Das blaue Kleid von Doris Dörrie, 2002, Diogenes1.) - 3.)

Das blaue Kleid.
Roman von Doris Dörrie (2002, Diogenes).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 25.7.2002:

Doris Dörrie kann auch anders
Der neue Roman der deutschen Regisseurin erscheint morgen: "Das blaue Kleid".

Doris Dörrie kann auch anders, nämlich schreiben. So unverkrampft und lebensnah, wie sie filmt, textet sie allemal, das wissen wir nach etlichen Erzählungs-Bänden, spätestens aber seit ihrem ersten Roman "Was machen wir jetzt?" Dörrie lässt Männer und Frauen vorzugsweise an den Abgründen der modernen Mittelklasse entlangtänzeln - und lässt ihre Leser ahnen, dass es sich dabei um Schlaglöcher im Asphalt des Lebens handelt.

Schwule Modeschöpfer, Totenkarneval in Mexiko.

Ganz anders muten die tiefen, dramatischen Stürze an, die zur Vorgeschichte ihres zweiten Romans gehören. Der entspinnt sich in Schwabing um "Das blaue Kleid": Florian, ein schwuler Modeschöpfer verliert seinen Freund und Partner allmählich durch Krebs; Babette trägt innen immer noch Trauer, weil sie ihren Fritz durch einen Unfall auf Bali verloren hat, nur deshalb wirkt sie auf die beiden Modemacher wie eine graue Maus. Sie verordnen ihr das blaue Kleid zur Hebung der eigenen Stimmung wie der männlichen Herzschlagfrequenzen um sie herum. Doch Babette trifft nur auf den linkisch schüchternen Thomas, der sich nicht traut. Zumindest nicht an die Braut, die eine Witwe ist.

Halb zog sie ihn, halb sank er nicht - ein spätestpubertäres Hin und Her setzt ein, auf dem Theater und im Film würden dazu wohl noch ein paar Türen schlagen. Im Buch jedenfalls wohnt irgendwann zur Belustigung aller Beteiligten der schwule Florian mit der netten Witwe Babette zusammen. Beide setzen sich dann aber zum Finale Furioso in den rauschhaften Totenkarneval von Mexiko ab, wo die ganze Geschichte dann doch um Haaresbreite nochmal gut ausgeht.

Nicht nur der schwarz-blau-rote Faden der Story, auch Erzählperspektiven nähren indessen den Verdacht, dass Doris Dörrie eigentlich einen Film im Kopf hatte. Unvermittelt wie eine lebhafte Kameraführung sind die vielen Perspektiv-Brüche, die nicht zulassen, dass Figuren ausgeleuchtet werden. Die Fabel ist sichtlich auf den Höhepunkt hin getrimmt, und der Tod als Leitthema suggeriert eine Tiefe, in die alle erzählerischen und denkspielerischen Sonden des Buchs nicht hinabreichen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0702 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

***

Das blaue Kleid von Doris Dörrie, 2002, Diogenes2.)

Das blaue Kleid.
Roman von Doris Dörrie (2002, Diogenes).
Besprechung von Elmar Krekeler aus Die Welt  vom 21.9.2002:

Tanz die Trauer!
"Das blaue Kleid", ein zeitgemäßer Auferstehungsroman von Doris Dörrie

Es ist okay. Alles auf dem Weg. Und es ist Sonnenzeit. Ungeschwert und leicht. Und der Mensch heißt Mensch, weil er irrt, und weil er kämpft, und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt. Und weil er lacht. Weil er lebt. Du fehlst.

Herbert Grönemeyer

Lang ist der Weg ins Herz der Trauer und labyrinthisch; noch länger und labyrinthischer ist manchmal der Weg wieder hinaus ins Leben. Unterwegs sollte man es dann tunlichst unterlassen, was einem begegnet, was man fühlt, in Kunst umsetzen zu wollen. Kann - Literatur, Gemälde, Musik geworden - leicht peinlich, kitschig werden. Ohne Analyse, Abstand, Abgeklärtheit. Die brauchen Zeit, viel Zeit.

Sechs Jahre nach dem Tod des Mannes zum Beispiel, bis sich die Trauer in eine autobiografisch unterfütterte Geschichte verwandelt wie in Doris Dörries zweiten Roman "Das blaue Kleid", vier Jahre nach dem Tod von Frau und Bruder, bis sich die Trauer in ein autobiografisch unterfüttertes Album wie Herbert Grönemeyers "Mensch" verwandelt.

