Das Buch der Träume von Nagib Machfus, Unionsverlag1.) - 2.)

Das Buch der Träume.
Buch von Nagib Machfus (2007, Unionsverlag - Übertragung
Doris Kilias).
Besprechung von Angela Schader in Neue Zürcher Zeitung vom 8.10.2007:

Die Nächte des alten Meisters
Kristallklar und fesselnd – Nagib Machfus' «Buch der Träume»

Wenn sich der ehrgeizigste Traum einer Schriftstellerkarriere erfüllt hat – wovon träumt ein Autor dann? Für hiesige Leser, die den 2006 verstorbenen Nagib Machfus primär als Literaturnobelpreisträger, als Doyen der arabischsprachigen Romanliteratur und Verfasser eines Lebenswerks von imposantem Umfang kennen, wird sein «Buch der Träume» in mehr als einer Hinsicht eine Überraschung darstellen – und eine Kostbarkeit für jeden, der den Autor schätzt.

Der Schatten, der über der Entstehungsgeschichte dieses Buches liegt, hat sich auch tief in seine Inhalte gesenkt. Machfus wurde 1994 auf der Strasse von einem religiösen Fanatiker attackiert und mit einem Messer schwer verletzt; Grund für den perfiden Anschlag auf den damals 83-Jährigen war sein 1959 publizierter und bis in die jüngste Vergangenheit von konservativ-religiösen Instanzen inkriminierter Roman «Die Kinder unseres Viertels» – den der Täter selbstredend nie gelesen hatte. Während der langen Rekonvaleszenz begann Machfus, seine Träume aufzuzeichnen, die zunächst in einer Zeitschrift, dann in Buchform veröffentlicht wurden. Nun liegen die Texte auch in der Übertragung der bewährten Machfus-Übersetzerin Doris Kilias vor.

Zur Essenz gefiltert

Was im «Buch der Träume» von der ersten Seite an frappiert, ist die Knappheit und Dichte, mit der das Traumgeschehen gefasst und vergegenwärtigt wird. Machfus leistet dies, indem er auch das Diffuse, das Sprung- und Rätselhafte frontal angeht, es sozusagen zur Selbstverständlichkeit erklärt und nie mit der Eigenart eines Traumbilds kokettiert, indem er es schildernd oder reflektierend vor dem Leser ausstellt. Die äusserste Reduktion der Form hatte der grosse Epiker bereits in der Kurzprosa von «Echo meines Lebens» einstudiert, die sich da und dort auch inhaltlich den Traumtexten nähert; doch diese schleifen noch eine weitere Facette in seine Kunst und vermitteln zudem einen einzigartigen Blick auf die Persönlichkeit des Schriftstellers.

Erschütternd ist, in welchem Mass sich das Trauma der Attacke in Machfus festgesetzt hatte: Latente oder akute Bedrohungen, Raubüberfälle, gezückte Messer sind eines der Leitmotive im Buch. Ebenso betroffen macht das Lebensbild des Literaturnobelpreisträgers, welches die Träume kartografieren. Vom Schreiben ist kaum je die Rede; und wenn, dann stehen eher negative Aspekte im Vordergrund. Am verstörendsten ballen sie sich in der Kugel aus reinem Gold, die dem Schriftsteller im Traum als Ehrengabe überreicht wird: Er will den kostbaren Preis für gute Zwecke einsetzen und aufteilen lassen, doch als die Säge den Kern der Kugel erreicht, zerfetzt eine mächtige Explosion alles Leben ringsum.

Ungleich tiefer als die literarische Existenz hat sich die jahrzehntelange Arbeit als Staatsbeamter in Machfus' Träume eingeschrieben. In einen Kulturkreis geboren, wo Preise und Stipendien rar sind, war der Schriftsteller auf diesen Brotberuf angewiesen; und noch ein Vierteljahrhundert nach der Pensionierung sind die im Schlaf aufsteigenden Erinnerungen an die Hackordnung im Büro, an enttäuschte Hoffnungen auf Beförderung oder ans gelegentliche Schielen nach einer hübschen Kollegin nicht getilgt.

Auch andere Notate sprechen von einer Existenz, in der die materielle Not nie bleibend gebannt scheint. Quälender Hunger treibt Machfus gleich im ersten Traum um – und als er widerstrebend (denn seine Taschen sind praktisch leer) ein Luxusrestaurant betritt, breiten sich vor seinen Augen statt festlich gedeckter Tische Müll und Trümmer aus. Wiederholt wird er aus seiner Wohnung vertrieben oder muss Unterkunft in minderwertigen Quartieren suchen; fremde junge Leute drängen sich frech ins Appartement eines Freundes, wo er zu Besuch ist, und tragen in Koffern davon, was ihnen gefällt. An einem Dinner hört er die geladenen Gäste von einem wunderbaren Dorf namens Christopher schwärmen, wo sie jetzt alle leben; als aufgetragen wird, setzt man ihn allein an den Katzentisch, ohne Tischtuch, Teller und Besteck, und drückt ihm grinsend den gebratenen Fleischhappen in die blosse Hand.

