Das blaue Buch von August Strindberg, 2005, EichbornDas blaue Buch.
Prosa von August Strindberg (2005, Eichborn - Übertragung Angelika Gundlach).
Besprechung von Thomas Fechner-Smarsly in Neue Zürcher Zeitung vom 17.9.2005:

Das Blaue vom Himmel
August Strindberg in seinen wenig bekannten Prosaarbeiten

Der schwedische Schriftsteller August Strindberg (1849-1912) ist vor allem als Dramatiker berühmt geworden. Weit weniger kennt man seine Prosaarbeiten, von den Gedichten, Essays, Abhandlungen nicht zu reden. Jeglicher Gattungsbezeichnung entzieht sich «Das Blaue Buch», erschienen in vier Bänden in den Jahren 1906 und 1912.

Wahrlich: ein Buch über Gott und die Welt! Eines für alle und keinen. Ein Sammelsurium und eine Wunderkammer des Geistes – bestimmt für den täglichen Hausgebrauch. Die Rede ist von einer Spätschrift August Strindbergs und von einem Opus, das seinesgleichen sucht. Dieses schwer klassifizierbare Etwas, das Strindberg «Ein Blaues Buch» nannte, stellt mit seinen knapp 1200 Seiten so etwas wie ein Vermächtnis dar. Begonnen im Jahr 1906, erschien der vierte und letzte Band tatsächlich wenige Wochen vor Strindbergs Tod im April 1912.

Im «Blauen Buch» finden alle möglichen Gegenstände Platz, und auch die unmöglichen. Hier ein Auszug aus dem Katalog der Dinge, über die Strindberg handelt: über den Wiedehopf, über Zola, über Verdauung (schlechte), über Schallwellen (das Telefon, die Telepathie, den universalen Kontakt), über Vorzeichen, über den Vogelflug, über die Sündflut, über Röntgenstrahlen, über Kälteströme, über die Gestalt der Wolken und was sich dahinter verbirgt, über Bayreuth, über die Oberklasse, über Lears Weib, über Chladnis Klangfiguren, über Goethes Okkultismus, über die Windungen des Gehirns.

ALLE FREIHEITEN

Strindberg nimmt sich alle Freiheiten des arrivierten literarischen Souveräns – und das heisst auch: keine Rücksicht, weder auf den Leser noch auf lebende oder tote Personen. Seine Gedankenspiele folgen keiner Systematik, sie lassen sich leiten von Observationen und Details, vom Klang eines Wortes oder vom Einspruch gegen eine Theorie, vor allem aber von Analogien und Ähnlichkeiten. Das hat er von seinem Lehrmeister, dem Mystiker und Traumdeuter Emanuel Swedenborg (1688–1772), dem er das «Blaue Buch» zugeeignet hat. Dessen «Himmlische Geheimnisse», vor allem dessen Korrespondenzenlehre dienen Strindberg als Leitfaden durch das Chaos der Welt. Laut Swedenborg besitzt jedes natürliche Ding ein spirituelles Gegenstück, mit dem es verbunden ist, es «korrespondiert» mit ihm, und dieses wiederum mit einem göttlichen. Indem man die natürlichen Dinge studiert, gelangt man so – eben über die Korrespondenzen – zu Einsichten in die übersinnlichen.

Aufklärerische, kritisch-rationale Auseinandersetzung interessierte den späten Strindberg nur bedingt. Eher im Gegenteil: Im Rationalismus erkannte er sein Feindbild. Seine Sicht der Naturdinge war geschult an Vorbildern wie Francis Bacon oder dem schwedischen Chemiker Jöns Jacob Berzelius und ihrer Art der Naturbeobachtung. Das Grundmuster seiner Texte, den fortgesetzten Dialog zwischen Lehrmeister und Schüler, dürfte Strindberg allerdings nicht von Swedenborg, sondern eher aus biblischen Vorbildern sowie aus Platos Dialogen geschöpft haben.

