überbrückt. Blanche
verehrt Marie, und Marie liebt Blanche für ihre absolute Loyalität, ja, und für
ihre höchst seltsame Liebesgeschichte mit Professor Charcot, über die Marie
alles wissen möchte, weil sie eine Lösung - eine Formel - darin zu finden
hofft, oder besser: Eine Antwort auf ihr eigenes, zwischen einer festen
Arbeitsehe und einer brennenden Affäre zerrissenes Liebesleben.
Ebensogut könnte man sagen, dies sei die Geschichte eines Buchs, nämlich des
"Fragebuchs", geschrieben von Blanche Wittmann, dem Torso. Sie wollte
das Wesen der Liebe erklären und schrieb das "gelbe", das
"schwarze" und das "rote" Buch, schon amputiert, mit der
verbliebenen rechten Hand, in Marie Curies Pariser Wohnung, in einer rollenden
Holzkiste, die die Nobelpreisträgerin ihr eigens hatte bauen lassen. Das
"Fragebuch" sei irgendwann in Ausschnitten veröffentlicht worden,
teilt Enquist mit, doch niemals vollständig. Der Autor suggeriert, das Buch
habe ihm vorgelegen; und stammten die zum Teil langen Ausschnitte, die er daraus
mitteilt, tatsächlich aus der Feder der einstigen Hysterikerin und
Curie-Assistentin Blanche Wittmann, dann hätte man vor dieser Trouvaille den
Hut ziehen müssen.
Ihre Prosa ist glasklar, schockierend direkt, fein im Detail und extrem
poetisch. Das erklärte Ziel dieses Buchs, dem Geheimnis der Liebe auf die Spur
zu kommen, klingt kitschig. Dass es nicht kitschig gerät, liegt es an Enquists
großem Geschick. Und an seiner Erfindungsgabe, jetzt muss es doch gesagt
werden. Denn ein Notizbuch Blanche Wittmanns scheint zwar existiert zu haben,
aber was Enquist daraus vorträgt, sind seine eigenen Worte. Mit ihnen formt er
eine Persönlichkeit (Blanche), eine Freundschaft (zwischen Marie Curie und
ihrer amputierten Assistentin) und eine Liebesgeschichte (zwischen Blanche und
Charcot), die es so nie gegeben hat.
Die verbotene Liebe zwischen Arzt und Patientin gehört zu den kühnsten,
skandalträchtigen Schichten des Romans. In der Geschichte der Psychoanalyse
haben die Hysterikerinnen der Salpêtrière keinen besonders guten Ruf. Charcots
Verehrung für seine weiße Königin hingegen ist verbürgt, mehr aber nicht.
Dem Neutralitätsgebot widersetzt sich Enquist entschieden, indem er die liaison
dangereuse zwischen Arzt und Patientin als echte, tiefe Liebe begreift. Eine
Provokation der Zunft auch deshalb, weil dieser Enquist'sche Charcot sich
manchmal wünscht, auf der Seite der Kranken und der Frauen zu stehen, das heißt,
auf der anderen Seite.
Um die wissenschaftshistorisch gesicherten und die fiktionalen Anteile abschließend zu beurteilen, müssten erhebliche Forschungsanstrengungen erbracht werden. Das Raffinement von Enquists Erfindungen würde dadurch nicht erschüttert.
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2.)
Das Buch von
Blanche und Marie.
Roman von Per
Olov Enquist (2005, Hanser - Übertragung Wolfgang Butt).
Besprechung von Sabine Dultz aus dem Münchner Merkur, 9.5.2005:
Die
Radioaktivität und die Liebe der Frauen
Per Olov Enquist und sein
wunderbarer Roman "Das Buch von Blanche und Marie"
Ist die Liebe eine Wissenschaft wie die Physik oder die Chemie? Sind die Entdeckungen in der Psyche der Frauen vergleichbar mit der Entdeckung der Radioaktivität? Beide Fragen prägten die Wissenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Und sie bestimmen den jüngsten Roman des schwedischen Schriftstellers Per Olov Enquist: "Das Buch von Blanche und Marie".
Eine halb historische, halb fiktive Geschichte. Denn im Mittelpunkt des Romans stehen Marie Curie, die zweifache Nobelpreisträgerin für Physik und Chemie, und Blanche Wittman, die "Königin der Histerikerinnen". Auf der einen Seite: die hochintelligente Forscherin, die im Paris der 90er-Jahre mit Radium experimentiert und - ohne noch die Gefahr zu kennen - alle Welt begeistert mit der Existenz der geheimnisvoll blau schimmernden Strahlen.
Auf der anderen: Wittman, die nach dem Tod des berühmten Nervenarztes und ihres Geliebten Jean Martin Charcot aus der Frauen-Heilanstalt Salpê^triè`re als gesund entlassen und nun Assistentin bei Marie Curie wird. Was die Frauen eint: ihre ungeschützte, rücksichtslose, krank und gleichsam selig machende Liebe. Blanche hat sie hinter sich. Ihre Leidenschaft zielt darauf, den seelischen Vorgang wissenschaftlich zu ergründen. Denn körperlich ist sie durch permanentes Hantieren mit dem radiumhaltigen Pechblende verstümmelt. Ohne Beine, nur noch ein Arm: So vegetiert sie - wohnhaft jetzt bei Marie - in einer Holzkiste auf Rädern. Und schreibt ihre "Fragebücher".
