Das Buch des Vaters von Urs Widmer, 2004, Diogenes

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Das Buch des Vaters.
Roman von Urs Widmer (2004, Diogenes).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 11.2.2004:

Von der Mutterliebe zum Vaterbuch
Urs Widmers neuer Roman - ein Vexierbild

Einen Jux wollte er sich machen, aber es ist nur eine etwas schräge Geschichte daraus geworden: Urs Widmer hat einen Roman geschrieben, der die Kehrseite seines vorigen Romans zeigt.

Drei Jahre ist es her, da erschien "Der Geliebte der Mutter". Ein eigenartiges Stück Prosa, anrührend oft in der Weise, wie man sie Rosamunde Pilcher gern vergibt. Manchmal allerdings leuchtete durch das populäre Sentiment eine Weisheit, die tiefer wies und Schichten bloßlegte, die auf ernste Weise nachvollziehbar waren.

Eine Frau liebt einen Mann, unglücklich, ein Leben lang, und sie stirbt an dieser Liebe. Das war die Botschaft dieses Buches, daslesbar war, aber nicht unumgänglich.

Jetzt ist "Das Buch des Vaters" erschienen, und natürlich ist die Ähnlichkeit nicht zufällig. Es wird die Geschichte des Mannes erzählt, der mit der unglücklich Liebenden verheiratet war; und weil er ihre Leidenschaft für den anderen nicht ahnte, war er glücklich. Welch ein Missverständnis.

Welch gedrechselter Kunstgriff aber auch. Vorsichtshalber verrät der Klappentext das Geheimnis: Karl ist der Mann jener Clara. Das soll die Neugier wecken, dämpft sie stattdessen aber erheblich. So fesselnd war "Der Geliebte der Mutter" nicht, dass man die Geschichte aus anderer Sicht noch einmal hören möchte. Vor allem aber: Wer erinnert sich so genau an den ersten Roman, dass er die teilweise wörtlich gleichen Sätze entdecken würde? Das ist ein sehr exklusiver Spaß. Oder erwartet der Autor ernstlich, der Leser würde den ersten Roman noch einmal lesen?

Und dennoch - wer es tut, könnte angenehm überrascht sein. Denn im Vergleich zum zweiten ist das erste Buch geradezu poetisch. Nur - wer gern liest, hat noch anderes vor, als Urs Widmer in seiner selbstverliebten Spielerei zu folgen.

Einige Szenen, das muss gesagt sein, lesen sich faszinierend, auch wenn sie letztlich nur Variationen über die modische Märchen- und Mythenwelt eines Paulo Coelho sind. Die Geschichte vom Bergbauernjungen, der an seinem 12. Geburtstag einen Initiationsritus erfüllen muss und am Ende natürlich eine beinahe sexuelle Begegnung hat, liest sich schön süffig. Im Roman aber hat sie kaum ihren schlüssigen Platz - falls man nicht davon ausgeht, dass es autobiographischen Charakter hat. Immerhin zeigt das Cover das Porträt eines Mannes mit dem Titel "Walter Widmer, 1946".

In der FAZ ist "Das Buch des Vaters" als Fortsetzungsroman im Vorabdruck erschienen, was einem Adelsbrief gleichkommt. Doch die Hoffnungen erfüllen sich leider nicht. Dass das Leben von verschiedenen Menschen verschieden wahrgenommen wird, ist eine Binsenweisheit.

So stehen sie also im Bücherschrank nebeneinander; das Vaterbuch von etwas dunklerem Rot als der Mutterband. Man möchte nur hoffen, dass Widmer nicht den verwegenen Gedanken an ein drittes Buch hegt: die ganze Geschichte noch einmal, aus der Sicht Edwins, des Geliebten.

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Das Buch des Vaters von Urs Widmer, 2004, Diogenes2.)

Das Buch des Vaters.
Roman von Urs Widmer (2004, Diogenes).
Besprechung von Thomas Gross in Rheinischer Merkur, 12.02.2004:

Urs Widmer liefert nach „Der Geliebte der Mutter“ nun die grandiose Fortsetzung
Leere Seiten voller Poesie

Ein Vater legt für seinen Sohn ein Tagebuch an, das die Kindheit festhalten soll. Das Buch geht verloren. Also denkt sich der Autor ein neues aus.

Schöne, weiße, zunächst unbeschriebene Blätter, die es Tag für Tag mit Lebensinhalt zu füllen gilt, enthält das „Buch des Vaters“. Beim Austritt aus der Kindheit mit zwölf Jahren hat die Hauptfigur Karl dieses Tagebuch, das dem neuen Roman Urs Widmers seinen Titel gab, als Initiationsgabe erhalten. Ein ausgelassenes, uriges Fest im Heimatdorf seiner Eltern ist dies gewesen, zu dem Karl allein, durch dunkle Wälder, eisige Regen und steinige Wege hatte wandern müssen. Die zweite dörfliche Lebensgabe war da schon lange gebaut, ein Sarg, der für ihn wie für alle Dorfbewohner und deren Nachkommen gleich nach der Geburt zusammengezimmert wurde.

