1.) - 2.)
Das böse
Mädchen.
Roman von Mario
Vargas Llosa (2006, Suhrkamp - Übertragung Elke Wehr).
Besprechung von Teresa
Grenzmann im Münchner
Merkur, 11.8.2006:
Das
gestohlene Herz
Mario Vargas Llosas Obsessions-Roman
"Das böse Mädchen"
Gibt es das, ein Schicksal, das zwei Lebenswege unzertrennlich ineinander verschränkt? Während der Lektüre von Mario Vargas Llosas neuem Roman glaubt man es. Wie sonst könnten das "böse Mädchen" (so nennt er sie) und der "gute Junge" (so nennt sie ihn) ihr Leben lang immer wieder zusammenfinden, einander verlieren und wieder zusammenfinden?
Und das in einer im Grunde unerträglichen
Liebesbeziehung, die durch Bindungsängste auf der einen und Verlustängste auf
der anderen Seite von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist und deren einzige,
wenn auch unheimlich leidenschaftliche Anziehungskraft in dieser
Gegensätzlichkeit besteht.
Spannend wie ein Krimi
Von den 1950er-Jahren bis Ende der 80er, von Lima
über Paris, London, Tokio bis Madrid, von Lily, der kleinen Chilenin, über
Genossin Arlette, Madame Robert Arnoux, Mrs. Richardson, Kuriko, Madame Ricardo
Somocurcio bis zum armen Mädchen Otilia: Sie ist die unruhige Konstante in
seinem Leben. Für ihn könnte alles ganz einfach sein: ein ruhiges,
glückliches Pariser Eheleben. Doch sie zieht es beharrlich fort zu den
Abenteuern der Welt. Als leichtsinnig stolze Frau einflussreicher Männer bringt
sie sich in immer gefährlichere Situationen. Manch einer schaut ihr trotzdem
neidisch nach, wie sie "das wahre Leben" lebt.
Es ist die fesselnde Frage in "Das böse Mädchen": Wie weit kann
Liebe gehen? Aus der sympathisch ungekünstelten Ich-Perspektive des geduldig
wie duldsam verliebten "guten Jungen" erzählt Vargas Llosa seine
fatale Liebesgeschichte spannend wie einen Krimi. Doch weil das vermeintliche
Verbrechen - sie stiehlt ihm sein einfaches Leben - in mindestens einem Herzen
freiwillig geschieht, kann es niemals entdeckt und schon gar nicht verurteilt
werden. Je mehr sie ihn braucht - er rettet ihr mehrmals das Leben -, desto
tragischer wird ihre Affäre, und der Leser ahnt, dass der Tag, an dem diese
sich endlich eine Partnerschaft nennen darf, zugleich ihr letzter sein wird.
Der Roman nimmt seinen Ausgang im Peru von 1950: Hier lernen einander ein
fünfzehnjähriger Junge aus gehobenen und ein fünfzehnjähriges Mädchen aus
ärmlichen Verhältnissen kennen. Er ahnt noch nichts von ihrer Lust, mit ihrer
Existenz Theater zu spielen. Doch ihre Unlust, sich zu binden, hat er schon
kennengelernt. Ist es ein Spiel, pure Koketterie oder am Ende gar ein Zwang,
womit diese anziehende Erscheinung ihn immer wieder abweist? Vargas Llosas
faszinierende Obsessionsgeschichte kippt langsam, der Pulsschlag des Erzählers
erhöht sich Kapitel für Kapitel.
Und während das "böse Mädchen" und der "gute Junge" im
privaten Ringen Geld gegen Liebe ausspielen und umgekehrt, spart der politische
Autor Vargas Llosa auch die brodelnden Machtkämpfe um sie herum nicht aus. Die
Zeitgeschichte läuft unermüdlich mit: etwa das Aufbegehren gegen eine neue
Militärdiktatur in Peru, Hippies und Skinheads in Paris, die Krankheit namens
Aids, die Gepflogenheiten der französischen Gesellschaft, das krasse
Armutsgefälle in Lima.
So gelingt Mario Vargas Llosa ein weiterer Roman in seiner ganzen, großen
eigentlichen Bedeutung: lebensumspannend intim in Bezug auf seine beiden
meisterlich gezeichneten Protagonisten und nebenbei in dichten Parallelen zum
Leben des preisgekrönten peruanischen Autors selbst weltumspannend geöffnet.
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Leseprobe I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt © Münchner Merkur
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2.)
Das böse
Mädchen.
Roman von Mario
Vargas Llosa (2006, Suhrkamp - Übertragung Elke Wehr).
