Das Buch der Unruhe... von Fernando Pessoa, 2003, Ammann1.) - 2.)

Das Buch der Unruhe.
Roman von Fernando Pessoa (2003, Ammann - Übertragung Inès Koebel, hrsg. von Richard Zenith).
Besprechung von Nicole Henneberg in der Frankfurter Rundschau, 30.7.2003:

Die Gewissheit des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares
Ein portugiesisches Zettelmeer: Fernando Pessoas "Buch der Unruhe" in einer neuübersetzten, erweiterten Ausgabe

Jeden Morgen verlässt ein schmaler, etwas gebeugter Mann seine bescheidene Wohnung, geht aufmerksam beobachtend durch die Rua dos Douradores ("Straße der Vergolder"), in der er jeden Bewohner und jeden Ladenbesitzer genau kennt, wenn er auch noch nie ein Wort mit ihnen gesprochen hat, und betritt schließlich seufzend die Stätte seiner alltäglichen Qual: ein typisches Geschäftshaus, in dem er als Hilfsbuchhalter arbeitet. Sein jovialer Chef Vasques erwartet ihn schon, während der Dienstmann in einer Ecke des hohen Raumes wie jeden Morgen mit dem Packpapier raschelt. Seufzend und gleichzeitig beruhigt tritt der Angestellte an sein hohes Schreibpult, um in Schönschrift endlose Zahlenkolonnen in das Hauptbuch einzutragen. Alle Erfindungen, Eroberungen und Dichtungen der Welt, so stellt er sich vor, haben zwischen ihnen Platz, denn noch niemand hat ihren Wert angemessen katalogisiert.

Er liebt und hasst sein Büro - es ist Kerker, weil es ihn von seinem wahren Leben, dem Schreiben, abhält, und sehnsüchtig folgt er mit den Augen einem Sonnenstrahl, der durchs Zimmer wandert und sich schließlich zum Fenster hinausstiehlt. Aber der stille Raum mit den immergleichen Gesichtern schützt ihn auch vor dem Würgegriff seiner Träume und Phantasien; es kann in stillen Momenten sogar vorkommen, dass in einem banalen Detail - einer sonderbar geformten Wolke am Himmel, dem freundlichen Blick seines Chefs oder einer Fliege, die ängstlich über sein Pult wandert - das unwandelbare Gesetz des Lebens aufscheint: Unsere Empfindungen und Vorstellungen sind die einzige sinnliche Gewissheit, die wir haben.

Der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares ist ein Alter Ego des wohl größten, modernen Schriftstellers Portugals, Fernando Pessoa. Auch er lebte bescheiden und zurückgezogen, arbeitete als Handelskorrespondent und richtete sein Leben ganz aufs Schreiben aus - seinen frühesten (erhalten gebliebenen) Text verfasste er 1895, im Alter von sieben Jahre. An seinem Buch der Unruhe, 1914 erstmals in einem Brief erwähnt, hat Fernando Pessoa mit Unterbrechungen zwanzig Jahre lang gearbeitet; und nur in den letzten beiden Jahren seines Lebens trat der Gedichtband Mensagem (Botschaft) in den Vordergrund, der das einzige zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Buch bleiben sollte. Daneben erschienen Gedichte und die Zeitschrift Orpheu, die auf die portugiesische Literatur, obwohl nur zwei Nummern erschienen, eine gewaltige Wirkung ausübte.

Es war die Zeit von Pirandello und Kafka, also der zweite Schritt der klassischen Moderne, mit dem sie sich vom Diktat der Traumkunst befreite, um bei der geträumten Soziologie anzukommen: Pessoa sah sich als "Nervenmaschine", die wie ein Seismograph die feinsten Empfindungen registrieren und mitteilen wollte, und entzog sich deshalb soweit wie möglich dem banalen, tätigen Leben, ohne es doch aus den Augen zu verlieren. Davon zeugt das aus Fragmenten, Aphorismen, Kurzessays und Szenen komponierte Buch der Unruhe, mit dem er seine geplante Gesamtausgabe eröffnen wollte: ein gewaltiges Schreib- und Denktagebuch, in dem Pessoa immer wieder frisch ansetzend und umformulierend seine innere Bühne entwirft. Aber erst jetzt - der portugiesischen Originalausgabe folgend um fast die Hälfte erweitert und in der komplett neuen, sachlicheren Übersetzung von Inès Koebel - gibt sich das riesige Textkonvolut als die radikal moderne Versuchsanordnung zu erkennen, als die sie gedacht war.

