Das Buch vom Salz von Monique Truong, 2004, Beck1.) - 2.)

Das Buch vom Salz.
Roman von Monique Truomg (2004, Beck - Übertragung Barbara Rojahn-Deyk).
Besprechung von Hannelore Schlaffer in der FAZ, 11.12.2004:

In Frankreich sind die Franzosen in Ordnung
Wohltaten einer emotionalen Bildung: Monique Truongs geistreicher Roman über ein internationales Dreiecksverhältnis

Da Deutschland seine Kolonien früh verloren hat, ist es heute zwar von den Folgen des Kolonialismus entlastet, andererseits aber auch unberührt von jener Literatur und jenen Theorien des Postkolonialismus, die seit Jahren die kulturellen Debatten in der angelsächsischen Welt bestimmen. Darin geht es weniger um den historischen Rückblick auf die Schuld als vielmehr um die labile Identität, unter der die ehemaligen Bewohner der Kolonien als Befreite - entweder in den einst unterdrückten Ländern oder aber als Emigranten in den Ländern ihrer einstigen Unterdrücker - zu leiden haben. Nicht mehr kolonisiert und doch noch nicht ganz frei, nicht mehr in der heimischen Tradition verwurzelt, aber auch noch nicht im aufgeklärten Westen heimisch: von diesem Zustand zwischen den Welten handeln etwa V. S. Naipauls Romane oder Homi K. Bhabas Abhandlung über "Die Verortung der Kultur".

Nach Deutschland kommen diese Berichte, Kontroversen und Fiktionen, die in den Vereinigten Staaten die Öffentlichkeit und die Universitäten beschäftigen, nur in Übersetzungen. So gelangt auch Monique Truongs Roman "Das Buch vom Salz" spät erst in einer Übersetzung hier in die Buchhandlungen, nachdem es schon in sieben Sprachen erschienen und mit vielen Preisen prämiert worden ist.

Nur einen einzigen zerdehnten Augenblick umspannt die Erzählung von Binh, dem Vietnamesen, der fünf Jahre lang Koch bei Gertrude Stein und Alice B. Toklas gewesen war. Der Roman beginnt in dem Augeblick, da ein Foto entsteht von "Madame und Madame", wie der Koch seine beiden Damen gerne nennt. Auf Knien liegt er vor ihnen, um Gertrude Stein einen von ihrem Schuh abgegangenen Knopf wieder anzunähen. Die Fotografen umschwärmen die Damen, die im Begriff sind, von einem Pariser Bahnhof aus ans Meer zu fahren, um sich von dort in die Heimat, nach Amerika, einzuschiffen. Monique Truongs Erstlingswerk endet damit, daß dieselben Personen noch immer am selben Ort auf demselben Foto zu sehen sind, das der Koch betrachtet.

Die Bedeutung dieses Bildes legt der Roman Schritt für Schritt aus, indem er den Bewußtseinsstrom des klugen Kochs notiert. In den drei Personen ebenso wie in der Wahl der drei Orte, die auf dem Foto - wirklich oder im Wunschtraum der Figuren - gegenwärtig sind, enthüllt es und damit der Roman selbst eine Art internationales Dreiecksverhältnis: das zwischen der Alten Welt, wo Gertrude Stein mit ihrer Freundin lange lebte, der Neuen Welt, wohin sie zurückkehrt, und den Kolonien, aus denen der Koch kommt.

Von Paris, dem intellektuellen Zentrum der europäischen Aufklärung, aus brechen die amerikanischen Damen in ihre Heimat auf. Eine "Heimat" aber, in die auch der Koch zurückkehren wollte, kann es für den Flüchtling aus dem französischen Indochina gar nicht geben. Ein Mutterland hat er ohnehin nie gehabt, denn Frauen genießen in seiner Heimat so wenig Respekt, daß sie wie nicht vorhanden zu sein scheinen. Die Erinnerung an das Vaterland hingegen ist eine unauslöschliche Bedrohung für ihn. Immer wieder taucht der Vater als böser Gott auf, der die glücklichen Minuten in der europäischen Freiheit überschattet.