Man kann das «Blaue Buch» an beliebiger Stelle aufschlagen. Systematiker und Motivforscher beginnen die Lektüre am besten auf Seite 115. Da gibt der Autor Auskunft über «Die Geschichte des Blauen Buches». Bei Goethe habe er gelesen, gesteht Strindberg, dass dieser ein Breviarium Universale hatte verfassen wollen, ein Erbauungsbüchlein für Bekenner aller Religionen. Das wollte er auch, ein Wort der Weisheit für jeden Tag des Jahres. Strindberg las die heiligen Schriften, aber «siehe da, die Bücher verweigerten sich! Veda, Zend Avesta waren geschlossen und gaben mir keine Sprache; nur der Koran gab eine, aber einen Löwen!»

So nahmen Strindbergs Pläne ihre eigene Richtung. Bald schwebte ihm ein konfessionsloses «Herbarium Humane» vor – rein weltliche Weisheiten über den Menschen sollte es enthalten. Dann kam der 15. Juni 1906 – und an diesem Tag eine Strassenbahn mit der Nummer 365. Strindberg, spätestens seit seinem Aufenthalt in Paris Mitte der 1890er Jahre und der sogenannten «Inferno»-Krise (wenn es denn eine Krise war) ein Semiotiker im Alltäglichen, nahm es mit Zahlen und Zeichen sehr genau und jene als Hinweis auf die Tage des Jahres und die Anzahl der Texte, die er zu schreiben gedachte (es wurden schliesslich «nur» 328 im ersten «Blauen Buch»). Weitere Zeichen folgten, die auch im «Okkulten Tagebuch» vermerkt wurden. Diese seit über zehn Jahren geführten Aufzeichnungen dienten Strindberg zudem als Fundgrube und Ideenreservoir für das nun zu schreibende Buch. Viele der naturwissenschaftlichen Beobachtungen und Spekulationen – Strindberg nannte sie «Entdeckungen» – dürften auf solche Notate zurückgehen.

Es war nicht das erste Mal, dass sich Strindberg mit den Naturwissenschaften befasste. Vor allem die erste Hälfte der 1890er Jahre erlebten den Schriftsteller als Konvertiten, der sich von der Literatur ab- und den seiner Meinung nach «seriösen» Wissenschaften zuwandte. In dieser Zeit entstanden kaum nennenswerte literarische Texte. Stattdessen kleinere und grössere Schriften, über Farbfotografie und den Zufall, über die Nerven der Pflanzen, über den Blick zum Weltraum und die Spektralanalyse. Einem Gebiet freilich widmete Strindberg viel Zeit und Aufmerksamkeit: der Chemie und ihrer esoterischen Seite, der Alchemie. Mit Ernst Haeckel als Leitstern und dessen Formulierung eines evolutionären Monismus, mit Prouts Hypothese über den Wasserstoff und der Idee eines Urelements wollte Strindberg die herrschende Elementelehre erschüttern – wie überhaupt seine Wissenschaft immer den (künstlerischen) Stachel der Provokation enthielt. Das hinderte ihn nicht, Kontakt zu jenen Autoritäten zu suchen, die er kritisierte, und ihnen seine Schriften zuzusenden, dem Chemiker Marcelin Berthelot etwa oder dem Astronomen Camille Flammarion. Mit mässiger Resonanz: Man blieb höflich dem berühmten Schriftsteller gegenüber, aber man nahm ihn wohl auch nicht ganz ernst.

Erst spekulieren, dann experimentieren, lautete Strindbergs Programm. Diese Grundhaltung erkennt man im «Blauen Buch» wieder. Neben allgemeinen philosophischen und psychologischen Betrachtungen widmet sich Strindberg den Feldern der Astronomie, der Biologie, der Chemie, der Mathematik, der Medizin, der Meteorologie, der Physik und der Sprachgeschichte. Er durchstreift sie aufs Geratewohl, er wildert darin. Vieles, schreibt die Herausgeberin Angelika Gundlach, erwiese sich bei näherer Überprüfung als «haarsträubender Unsinn». Und ein Problem des selbsternannten Polyhistors besteht in einer Fehleinschätzung des Publikums: Für den Laien behandelte sein Buch zu avancierte Gegenstände, für den Fachmann enthielt es zu viele Mängel.