Als Karl stirbt, nach einem ausgelassenen, ebenso zeitgemäßen wie urtümlichen Leben, da ist das inzwischen weitgehend komplette Buch für seinen Sohn nicht mehr auffindbar. Die Mutter hat all den Papierkram des unermüdlich neue Schreibprojekte entwerfenden Vaters dem Müll überantwortet. Also beginnt der Sohn, es noch einmal zu schreiben: „Das Buch des Vaters“, Widmers Roman.

Nicht nur ziert den Buchumschlag das Porträtgemälde von Widmers Vater Walter, auch die Lebensdaten sind dieselben, die Leidenschaft für die Literatur, als Übersetzer, Kritiker und Kinderbuchautor, und der Brotberuf des Gymnasiallehrers für Französisch. In Karls Leben, besonders wenn er sich und andere begeistert, für die Literatur vor allem, und dabei besonders für seine Säulenheiligen Diderot und Stendhal, die er auch übersetzt - in diesem Leben ist die Grenze zur Literatur fließend. Und so wie dieser „Karl“, der immer wieder beschwörend vom Erzähler „der“ oder „mein Vater“ genannt wird, weil er ein echter sorgender Vater ja doch kaum war, wie für ihn das Leben vor allem bedeutet, mit literarischen Entwürfen befasst zu sein, so ist auch dieses Buch Literatur und Leben zugleich: ein biografischer Roman über das Leben selbst – und den Tod, der im Bild des Sarges immer schon ins Leben hereinragt – und über die Poesie, die es überhöht und die immer auch ein Rettungsanker zu sein vermag.

Wie der 1940 zur Armee eingezogene Vater nächtelang an schwarzen Eisenbahntunnels Wache schiebt und friert, da hat er natürlich Bücher im Kopf, und auf der Pritsche liegend, als quasi stündlich der Angriff der Wehrmacht erwartet wird, schreibt er in sein Buch einen phantasievollen Entwurf über Diderot und seine Geliebte Sophie Volland, von denen er glaubt, dass ihre Beziehung der seinen zu seiner Frau Clara gleiche. Und weil der Autor dieses Romans Urs Widmer heißt, ist das Buch wie das Leben, real und phantastisch zugleich, witzig und traurig, immer wieder wunderbar leicht und doppelbödig.

Dass der Schweizer Autor mit diesem Roman das Pendant zu seinem vorhergehenden, „Der Geliebte der Mutter“ (2000), geschrieben hat, legt schon der Titel nahe. Erhielt dort aber die „Mutter“ vor allem durch die Beziehung zu deren Geliebtem Edwin Schimmel Kontur (hinter dem sich der Schweizer Musikmäzen und Milliardär Paul Sacher verbarg), da spielt diese Beziehung nun kaum eine Rolle - weil sie „dem Vater“, der seine Frau Clara auf seine Weise liebt, offenbar gar nicht bewusst ist. Und so erzählt Widmer auch davon, wie jeder doch sein eigenes Leben lebt, weswegen es zwischen beiden Büchern auch gar nicht viele inhaltliche Überschneidungen gibt. Was sie freilich verbindet, ist dies: Indem sie vom persönlichen Leben und Erleben erzählen, erzählen sie auch die (Schweizer) Geschichte des 20. Jahrhunderts nach. Erzählen vom Leben im Spannungsfeld von Welt- und Landespolitik, von der Bedrohung durch Nazideutschland und von Geschäften mit dem (drohenden) Krieg, schließlich allgemein vom Leben im Spannungsfeld von Kultur und Wirtschaft, Kunst und Geld, das der eine, Edwin, über alle Maßen hat und mit dem der andere, Karl, so gar nicht umzugehen versteht, schon gar nicht sparsam. Ob er deshalb zeitweilig für den Kommunismus schwärmte? Am Ende seines Lebens ist Karl kein Kommunist mehr, politische Ideen interessieren ihn immer weniger.

Deshalb ist dieses Buch auch ein Buch über enttäuschte politische Hoffnungen im vergangenen Jahrhundert. Übrigens: Zweifel, wer der tatsächliche Vater des Erzählerkindes ist, der „Geliebte der Mutter“ oder der 1965 verstorbene „Vater“, bleiben auch jetzt bestehen: Es könnte also noch „Ein Leben als Sohn“ oder Ähnliches folgen.

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