Das Buch der Illusionen von Paul Auster, 2002, Rowohlt1.) - 2.)

Das Buch der Illusionen.
Roman von Paul Auster (2002, Rowohlt - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 30.7.2002:

Das Glück ist nur ein kurzer Knall
... und man kann dran sterben. Paul Austers neuer Roman: ein reißender Erzählfluss mit großem Tiefgang.

Mit all den Literaturprofessoren, die in letzter Zeit den amerikanischen Roman bevölkern, könnte man glatt eine ansehnliche Demonstration ausrichten. Gegen allzu viele Literaturprofessoren in amerikanischen Romanen, zum Beispiel. Denn in dieser Masse nehmen wir Professor David Zimmer nur deshalb wahr, weil er uns halbwegs vertraut ist: Er tauchte Ende der achtziger Jahre mal im "Mond über Manhattan" auf, dessen Autor es seither zu einer Weltstar-Karriere gebracht hat, die ihn mit Wayne Wangs und Harvey Keitels Hilfe bis ins verrauchte Kino reichte. Vielleicht hatte Paul Auster nach seinem missglückten Hunde-Roman "Timbuktu" das Bedürfnis, auf Nummer Sicher zu gehen, und griff deshalb in seinem neuen Roman "Buch der Illusionen" auf jenen Professor Zimmer zurück. Für den wird ein Alptraum wahr: Seine junge Familie ist plötzlich durch einen Flugzeugabsturz ausgelöscht. Zimmer trudelt durch sein Leben. Er fängt sich erst wieder, als er sich mit Hector Mann beschäftigt. Das war einer der letzten Slapstick-Komiker des Hollywood-Stummfilms, der 1929 spurlos von der Bildfläche verschwunden ist. Weil dieser Mann der erste ist, der Zimmer wieder zum Lachen bringt, tut der, was Hochschullehrer immer gerne tun: Er schreibt ein Buch. Es wird das erste über die Filme von Hector Mann. Und dann kommt die Geschichte richtig in Fahrt: Unvermittelt meldet sich Hector Manns Frau aus dem Irgendwo der Provinz in New Mexico. Sie bittet Professor Zimmer zu kommen, solange ihr Hector noch lebt. Bald fällt der erste Schuss in diesem Roman, und ein Rennen mit der Zeit beginnt, in dessen Verlauf wir neben etlichen weiteren Schüssen die ganze Lebensgeschichte des Regisseurs und Schauspielers Mann hören, einer unbekannt gebliebenen Jahrhundertfigur, einem öffentlichen Erfolgsmenschen, der von der Bildfläche verschwand, weil er das Individuum in sich auslöschen wollte. Er konnte es nicht, aber die Spuren seiner Menschbleibung - rasend avantgardistische Filme jenseits von Hollywood, drohen zu verblassen, ja zu verbrennen. Und am Ende ist es nur ein Buch, das von diesen Filmen berichtet . . . - das "Buch der Illusionen".

Der Tod am Ende des 20. Jahrhunderts

Es wird verflixt viel gestorben in Paul Austers neuem Roman, der in Dänemark längst erschienen ist und in den USA erst im Herbst herauskommt. Fast ein Dutzend Leichen pflastern seinen Weg, und doch tritt der letzte Todesfall einigermaßen überraschend ein. Wenn auch konsequent: Das letzte Individuum dieser Geschichte verschwindet am Ende jenes 20. Jahrhunderts, an dessen Beginn sie mit der Geburt von Hector Mann einsetzt. Ein Jahrhundert, dessen Illusionen zu Sternstunden der Menschheit führte - und in ihre abgründigsten Katastrophen. Ein Jahrhundert, das Illusionen zum Trost brauchte und desillusioniert wurde wie noch jedes menschliche Jahrhundert.

Paul Auster beherrscht das postmoderne Spiel mit den Versatzstücken des modernen Daseins seit eh und je perfekt. Aber diesmal hat er nach einigen Romanen, die sich etwas zäh dahinschleppten, wieder eine Story mit Tiefgang und einem reißenden Erzählfluss entwickelt. Dass auch noch ein überaus intelligenter Unterhaltungsroman daraus wurde, liegt daran, dass er mit den letzten Dingen spielt, mit dem Schein und dem kurzen Knall namens Glück. (NRZ)

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Das Buch der Illusionen von Paul Auster, 2002, Rowohlt2.)