Der Koch bewundert die Emanzipiertheit der einander erotisch zugeneigten "Mesdames", er ahnt die Wohltaten einer emotionalen Bildung, in der es mehr gibt als Kastengeist, Familiensinn und Fortpflanzung der patriarchalischen Herrschaft. Dennoch macht ihm das Foto, wenn er es am Schluß des Romans noch einmal betrachtet, seine entwürdigende Position bewußt. Nicht viel anders sieht er sich da behandelt als jene Hündchen, die die Damen stets bei sich führten und die sie nun ohne Skrupel in Europa zurücklassen: Er ist ein Wesen ohne Seele, das man wegwerfen darf. Mit einem letzten Blick auf das Foto rettet er ein Restchen Selbstbewußtsein und stellt sich dennoch unbewußt mit den beiden Hunden auf eine Ebene: "Glauben Sie mir, so naiv wie Basket und Pépé war ich nie. Ich hatte schon sehr früh begriffen, daß ich, ebenso wie die beiden, Amerika nie zu Gesicht bekommen würde."

Zu Unrecht fürchtet man, daß die romanhafte Darstellung Gertrude Steins für ein erneutes feministisches Bekenntnis zur wilden Freiheit dieser Dichterin genutzt würde. Vielmehr erscheint diese bei Monique Truong als Allegorie der guten Seiten der westlichen Kultur. Die Vorzüge dieser Kultur jedoch werden selbst noch in der Gegenwart immer nur für Augenblicke sichtbar. Ein namenloser Franzose fällt schließlich das Urteil über die ehemalige Kolonialmacht: ",In Frankreich sind die Franzosen in Ordnung.' Er meine damit, erklärte er, daß die Franzosen in ihren Kolonien ihre natürliche Neigung zu Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit verloren hätten."

Monique Truong ist in Saigon geboren und in den Vereinigten Staaten aufgewachsen. Die Folklore des Herkunftslandes verschafft ihrem Buch erst den sinnlichen Reiz. Die hier zum Plot geraffte Auseinandersetzung der Kulturen findet nicht als steifes allegorisches Figurentheater statt. Vielmehr hat der Leser einer Brandung von exotischen Details standzuhalten, die vielfältigen Nährstoff für seine Sinne anschwemmt. Gerade die Wahrnehmungsorgane bemerken den Unterschied kultureller Prägungen am schärfsten. Die Farbe Rot etwa assoziiert der Koch mit der Erinnerung an Wärme, Mutter, Leben; dem Europäer dagegen erscheint sie eher als Warnruf vor Gefahr und Verletzung. Das Gelb von Bananenschalen, auf Buchrücken vielleicht oder in Reklamen, erscheint dem Europäer als leuchtendes Gesundheitsglück, dem Vietnamesen hingegen als ein agrikultureller Mißgriff, bei dem eine unreife Frucht gepflückt worden war, noch ehe sie ihre sommersprossige Fülle erreicht hatte. Die Nase als der wichtige Spurensucher des Geschmacks ist der eigentliche Kompaß auf dem unsicheren Weg des Kochs zwischen den Kulturen, ohne daß die modische Vorliebe für Kochbücher und Kochromane strapaziert würde: "Jede Küche ist eine vertraute Geschichte, die ich mit Safran, Kardamom, Lorbeer und Lavendel ausschmücken kann."

In der Buntheit von Truongs Erzählung fehlt die graue Folie der Theorie des Postkolonialismus nicht, doch ist sie so dicht übermalt, daß sie, als sei sie selbst ein Stück Kolorit, nur hie und da hervorlugt. Nicht nur die für ein Buch aus dem Land der Colonial Studies geläufige Kulturtheorie verkleidet sich ins Kostüm buntscheckiger Assoziationen, auch Definitionen, wie etwa die der Poesie der Gertrude Stein, kommen daher wie nichtsnutzige Farbkleckse: "Gertrude Stein würde niemals weit für ihre Geschichten zu reisen haben. Diese stöbern vielmehr sie auf und bitten sie darum, erzählt zu werden."

Auch Monique Truong haben die Erinnerungen aufgestöbert, um erzählt zu werden - und Dichtern wie ihr, die vor dem Ansturm ihrer Phantasie schier fliehen müssen, folgt der Leser am liebsten.

Leseprobe I Buchbestellung 1204 LYRIKwelt © Hannelore Schlaffer

***

Das Buch vom Salz von Monique Truong, 2004, Beck2.)

Das Buch vom Salz.
Roman von Monique Truomg (2004, Beck - Übertragung Barbara Rojahn-Deyk).
Besprechung von Dieter Lohr, 2004:

Das Buch von den Steins und ihrem Koch

Aus einer Randbemerkung von Alice B. Toklas schafft Monique Truong eine Nebenfigur der schillernden Szene um Gertrude Steins Pariser Salon in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Und aus dieser Nebenfigur macht sie die Hauptfigur eines außergewöhnlichen Romans. 