Besprechung von Karin Ceballos Betancur in der
Frankfurter Rundschau,11.10.2006:
Die literarische Referenz ragt aus der Handlung,
unmissverständlich und weithin sichtbar wie ein leuchtfeuernder Turm, als
Ricardo Somocurcio nach Paris zurückkehrt und in Flauberts
Lehrjahren des Gefühls blättert. In der Tat: Man könnte Das böse Mädchen
als Entwicklungsroman lesen, unter verkehrten Vorzeichen. Mario Vargas Llosa
beschreibt in seinem neuen Roman eine Liebesgeschichte inmitten der Wirren des
späten 20. Jahrhunderts, das wie ein Karussel um seine Protagonisten wirbelt,
die jedoch seltsam still, verwirrt, ohnmächtig im Zentrum verharren. Es gibt
keine Sinnsuche, kein Ziel, nicht einmal die Hoffnung auf Veränderung, statt
dessen Stagnation und Verfall.
Schon als Junge, inmitten eines peruanischen Vorstadtidylls der frühen 50er
Jahre, verfällt Ricardo Somocurcio den rätselhaften Reizen eines Mädchens,
des bösen eben. Lily, "die kleine Chilenin", scheint etwas zu
verbergen, ein Geheimnis, das bereits am Ende des ersten Kapitels gelüftet
wird: Lily heißt weder Lily, noch stammt sie aus Chile, sondern vielmehr aus ärmlichen,
peruanischen Verhältnissen, die sie zu verschleiern sucht, um ihnen zu
entkommen. Ricardos Vorstellung vom Glück hingegen besteht im Wesentlichen
darin, nach Paris auszuwandern und ein ruhiges Leben zu leben, unbehelligt von
den starren Moralvorstellungen seines überaus konservativen, katholischen und
klassenbewussten Umfelds.
Im Laufe der Jahre, in Frankreich, England, Japan, begegnet er dem "bösen
Mädchen" immer wieder, an unterschiedlichen Orten, unter unterschiedlichen
Umständen, und verfällt ihr stets aufs Neue, ohne ihr Geheimnis je umfassend
ergründen zu können. Das klingt ein wenig banal. Und das bleibt es auch über
weite Strecken des Romans.
Vielen Autoren könnte man diesen Roman verzeihen, ihn als Debüt sogar mit
einigem Wohlwollen betrachten. Aber Mario Vargas Llosa ist nicht irgendein
Autor. Wer Das grüne Haus geschrieben hat, ein Werk von bemerkenswerter
stilistischer Komplexität, aufgeladen mit einem Höchstmaß an erzählerischer
Energie, ein wesentlicher Grund dafür, dass der inzwischen 70 Jahre alte
peruanische Schriftsteller und Ex-Politiker zuweilen als Kandidat für den
Literaturnobelpreis gehandelt wurde, Vargas Llosa verzeiht man einen solchen
Roman ungleich schwerer. Dabei wäre sein Gerüst durchaus belastbar: Was
richtet eine Kindheit an, verlebt in prekären Verhältnissen, ausgeschlossen
von einer Gesellschaft, die ihre Privilegien eisern verteidigt? Vom jungen
Vargas Llosa, dem kritischen, neugierigen Autor seines ersten Romans Die
Stadt und die Hunde (1962) hätte man sich dieses Buch gewünscht. Jetzt
liest es sich, als sei der Stoff in seiner Schublade welk geworden.
Alles an ihr war klein
Die in Kapitel aufgeteilten Begegnungen sind ein
Reigen des Scheiterns - und neigen bis über den Buchscheitel hinaus zur
Redundanz. Wenn gegen Ende Spannung entsteht, so deshalb, weil in Aussicht
gestellt wird, dass ein wenig Licht auf die Motivation des bösen Mädchens fällt,
für ihre schroffe, sadistische Zurückweisung Ricardos, den bis an die äußersten
Grenzen des Masochismus reichenden Willen, sich materielle Sicherheit und
Anerkennung zu verschaffen. Die symptomatische Ebene aber wird nicht
durchbrochen. "Ein Konglomerat schlechter Erinnerungen (Armut, Rassismus,
Diskriminierung, Benachteiligung, zahlreiche Enttäuschungen?)"
Am plastischsten geraten Vargas Llosa diejenigen Nebenpersonen, die er direkt
aus der Realität ins fiktive Geschehen montiert: Luis de la Puente Uceda etwa,
Begründer des Movimiento de Izquierda Revolucionaria (MIR). Wäre die
Liebesgeschichte nur ein vordergründiger Anlass, um ein schillerndes Sittengemälde
des späten 20. Jahrhunderts zu entwerfen, würde die flache Figurenzeichnung
weniger ins Gewicht fallen. Doch auch die wechselnden sozialhistorischen
Szenerien wirken wie rasch hingespinselte Kulissen auf dünnem Pressholz. So
landet der bei seiner Ankunft mittellose Ricardo Somocurcio nicht in irgendeiner
Wohnung in Paris, nein, es ist die lateinamerikanische Dachkammer, die er
anmietet, selbstredend klein, kalt und spärlich möbliert. Er frequentiert Cafés
im Quartier Latin, sieht Filme der Nouvelle Vague. Französisch ist "die
Sprache Montaignes", Russisch "die Sprache Tolstois
und Dostojewskis".