Das Buch der Illusionen.
Roman von Paul Auster (2002, Rowohlt - Übertragung Werner Schmitz).
Besprechung von Thomas Leuchtenmüller aus der Neue Zürcher Zeitung vom 17.8.2002:

Der lebende Leichnam
Paul Auster präsentiert «Das Buch der Illusionen»

Der Amerikaner Paul Auster hat einen grossartigen Roman geschrieben: «Das Buch der Illusionen» ist ein Kunststück, das einen Schriftsteller auf der Höhe seiner beeindruckenden Möglichkeiten zeigt. Im Zentrum der Handlung steht der in Vermont lebende Literaturprofessor David Zimmer, 52. Es ist das Jahr 1999, und der Hochschullehrer schildert, was er unternahm, nachdem er 14 Jahre zuvor seine Frau und seine beiden Söhne bei einem Flugzeugabsturz verloren hatte: Er flüchtete sich in ein Buchprojekt über Hector Mann, einen Regisseur und Schauspieler der Stummfilmzeit. Lange Zeit geht Zimmer davon aus, dass Mann, wie allgemein angenommen, nicht mehr lebt; dann wird er eines Tages gezwungen, einen im Sterben liegenden Greis kennen zu lernen. Damit beginnt ein Abenteuer, das Zimmer äusserlich nur von der Ostküste nach New Mexico bringt, ihn innerlich jedoch in eine Vielzahl emotionaler Untiefen reisst.

Um den alten Mann zu sehen, muss Zimmer zum Beispiel in ein Flugzeug steigen - und seine Angst vor einem Unglück hartnäckig bekämpfen; Zimmers Rückzug in die Einsamkeit eines abgelegenen Hauses, in dem er ein Jahr lang keine Zeitung las, hat überdies zu einer Unbeholfenheit in Gesellschaft geführt, die den beurlaubten Pädagogen, der zwischen Verzweiflung und Trotz schwankt, langsam zermürbt. Bis zum Finish des Buchs, das man geradezu verschlingt, vermag es Auster, die Achterbahn der Empfindungen und das Denken des Gelehrten effektvoll darzustellen. Dies leistet vor allem eine Sprache, die Dinge unverschnörkelt und anschaulich beim Namen nennt. So setzt Zimmer das Übersetzen mit dem Kohleschippen gleich: «Man schaufelt die Kohle auf und schleudert sie in den Ofen. Jedes Stück Kohle ist ein Wort, und jede Schaufelladung ist ein Satz, und wenn der Rücken stark genug ist und man die Ausdauer besitzt, das täglich acht oder zehn Stunden lang durchzuhalten, wird der Ofen nicht ausgehen.»

Austers ABC

Damit die Leser bei langen Strecken nicht abspringen, greift Auster auf ein Ensemble von mehr oder minder raffinierten Erzählmerkmalen zurück, die er seit Ende der achtziger Jahre - nach den experimentellen Romanen der «New York Trilogy» (1987; dt. «New-York-Trilogie») - sukzessive erprobt hat und meist virtuos handhabt. Man könnte diese Sammlung das «Austersche Erzähl-ABC» nennen und es von A für Anspielung bis Z für Zufall näher erläutern; wir beschränken uns jedoch aufs Wesentliche und beginnen bei A, der Anspielung. Wie kaum ein zweiter US-Autor der Gegenwart webt Auster ein dichtes Netz von Bezügen: innerhalb einzelner Fiktionen - besonders geschickt im Roman «Leviathan» (1992; dt. «Leviathan») - und zwischen diesen, zwischen eigenem und fremdem Schaffen, zwischen Werdegang und Œuvre.

Im «Buch der Illusionen» überträgt der belesene Zimmer, ein Altersgenosse Austers, die «Erinnerungen von jenseits des Grabes» von Chateaubriand; mit solcherlei Tätigkeit hat sich auch der junge Auster ernährt. Zimmer, der bereits im Roman «Moon Palace» (1989; dt. «Mond über Manhattan») auftaucht, sucht in der neuen Geschichte die Tagebücher Hector Manns, der da und dort angeblich gesichtet wurde und für manchen aus seiner alten Umgebung ein lebender Leichnam ist - womit seine Aufzeichnungen quasi Rückschauen aus dem Jenseits bilden. Innerhalb der Story sorgt das Thema der Selbsttilgung für Verflechtungen: Wir begegnen ihm etwa in einem Film Manns und im Vorwort eines Manuskripts über Mann, das aus den Schriften Luis Buñuels zitiert. Ferner bleibt Zimmer nicht die einzige Person, die sich auslöschen möchte: Das will auch Alma, die neue Liebe des Intellektuellen.

Diese gelegentlich verwirrenden Vernetzungen, die stets kunstvoll und nie künstlich wirken, leiten zum B, zur absurden Vortragsart à la Beckett. Obzwar Auster darin glänzt, in seinem jüngsten Opus sinnentleerte Figuren, deren Bindungen sich als gebrochen oder nicht tragfähig erweisen, überzeugend vorzuführen, werden die Handlungen, anders als bei den Absurden, gleichwohl strikt psychologisch motiviert. Auster suggeriert abermals das Unmögliche humaner Kommunikation, und doch demonstriert er, dass allein Menschen einander aus der Isolation befreien können. Zimmer sollte, darauf weist der Dichter augenzwinkernd hin, seine Daseinsfreude nicht per Schrifttum stimulieren, denn dies betäube zur selben Zeit und heile nicht nach Art der Wesen aus Fleisch und Blut... Fortsetzung

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