„Es war sicherlich Glück, dass wir gute Köche fanden, auch wenn sie in anderer Hinsicht so ihre Schwächen hatten. Gertrude Stein wies mich gern darauf hin, dass sie nicht für uns arbeiten würden, wenn sie solche Fehler nicht hätten.“ So steht es im ‚Alice B. Toklas Cook Book’ geschrieben. 

Ganz klar: Ein solcher Koch von Gertrude Stein und Alice B. Toklas, wenn es ansonsten keine näheren Hinweise auf ihn gibt, schreit förmlich danach, literarisch fiktiv ins Leben gerufen zu werden. Voilà, er heißt Binh Minh, hat seiner Heimat Vietnam den Rücken gekehrt, als seine homosexuellen Neigungen publik geworden waren, hat drei Jahre lang die Meere befahren und steht nun nach mehreren kürzeren und nicht wirklich befriedigenden Anstellungen in Paris vor der Rue de Fleurus 27 und bewirbt sich um die Stelle als Koch bei ‚den Steins’. 

Beziehungsweise: Es ist bereits am Vorabend der endgültigen Abreise von Gertrude Stein und Alice B. Toklas aus Paris, und Binh Minh sieht nach mehrjähriger Beschäftigung in der Rue de Fleurus 27 abermals einer ungewissen Zukunft entgegen. 

Beziehungsweise: Sein Vater, den er für sich längst begraben hat, mischt sich immer noch in Binh Minhs Gedankenwelt ein, sucht ihn immer noch heim. Vietnam, seine Brüder, seine Mutter, sein Vater – ‚Eltern’ wäre nicht das treffende Wort – die Küche und der Chefkoch des Generalgouverneurs in Saigon... Vergangenheit und Gegenwart sind nicht eindeutig zu trennen. Der Roman besteht aus beständigen Vor- und Rückblenden, und wenngleich einem bei genauerem Hinlesen schon klar wird, welche der Erzählstränge die eigentliche Rahmenhandlung ist, so verschwimmt im Einzelfall recht gerne, ob gerade ein Zeitsprung nach vorne oder nach hinten stattfindet. Nicht so sehr die Handlung steht im Vordergrund des Romans, sondern die Figur Binh Minh, und sie entsteht vor unseren Augen ausgesprochen plastisch, indem sie sich nicht im Laufe eines Geschehens entwickelt, sondern indem sie nach und nach – aber auf allen Zeitebenen gleichzeitig – ihre Gegenwart, ihre Vergangenheit, ihre Vorgeschichte und Vorvorgeschichte offenbart. 

Binh Minh erzählt als Ich-Erzähler stets aus seiner eigenen Perspektive. Die Autorin ist in ihrer Art zu schreiben, ihrem Protagonisten sehr einfühlsam entgegen gekommen. Sie schreibt eine sehr bildreiche Sprache, denn Binh Minh ist als Ausländer eher ein Mann großer Bilder als großer Worte, ein bisschen vorsichtig im Gebrauch eigener Werturteile, für den Fall, dass er nicht alles recht verstanden hat, distanziert und doch wieder sehr intim. 

„Als ich schließlich imstande war, das Geschirr schneller zu säubern als es schmutzig zu machen, fragte mich der Koch der Niobe, ein Franzose mit Namen Loubet, wo ich vorher gearbeitet hätte. ‚In der Küche des Generalgouverneurs von Saigon’, sprach Loubet mir nach. Von da an stand Loubet spät auf, rauchte seine Zigaretten und starrte durch die schmierigen Bullaugen aufs Meer. Währenddessen zeigte ich, was ich alles in der Küche des Generalgouverneurs gelernt hatte. Arbeit ohne Ruhm. Gefallen ohne Lob. Vergnügen ohne Anerkennung.“ 

Auf diese Weise ist Binh Minh kein objektiver, kein unparteiischer, vielleicht noch nicht einmal ein besonders glaubwürdiger Chronist der Zeit um 1930, der Stadt Paris und ihrer Einwohner, des Zirkels um Gertrude Stein. Aber das will er auch gar nicht sein. Im Mittelpunkt steht schließlich er selbst, egal wie klein und unbedeutend er der Welt um sich herum erscheinen mag, egal wie groß und bedeutsam sich diese Welt um ihn herum gerieren mag.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.dieterlohr.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1107 LYRIKwelt © Dieter Lohr