Doris Dörries Roman ist ein Buch der Toten und der lebenden Toten, der Hinterbliebenen, die langsam nur den Weg zurück zu sich und in die Welt finden, mühsam lernen mit ihren Erinnerungen zu leben und sie anzunehmen, lernen Beziehungen zu Menschen aufzunehmen, ohne sie gleich in Notgemeinschaften zu verwandeln.

Alfred fehlt. Und Fritz fehlt. Den einen hat der Krebs geholt, den anderen der Straßenverkehr. Und die, die übrig blieben, fühlen sich schlecht, schuldig, schämen sich. Verwandeln sich in graue Mäuse, irren herum im Labyrinth. Keine Chance für Sonnenzeit, für Unbeschwertheit, Leichtigkeit, Leben.

Bis sie aufeinander stürzen. Florian, Witwe gewissermaßen des Modedesigners Alfred, sucht für eine Gedenkmodenschau nach Alfreds letztem Entwurf, einem Kleid in der Farbe des Himmels und der Hoffnung. Die graumausige Babette, Fritzens Witwe, hatte es damals gekauft. Alfred hatte sie beschworen, behauptet "dieses Kleid wird Ihr Leben ändern".

Stimmt. Florian und Babette zeigen sich ihre Wunden, führen sich durch den einsamen Alltag, bringen sich gegenseitig aus dem Gefängnis ihrer Trauer, das sie selbst gebaut haben. Langsam lehren sich die Versehrten wieder das Laufen. Bis der freien Verpackungsdesignerin auf dem Friedhof der Anästhesist Thomas regelrecht in die Arme stolpert und sich folgenschwer den Fuß verknackst. Noch so ein Versehrter. Verlassen von der Geliebten, libidogestört, Erinnerungsverweigerer, Alltagsflüchter. Gemeinsam humpeln sie in das Labyrinth einer höchst merkwürdigen Liebe.

Sehnsucht kann man zum Glück nicht verlernen. Zum Weinen bleibt noch soviel Zeit.

Herbert Grönemeyer

Während Grönemeyer in den autobiografischen Songs seines Albums manchmal doch den hohen Ton, das ganze deutsche Orchester, das ganze tränenrührende, ausnahmsweise aber kaum kitschige, kaum peinliche Pathos auffährt, befleißigt sich Dörrie durchgehend einer fast schon angelsächsischen Distanziertheit. "Das blaue Kleid" ist mit kühlem Geschick geschneidert, ist ein literarisches Labyrinth. Permanent werden die Zeitebenen gewechselt, die Perspektiven, die Distanzen. Man wird gefangen von der Geschichte und gleich wieder ausgesperrt, auf scheinbare Nebenwege geschickt. Babette erzählt, erinnert, erlebt, schreibt Briefe und wird hinter der nächsten Ecke zur beobachteten Person.

So umhüllt Dörrie die Trauer mit einem durchsichtigen Gewebe von Motiven, Metaphern, Metageschichten. Kühlt sie auf belletristische Zimmertemperatur herunter, macht damit erst Literatur aus dem dreifachen Auferstehungsstück, das genauso gut hätte in ein ganz grässliches Rührstück ausarten können.

Was verhindert, dass der Roman trotz der auf Hochtouren laufenden literarischen Klimaanlage nicht in Kälte erstarrt, ist Dörries stupendes Beobachtungsvermögen, ihre ziemlich ausgeprägte Kunst, Alltagsszenen zu erfinden und zum Leben zu bringen, ihr skurriler, sehr Hera-Lind-ferner Humor... Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.welt.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0902 LYRIKwelt © Die Welt

***

Das blaue Kleid von Doris Dörrie, 2002, Diogenes3.)

Das blaue Kleid.
Roman von Doris Dörrie (2002, Diogenes).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage www.stephanmaus.de (SZ):

Die tödliche Doris
Homo heilt Hete in Doris Dörris neuem Roman Das blaue Kleid

Und dann kommt dieser Satz. Das Leben ist ein überlanges Sommerrätsel, die Liebe ein gezinktes Rubbellos, alle Romanfiguren hocken nägelkauend im Labyrinth des Alltags und wissen weder ein noch aus. In ihren Mündern rollen triste Mantras: Macht das alles einen Sinn? Was ist der Tod? Woher kommen, wohin gehen wir? Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Und dann kommt dieser Satz: „Vielleicht wissen die Mexikaner mehr darüber.“