Marie hat die sie beinahe vernichtende Liebe - nach dem Unfalltod ihres Mannes Pierre - noch vor sich: die Affäre mit ihrem verheirateten Kollegen Paul Langevin.
Doch der Roman folgt nicht so einfach der Chronologie der Ereignisse. Unter Verwendung der Aufzeichnungen Blanches schachtelt Enquist die Vorkommnisse wie zu einem Zauberwürfel ineinander und leuchtet damit meisterlich hinein in die Schattenseiten der Liebe.
Während das Geheimnis des gefährlichen Radiums heute wissenschaftlich erklärt ist, bleibt das Mysterium der Liebe auch im 21., in Enquists Jahrhundert undurchschaubar. Das ist die Brücke in die Gegenwart. Die schlägt der Erzähler des Ganzen mit raffinierter sprachlicher Lakonie. Der Leser darf ihn mal vermuten als unmittelbaren, mitfiebernden Vertrauten von Blanche und Marie, ein andermal als jenen, der aus einem Jahrhundertabstand distanziert, wissend, aber auch mitfühlend auf die seelischen, intellektuellen und körperlichen Kapriolen dieser früh emanzipierten, liebenden und leidenden Frauen schaut.
Ein wunderbarer Roman. Ein großes Stück Weltliteratur. Nur logisch, dass Enquist in diesem Jahr mit dem "Corine"-Buchpreis ausgezeichnet wird.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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3.)
Das Buch von
Blanche und Marie.
Roman von Per
Olov Enquist (2005, Hanser - Übertragung Wolfgang Butt).
Besprechung von Katharina Erlenwein aus den Nürnberger
Nachrichten vom 13.05.2005:
Der Preis des Glücks
Per Olov Enquists „Buch von Blanche und Marie“
Eine offenbar ohnmächtige Frau, gehalten von Männerhänden,
die Bluse aufgeknöpft, mit verkrampften Fingern und einem dazu unpassenden,
selig entspannten Gesichtsausdruck — dieses Bild der Blanche Wittman, legendäres
Versuchsobjekt des Nervenarztes Charcot im Paris des ausgehenden 19.
Jahrhunderts, scheint Per Olov Enquist nachhaltig beeindruckt zu haben. Einen
Roman über die Machtmechanismen der Liebe hat der Schwede geschrieben, das
Bildnis ziert den Umschlag. Doch die tastende Form des Buches gleicht dem
Stochern im Nebel der geistigen Auszeit, die sich die „Hysterikerinnen“ in
der Pariser Salpetrière bei den berühmten Vorführungen Charcots nahmen.
Enquist flicht mit großem historischem Detailwissen die Biografien der
Patientin Blanche und der Nobelpreisträgerin Marie Curie zusammen, um an zwei
exemplarischen Fällen die Fesseln zu skizzieren, die eine Lebens-Liebe diesen
Frauen angelegt hat. Blanche kommt in noch jugendlichem Alter in den düsteren
Krankenhausbau mit über tausend Insassinnen, von denen ein Großteil für
Charcots Forschungen über die „Hysterie“ herhalten muss und in öffentlichen
Vorführungen in Trancezustände gebracht werden. Nach ihrer Entlassung wird sie
Assistentin von Marie Curie, bearbeitet kiloweise und ohne Schutz den Grundstoff
für Radium und wird, nach und nach amputiert, schließlich an der Strahlung
sterben.
Marie Curie ist nach der Entdeckung des Radiums mit ihrem Mann Pierre eine
international geachtete Wissenschaftlerin, erhält als erste Frau den Nobelpreis
— und muss nach der Veröffentlichung ihrer späteren Affäre mit einem
Kollegen in die Provinz flüchten und sich vor aller Welt rechtfertigen.
Beide Frauen schmiedet in Enquists Roman eine ungleiche Freundschaft zusammen.
Blanche zeichnet nicht nur ihre Erfahrungen im Tagebuch nach, sondern auch
Maries gesellschaftlichen Absturz. Enquist lässt den Leser teilhaben an seiner
Suche nach der Wahrheit hinter den Aufzeichnungen, fügt seine Zweifel ein,
stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt. Das zerfleddert den historischem
Plot.
Die Frage nach den Bedingungen der Liebe, nach Selbstaufopferung und dem Preis für
ein wenig Glück bleibt vage, unbeantwortet sowieso. Was dem Roman fehlt ist ein
stringenter roter Faden, der Fiktion und Historie zusammennäht.
Enquist macht aus seiner Sympathie für seine ungleichen Heldinnen kein Hehl —
ihre jeweiligen Liebhaber dagegen existieren mehr in den Köpfen der Frauen. Es
sind zwei starke Figuren, denen man gern tiefer nachgespürt hätte, ohne die
aufgesetzte Gefühligkeit eines Autors, der sie benutzt zu unbefriedigenden Erklärung
des Phänomens Liebe.
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