Japanische Mafiabosse sind fies, pervers und schänden, Lateinamerikaner
warmherzig und rührselig. Auch nach Frankfurt verschlägt es Ricardo, der als
Übersetzer arbeitet: "Wir gingen einen Kaffee trinken, gleich in der
Cafeteria des Kaufhauses, die von Frauen mit pummeligen Kindern bevölkert war
und von Türken geführt wurde." Nun.
Unterdessen entkommt das böse Mädchen in keinem Moment dem Lolita-Schema: Ihre
Brüste sind "klein", mit "aufgerichteten Knospen", das
Hinterteil, ach, der ganze Körper ist ebenso wie die Klitoris
"klein", später sogar "winzig". Ricardo stellt sich vor,
wie ihre "zarten Finger sich bemühen, die Machete zu halten", auf den
Zuckerrohrfeldern Kubas, ihre Taille ist schmal und ihre Augen haben "die
Farbe dunklen Honigs", ein besonderes Kennzeichen, das dem Leser bis zur
Schmerzgrenze immer wieder in Erinnerung gerufen wird.
Die Geburt regelt das Leben
Der politische Kampf kommt als Option nicht in
Frage. Wer sich wehrt und die Freuden der kleinbürgerlichen Existenz verschmäht,
dem drohen Aids, Tod und Verderben, dem, der sie mit dekadentem Übermaß zu
sprengen sucht, Verlassenwerden, Stumpfsinn und Einsamkeit. Qua Geburt scheint
das mit einem gerüttelten Maß an Frigidität ausgestattete böse Mädchen zum
Außenseitertum verdammt, aus dem sie nur ein Ritter mit Ärmelschonern befreien
kann.
Vielleicht, so könnte man glauben, vielleicht ist das alles ein erzählerischer
Kniff: der Versuch, das 20. Jahrhundert aus der Sicht eines spießigen, genügsamen
Peruaners der Mittelschicht zu schildern, der seine Unterhosen bügelt und sich
von Schwierigkeiten fern hält. Immer wieder wirft das böse Mädchen Ricardo
vor, "kitschiges Zeug" zu erzählen. Allerdings gleitet der Duktus
nicht nur in der direkten Rede in schwülstige Niederungen: "Sag mir einmal
im Leben, dass du mich liebst, böses Mädchen. Auch wenn es nicht wahr ist. Ich
will wissen, wie es klingt, wenigstens einmal." Und: "Ich würde ihr
niemals verzeihen, sagte ich, dass sie ausgerechnet an diesem Abend so schön
sei, wo ich entdeckt hätte, dass ihre kleinen Ohren minimalistische Wunderwerke
seien." Und: "Ihr mit meinem Mund und meinen Händen Lust zu schenken
und sie auf die gleiche Weise von ihr zu empfangen, rechtfertigte mein Leben,
gab mir das Gefühl, unter den Sterblichen der Privilegierteste zu sein."
Mit Verlaub: Argh.
Für die erotische Obsession Ricardos findet der Autor jenseits körperlicher
Anziehung keine plausible Erklärung. Statt dessen muss das böse Mädchen
irgendwann anfangen, sich nach dem Kitsch ihres Verehrers zu sehnen. Auf diese
Weise wird eine männliche Mittelklassenexistenz psychisch abgesichert. Was
abweicht und Überschuss verspricht, entwickelt sich zum Objekt der Begierde,
das durch das Einpassen in die eigene Lebenswelt unterworfen und beherrschbar
gemacht werden soll.
Natürlich verfügt Mario Vargas Llosa über ein so außergewöhnliches Maß an
erzählerischem Können, dass er mit dem Bösen Mädchen dennoch zu
unterhalten versteht. Aber was hätte man gegeben für einen einzigen,
aufrichtigen inneren Monolog Ricardos. Die Stimme des bösen Mädchens. Ein
Labyrinth der Schmerzen, in dem die Beschädigungen offen zutage treten, statt
mit falschen Glücksversprechen geölt in einem Rutsch fortgespült zu werden.
An einer Stelle beschwert sich Ricardo Somocurcio über eine Sorte russischer
Autoren und deren "unbedeutende Romänchen, die mit der gleichen
Geschwindigkeit, mit der ich sie auf spanisch neu schrieb, aus meinem Gedächtnis
verschwanden". Leider ergeht es dem Leser kaum anders.
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