Die Geschenkpapierdesignerin Babette ist Witwe. Ihr guter Fritz ist in Bali totgefahren worden. Linksverkehr, „tourists not look“, tourist dead. Der Anästhesist Thomas ist Scheidungsopfer und joggt sich auf einem Münchner Friedhof den Liebeskummer aus der Seele. Dabei knickt er um, die trauernde Babette hievt ihn auf eine Bank, in die jemand „Liebe“ geschnitzt hat. Hoffentlich kommt jetzt ein Werbeblock, denkt der Leser, damit ich mir wenigstens ein paar Bier und eine Flasche Schnaps holen kann, aber es ist ja ein Dörrie-Buch, kein Dörrie-Film, und es geht gleich weiter. Um sich für Thomas schick zu machen, kauft sich Babette ein blaues Kleid bei den schwulen Modedesignern Alfred und Florian. Wie der Zufall namens Doris es so will, ist Florian bald auch Witwer. Sein guter Alfred wird vom Krebs aufgefressen. Florian möchte ihn mit einer Modenschau ehren und braucht dafür Babettes blaues Kleid. Um das Organza-Kleid organisiert sich ein Beziehungsdreieck aus drei Trauerklößen.

Babettes blaues Kleid ist aus eben dem Stoff, aus dem auch Fritz´ und Alfreds neue Heimat ist: „Das Kleid fällt über sie wie ein Stück Himmel.“ Das verbindet. Und weil im deutschen Amüsierbetrieb der Schwule vor allem dazu da ist, mit Dackelblick kostengünstig den Therapeuten zu ersetzen, wird Florian im Handumdrehen Babettes bester Kumpel. Beide machen all das, was einem für immer die Lust auf einen besten Kumpel vergrault: Sie heulen sich gegenseitig auf die Tiefkühlpizza, kuscheln sich sexfrei aufs Ikea-Sofa, stochern gegenseitig in ihren unappetitlich banalen Biographien herum und hängen mit Gurkenscheiben auf ihren stupiden Gesichtern vor der Glotze, wahrscheinlich um irgendeine geistverlassene deutsche Beziehungskomödie zu gucken. Babette übernimmt den Laberpart in dieser geschlechterübergreifenden Trauer-WG. In Gesellschaft dieses geschwätzigen Klageweibes sehnt man sich nach der Unfähigkeit zu trauern. Dauernd greint Babette von der Last der Liebe in den Zeiten der Totenwache und von Thomas´ Erektionsschwierigkeiten. Der Arzt kann ohne Pillen nicht in sie dringen. Der beziehungsgeschädigte Anästhesist lebt unter Vollnarkose. Die Geschenkpapierdesignerin braucht die gesamte Romanlänge, bis sie endlich das Präsent einer neuen Liebe auspacken kann. Ungelenk hangelt sich Dörries einfältige Romanmechanik an solchen forciert symbolischen Biographien entlang.

Nachdem diese öde Therapiegruppe ausgiebig ihre Vergangenheit wiedergekäut hat, reisen Babette und Florian zum Totenfest nach Mexiko, was Dörrie dazu nutzt, aus ihren Reiseführern abzuschreiben. In dieses Baedeker-Patchwork baut sie noch zwei, drei Romanfiguren ein, als Dank dafür, daß sie ihr eine steuerlich absetzbare Recherchereise nach Lateinamerika beschert haben. In Mexiko wollen Babette und Florian den Teufel mit Beelzebub austreiben und sich endlich von ihren Toten befreien. Doch die Gespenster von Fritz und Alfred hocken als blinde Passagiere im Lastenraum der DC 10. Die Hete und der Homo werden sehr viel Salsa, Rumba und Merengue tanzen müssen, um langsam wieder zu ein bißchen Lebenslust zu finden. Doch alles wird gut, die tolle Latino-Laune ist bekanntlich hochansteckend: Dörrie hext Florian einen knackigen Mexikaner in die Arme, und Thomas erwacht endlich aus seiner existentiellen Vollnarkose und reist Babette hinterher. Kuß, Abspann, Träne im Knopfloch. Endlich Schnaps und Bier.

Doris Dörrie ist eine böse Frau. Sie mordet den netten Fritz und den lieben Alfred, nur um nach Herzenslust ihren ungeheuren Karneval voller rührselig inszenierter Trauerrituale und konzeptlosem Existenzgequatsche zu veranstalten. Auf dem mexikanischen Totenfest finden sich Babette und Florian zwischen zahllosen Touristen mit Videokameras wieder. Genauso fühlt sich der Leser dieses Romans: Er hockt in der Trauertourifalle. Doris Dörrie hat nicht das schlechte Image von Hera Lind und anderen Zauberweibern, die Prosecco trinken. Zu Unrecht. Sie arbeitet mit den billigsten Effekten. Aber was heißt arbeitet? Lieblos kramt Tante Kummerkasten in ihrem Baukasten voller dramaturgischer Förmchen und schludert sie in ihren Text. Sie hat eine verhängnisvolle Vorliebe für offensichtliche Symbole und vulgärpsychologisch aufgeladene Handlungen. Ihre Romanfiguren lecken allegorisch an Totenköpfen aus Zuckerguß, zermatschen Taubeneier, weil sie das Frühjahrsgeturtel vorm Küchenfenster nicht ertragen und irren vielsagend durch Maisfeldlabyrinthe, weil das Leben bekanntlich ein rauschendes Maisfeld ist, das Doris Dörrie Jahr um Jahr für ihr hohles Kino-Popcorn aberntet.