Der frühere Übersetzer, Rudolf Georg Lind, hatte sich sowohl in der rigiden Auswahl und Anordnung der Fragmente als auch in der Übersetzung von seinem Verständnis des Leserinteresses leiten lassen: eine angenehme und stringent aufgebaute Ausgabe wollte er bieten, deren Hauptgewicht auf den späteren, das heißt nach 1930 entstandenen Texten lag - denn diese hielt er für die wichtigeren. Die frühen, noch symbolistisch geprägten Teile, die Pessoa dem fiktiven Ich Vincente Guedes zusprach, schienen Lind stilistisch allzu tastend und inhaltlich preziös. Ebenso waren offensichtlich unfertige oder abgebrochene Notate vernachlässigt worden - zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt, lassen sich doch gerade an ihnen, wie auch an den Wiederholungen, die Suchbewegungen in Pessoas Schreiben studieren.

Das Spiel mit verschiedenen Stilen und Schreibhaltungen ist eine der wichtigsten Eigenheiten des großen Portugiesen; es führte sogar zu unterschiedlichen Handschriften, wie der Herausgeber Richard Zenith erzählt, der jahrzehntelang an der Entzifferung des Nachlasses gearbeitet hat (und dies heute noch tut). Schier unerschöpflich scheint die gewaltige, in der Nationalbibliothek von Lissabon wie ein Schatz gehütete Übersee-Kiste zu sein, in der Pessoa seine Notate und Texte verstaute. Nach seinem Tod im Jahr 1935 fanden sich völlig ungeordnet tausende von teils handschriftlichen, teils getippten Zetteln und Seiten darin, von denen nur die wenigsten datiert waren. Sie dienten als Gerüst für die chronologische und thematische Ordnung der vorliegenden Ausgabe.

"Was anderes ist Kunst, als die Verneinung des Lebens?" schrieb Pessoa, und verwandelte umgekehrt sein Schreiben in Leben, indem er verschiedene literarische Persönlichkeiten samt detaillierter Biographie erfand, seine Heteronyme, die er in Literaturzeitschriften heftige Leserbriefkämpfe aufführen ließ. Pessoas selbst geschaffene geistige Familie war äußerst vielseitig und reichte von Ricardo Reis, der heidnische Oden schrieb, über den anglophilen Alvaro de Campos, der Piratengesänge liebte und sich als Erbe Walt Whitmans verstand und den radikalen Symbolisten Vincente Guedes bis zu dem sanften, melancholischen Bernardo Soares; eine "leichte Verstümmelung" seiner selbst nannte ihn Pessoa: weniger denkfähig, dafür emotionaler und poetischer.

In der härteren und klareren Sprache, in die Inès Koebel die Texte gebracht hat, zeigt sich Soares als ganz unsentimentaler, stellenweise sogar grausamer Beobachter seiner selbst. An düsteren Tagen beschimpfte er sich als lebensunfähig; seine Literatur als wirkungslos und vergeblich. Meist aber adelt er den Träumer zum wahrhaft tätigen und moralischen Menschen, der sich die Welt um den Finger wickelt, "wie eine Frau spielerisch versonnen an ihrem Fenster einen Faden oder ein Band". Die Welt - das waren die Leute in den kleinen Restaurants der Unterstadt von Lissabon, die Händler auf den Straßen, die Passagiere der Straßenbahn, die er beobachtet wie ein verträumter Soziologe.

Hinter einem geschmackvollen Stoff erscheint ihm die zugehörige Textilfabrik samt den emsigen Näherinnen, dem Lohnbüro und den Hauptbüchern, in denen alle Geschäftsbewegungen verzeichnet sind. So gehe es ihm immer, klagt Bernardo Soares: Traum und Wachen flössen zu einer schwebenden Aufmerksamkeit zusammen, die alles aufnehme und Banales behandle wie ein Welträtsel. Aber er kann beruhigt sein - denn sein Autor ist ein Meister darin, großartig bescheidene Bilder dafür zu finden: "So bin ich. Wenn ich denken will, sehe ich. Wenn ich in meine Seele hinabsteigen will, bleibe ich plötzlich an der Treppenspirale nach unten stehen und betrachte durch das Fenster des letzten Stockwerkes selbstvergessen die Sonne, die mit ihrem Abschiedsrot die weite Landschaft der Dächer tränkt."

Spöttisch weist Bernardo Soares alias Fernando Pessoa den Leser auf seine Inkonsequenz und Empfindsamkeit hin; so harsch, dass man nicht mehr in die Versuchung kommt, diesen Autor nur als den sanft-traurigen Erzähler Lissabons anzusehen. Er führt seine mitunter bis an die Grenze des Pathologischen ausgespielten Masken und Schreibhaltungen vor: den larmoyanten Liebenden, das greinende Kind, den preziösen Bewohner des Elfenbeinturms, den Underdog; kaltlächelnd lässt er damit die Einheitlichkeit des Ichs zersplittern wie einen herabfallenden Eiszapfen.