Andere Horizonte

Heitere Träume sind die Ausnahme in dieser Sammlung; und öfters zeigt, wie im Fall der goldenen Kugel, selbst ein glücklicher Moment plötzlich ein Janusgesicht. Machfus gewinnt bei der Tombola eine prächtige Villa – aber ihm fehlt das Geld für Einrichtung und Unterhalt, und beim Verkauf wird er erbärmlich übers Ohr gehauen. Durch Zauberschlag kann er fliegen – und ebenso schnell schlägt die Bewunderung der Nachbarn in böses Gerede um, er sei von einem Dämon besessen und müsse exorziert werden. Ein hochgeschätzter Musiker spielt auf – und Machfus nimmt offenbar als Einziger im Saal wahr, dass mitten unter den Zuhörern ein grausam Gefolterter hängt. Und in den zahlreichen Episoden, die ums andere Geschlecht kreisen, unterbricht einmal eine drohende Gefahr, dann wieder eine zürnende Verwandte das Techtelmechtel, oder die begehrte Schöne macht sich gleich selbst davon. Dennoch: Diese bald von erotischen Gelüsten, bald von achtsamer Zärtlichkeit gezeichneten Traumbilder nimmt man weniger als Chimären eines frustrierten Sexus wahr denn als Projektionen jenes lebenslustigen und dem Weiblichen äusserst zugetanen Geistes, der sich in Nagib Machfus' Schaffen – und nicht zuletzt in der Schar seiner literarischen Töchter – manifestiert.

Das Wunderbarste aber, um dessentwillen allein sich die Lektüre des Buches schon lohnt, ist der Horizont, der sich dem Hochbetagten in den Begegnungen mit Verstorbenen auftut. Freunde und Geliebte, Staatsgrössen und ehemalige Feinde scheinen zwanglos die Grenze zwischen den Welten zu passieren: Saad Zaghlul, der charismatische Führer des ägyptischen Unabhängigkeitskampfes, tritt lebendig aus einem alten Gemälde und lässt die längst enttäuschten Hoffnungen, die Machfus' Jugend inspiriert hatten, noch einmal aufleben. Der vor Jahrzehnten verstorbene Lehrer meldet telefonisch seinen Besuch an, um seine Lektionen durch im Jenseits gewonnene Einsichten zu ergänzen; ein Literaturkritiker will seine neue Karriere nicht zuletzt darauf aufbauen, dass die jüngere Generation gar nicht mehr weiss, dass er tot ist – ob diese in einen spitzen Dialog zwischen Schriftsteller und Rezensent verpackte Episode ein echter Traum oder ein satirischer Kassiber ist, wollen wir dahingestellt lassen.

In einem der letzten Traumnotate tritt Machfus eine ganze Delegation aus dem Jenseits entgegen: Umm Kulthum und Sajjid Darwish, Mohammed Abd al-Wahhab, Scheich Zakarija Ahmad, Laila Murad – Namen, hier mehrheitlich unbekannt, die jedoch für eine glänzende Epoche der arabischen Musik stehen. Umm Kulthum, der «Stern des Orients», beginnt zu singen, bricht ab; hebt erneut an, wiederholt die Phrase ein drittes Mal, verstummt. Dann klingt eine andere Stimme auf, dann wieder eine andere, die von Sehnsucht und flüchtiger Freude singt und schwebend in der Luft hängen bleibt. Nagib Machfus, dem träumenden Lauscher, wird bang – und dennoch: Glücklich, wer so in die andere Welt gerufen wird.

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Das Buch der Träume von Nagib Machfus, Unionsverlag2.)

Das Buch der Träume.
Buch von Nagib Machfus (2007, Unionsverlag - Übertragung
Doris Kilias).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der NRZ vom 25.10.2007:

Der Traum, mehr als ein Leben

Göttliche Offenbarung? Ahnung der Zukunft? Manifestation des (kollektiven) Unbewussten? Verarbeitung der Tagesmühen? Was ist das Wesen der Träume? So unterschiedlich ihre Auffassungen gewesen sind, so vielfältig sind die Weisen, in die Schriftsteller aller Zeiten Träume literarisch gekleidet, die Funktionen, die sie ihnen zugewiesen haben. Nagib Machfus, dem 1988 der Literaturnobelpreis verliehen worden war, hat in seinem letzten Lebensjahrzehnt, insbesondere nachdem er 1994 bei einem Attentat schwer verletzt worden war, ein Traumtagebuch, eher: ein Nächtebuch, geführt. Was seit 1999 in regelmäßiger Abfolge als seine Träume in einer Frauenzeitschrift erschien, hat er 2005, ein Jahr vor seinem Tod, gesammelt vorgelegt.

Die Wirklichkeit des Traumfiguren

Das Haus und die Wohnung der Kindheit, die ferne oder tote Geliebte, die alten, weisen Lehrer: Das sind Motive und Gestalten, die immer wiederkehren. Auf einer halben oder ganzen Seite werden sie nüchtern beschrieben, nie gedeutet. Sie gewinnen dadurch einen Grad an Wirklichkeit, wie er kaum je Traumliteratur, Machfus' Romanen aber durchaus eigen ist. Weshalb ihn ja auch das Nobelpreiskomitee als "Wegbereiter neuer sozialkritischer Erzählkunst" gefeiert hatte.

Noch deutlicher wird diese realistisch-kritische Tendenz in jenen Szenen, in denen Polizei, Militär, Straßengangs ihre ambivalente Macht ausüben, in denen die Bürokratie mit allen Schikanen beschrieben wird oder Minister Gunst und Übermut im Amt ununterscheidbar ausagieren. Solche Szenen, die wir gewohnt sind, mit einem anderen großen Albträumer als kafkaesk zu bezeichnen, machen die Mehrzahl der Texte in Machfus' Traumbuch aus. Sie sind von Beschreibungen eines furchterregenden, ängstigenden Alltag kaum zu unterscheiden. Und werden wohl als Träume charakterisiert, um sie - und den Autor - vor den Zugriffen der Macht, der Zensur zu schützen. So werden die Träume mehrschichtig: Nicht nur als eigenständige Texte, nicht nur als Schlüssel zu Machfus' Leben und Werk, sondern auch als nur wenig verhüllte Gesellschaftskritik sind sie zu lesen. (NRZ)

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