Jeder Absatz eine Filmsequenz, der Produzent hat wahrscheinlich schon den Scheck unterschrieben. Ab und an eine Prise köstlichen Humors made in Hannover. Dörries einzige Stilfigur ist die Ironie des Schicksals. Jede Seite ist im neunten Monat bedeutungsschwanger. Der Text ist so gezwungen konstruiert wie die erste Hausarbeit eines Filmhochschülers. Die Leitmetapher in diesem Text ist der Schalter. Schaltbrett vorm Kopf. Alles wird hier „angeknipst“: das Lächeln, die Sterne und die gesamte Gefühlswelt der Personen. Das ist symptomatisch für Dörries mechanisches Weltbild: Es gibt für alles einen Zentralschalter, und an dem sitzt Doris Dörrie. Der Stilschalter hingegen steht in der Off-Position.

Sprachlich unterscheidet sich dieser Roman-Ersatz in nichts von der tranigen Lebensbeichte, die in einem tussigen Szene-Italiener vom Nachbartisch herüberweht. Geschichten, wie sie das Leben schreibt. Bleibt die Frage, wozu man dann Schriftsteller braucht. Dörries Sprache reicht vielleicht für die Script-Rohfassung zu einem Kurzfilm oder einem rührseligen Spot für Darmkrebsvorsorge. Einen ganzen Roman trägt sie nicht. Manche Sätze allerdings sähe man gerne von Roberto Blanco vertont: „Er nahm Viagra, dann konnte es keine Liebe sein.“ Kann denn Viagra Sünde sein? Die wertvollste Erkenntnis dieses Romans schlummert in dem erektionsfördernden Tip, die Fellatio einmal mit Pfefferminzbonbons der Marke „Altoids“ in der saugenden Maultasche zu probieren. Doch dieser einzige praktische Mehrwert kommt dann auch noch aus einem Frauenmagazin, wie Dörrie bekennt: „Gott segne alle Frauenzeitschriften.“ Ja, segne er sie. Aber danach schicke er alle Verantwortlichen in Balis Linksverkehr.

Das Empörendste an solcher Literatur ist ihre Feigheit. Dörrie könnte es sich erlauben, etwas Neues zu wagen. Es müßte nicht einmal das große literarische Wagnis sein, sondern einfach nur eine tastende Erzählhaltung, eine künstlerische Form, die sie noch nie ausprobiert hat. Statt dessen reitet sie einfach ihren abgelatschten, unverfänglichen Entertainmentstiefel voller sympathischer Schwuler, melancholischer, aber grundsätzlich lebensfroher Tussen, rührender Softies mit Pediküre-Abo und durchgelegenen Ikea-Sofas weiter. Diese Literatur ist so piefig wie das kleinbürgerliche Leben, das Dörries Figuren unbedingt vermeiden wollen. Die Autorin hat ihren großen Feind erkannt. Es gelingt ihr nur nicht, ihm zu entkommen.

Einer der ganz wenigen Lichtblicke in diesem wehenden Humbug aus reinem Organza ist eine handwerklich recht adrett gestrickte, am Rande etwas ausgefranste Genitiv-Metapher: „Der Pullover meines Lebens hatte am Saum ein sehr wirres unregelmäßiges Muster, dafür war das letzte große Stück glatt rechts gestrickt, schön regelmäßig und ohne Fehler.“ Vielleicht will uns dieser Roman voller gewickelter, geschnürter und geraffter Textilien sagen, daß Doris Dörries eigentliches Talent im Entwerfen passabler Schnitt- und Strickmusterchen liegt. Dann sollte sie es nicht mit Bücherschreiben verschwenden. Wenn sie schon die Lichtspielhäuser mit Konsenskitsch füllen muß, warum dann auch noch die Buchhandlungen? Vielleicht wissen die Mexikaner mehr darüber.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1002 LYRIKwelt © Stephan Maus