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Das Buch der Unruhe von Fernando Pessoa, 2006, Ammann2.)

Das Buch der Unruhe.
Roman von Fernando Pessoa (2003/2006, Ammann - Übertragung Inès Koebel, hrsg. von Richard Zenith).
Besprechung von Jürgen Weber, 29.8.2006:

Die Neuausgabe von Pessoas Werken beginnt der Ammann Verlag mit dem wohl bekanntesten und gleichzeitig auch umfangreichsten Buch. „Das Buch der Unruhe“, im portugiesischen Original „O Livro do Desassossego“, liegt hier in einer auf den neuesten Stand der Forschung gebrachten Ausgabe vor und wird auch durch zusätzliche Texte ergänzt.
 
  Ursprünglich wurde das Buch der Unruhe in jener berüchtigten Truhe gefunden, die als Nachlass des Dichters die Jahrzehnte überdauert hatte: 1935 hinterließ Pessoa das Buch als lose Fragmente-Sammlung und es fanden sich lediglich Notizen und Hinweise auf die endgültige Zusammenstellung des künftigen Inhaltes. Richard Zenith, der Herausgeber der portugiesischen Ausgabe, die 1998 erschienen ist, ist es zu verdanken, dass das Werk in eine thematisch und zeitlich nachvollziehbare Ordnung gebracht wurde. Für die deutsche Ausgabe hat sich Georg Rudolf Lind eingesetzt und es bereits für die Erstausgabe von 1985 in eine würdevolle Übersetzung gebracht. Inés Koebel war es schließlich, die für die hier vorliegende neue Ausgabe auch die Passagen übersetzt hat, die vorher revidiert werden mussten. Wie sie selbst im Nachwort schreibt, hat sie sich dabei zumeist an die ursprüngliche Fassung von Pessoa gehalten, auch wenn er selbst manchmal drei verschiedene Varianten eines Wortes oder Satzes angemerkt hatte. „Hätte Pessoa sein Buch der Unruhe selbst veröffentlicht, wäre dies vielleicht in einer anderen als der uns vorliegenden Form geschehen. So aber gibt es Einblick in Größe und Delirium eines vielfältigen Ichs, einer beunruhigend unruhigen, faszinierenden Existenz.“
 
  Schon die ersten Seiten lassen einem das Herz höher schlagen. Die Selbstbeschreibung des Buchhalters Bernardo Soares als am Rand stehende Existenz zieht einen sofort in die Mitte des Bannes dieses Buches. Denn die widersprüchlichen Formulierungen Pessoas verleiten einem zum Nachdenken und Innehalten: so wird das „Buch der Unruhe“ zu einem „Ruhepol“, wenngleich die unwiderruflichen Konsequenzen des Denkens, meist dazu führen, sein Leben zu ändern und damit wieder „unruhig“ zu werden. Dass Pessoa durchaus auch in seinem täglichen Leben ein schwieriger Charakter war und nicht nur die Protagonisten seiner Text, beweist folgendes Zitat aus einem Brief an seine Mutter: „Selbst der Umstand, dass ich demnächst ein Buch veröffentliche, wird mein Leben verändern. Ich verliere etwas: das Unveröffentlichtsein. Und da jede Veränderung schlecht ist, bedeutet selbst eine Veränderung zum Guten stets eine Veränderung zum Schlechten.“ Und auf die Ermunterung seiner Freunde, er werde einmal ein großer portugiesischer Schriftsteller weiß er nur zu antworten, dass sie dabei an die Dinge denken, die er bereits geschrieben hat und nicht an die, die er noch schreiben könnte.
  „Weiß ich denn wonach es schmeckt? Vielleicht schmeckt Ruhm nach Tod und Nichtigkeit und riecht Triumph nach Fäulnis.“ Fernando Pessoa hat es zu Lebzeiten nicht mehr herausgefunden, aber sein Ruhm ist zweifellos und unbestreitbar. Wer sonst hat solche Satzperlen geschrieben wie: „Wenn das Herz denken könnte, stünde es still“? Oder sein Delirium über den Überdruss, das Dichten an sich oder das Träumen? Dieses Buch wird Sie in Aufruhr versetzen, seien Sie vorsichtig und lesen Sie es nicht zu schnell: es könnte ihr Leben zu sehr ins Ungleichgewicht bringen. Es sei denn, sie lieben die Herausforderung…
 
  Im Anhang befinden sich weiters Texte, die auf Vicente Guedes verweisen, zwei Briefe (einer davon von Pessoa an seine Mutter!), andere, ursprünglich nicht in das Buch aufgenommene Textfragmente und auch Texte zu Pessoas Buch der Unruhe, sowie Nachbemerkungen der Übersetzerin und des Verlagsleiters.

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