NEUES GENRE

Als August Strindberg im Sommer 1906 mit der Niederschrift zu «Ein Blaues Buch» begann, ging es ihm nicht zuletzt darum, ein neues Genre auszuprobieren. Die meisten seiner nach 1900 geschriebenen Dramen lagen ungespielt herum, und falls doch einmal eines aufgeführt wurde, endete es in einem Fiasko, wie sein «Engelbrecht» oder «Mittsommer». Und den 1904 fertiggestellten Schlüsselroman «Schwarze Fahnen», eine in jeder Hinsicht unverblümte Abrechnung mit der schwedischen Kultur- und Geisteselite, hatte zunächst kein einziger Verlag zu drucken gewagt. Strindberg fühlte sich – nicht zum ersten Mal – umgeben von Feinden und ging zum Angriff über.

So sind die Charakterstudien im «Blauen Buch» nichts anderes als Karikaturen-Porträts und ganz unzweifelhaft persönlich gemeint. Seinem «schlimmsten Feind» – das war der Schriftsteller, Kritiker und frühere Freund Gustaf af Geijerstam – widmet er gleich zwei Einträge ins Schadensbuch, darunter den wunderbar spitzen «Der Klebrige», der so beginnt: «Es gibt klebrige Menschen, unzureichend, leer, die nicht auf der eigenen Wurzel leben können, sondern auf dem Ast eines anderen sitzen müssen, ganz wie die Mistel, die ja so klebrig ist, dass man Vogelleim aus ihr kochen kann.» Scharfzüngig, polemisch, manchmal bitter, manchmal bösartig – im Umgang mit der Feder war Strindberg stets bildstark, aber eines gewiss nicht: ein Evangelist. Die christliche Versöhnungslehre erschien ihm schwer erklärlich. Wenn er schrieb, zeigte sich Strindberg von seiner alttestamentarischen Seite, sein Impuls hiess nicht selten: Rache. Ob für erlittenes Unrecht oder für bloss eingebildetes, lässt sich heute kaum mehr unterscheiden.

Es steht ausser Frage, dass Strindberg seit dem Bekenntnisroman «Inferno» (1897) eine gläubige Haltung vertritt. Weggefährten haben diese religiöse Wende im Werk des Autors teils scharf kritisiert, teils verständnislos kommentiert. Der Herausgeber der schwedischen Ausgabe des «Blauen Buches», Gunnar Ollén, brachte es auf den Punkt: «Er war Theist, gottgläubig, auf eine alttestamentarische Weise, aber kaum auf eine christliche.»

EIN WANDERER AUF DEM WEG

Es war ein langer Weg vom Atheismus der 1880er Jahre über den wissenschaftlichen Monismus des folgenden Jahrzehnts zu dem selbstgestrickten Theismus, den Strindberg im neuen Jahrhundert vertrat und in Stücken wie «Ein Traumspiel», «Nach Damaskus» oder seinem Epilog «Die grosse Landstrasse» auch auf der Bühne durchscheinen liess. Ein Naturalist im Sinne Zolas war Strindberg wohl nie wirklich gewesen, eher ein Opponent gegen jede Richtung, die gerade in Mode war, ein Wanderer auf seinem eigenen Weg, und nicht zufällig sind die genannten Stücke durchweg Stationendramen. So ist auch das «Blaue Buch» das Fahrten- und Traumbuch eines lebenslang Ruhelosen.

Die meisten Texte sind kurz und prägnant, zwischen einer halben und zwei Druckseiten, nur wenige gehen darüber hinaus. Aus den insgesamt 650 Stücken hat Angelika Gundlach, die bereits die grosse, leider mittendrin stillgelegte Frankfurter Strindberg-Ausgabe des Insel-Verlags betreut hatte, eine kluge Auswahl getroffen und mit einem vorzüglichen Anmerkungsapparat versehen. Dabei hält Gundlach sich an die Strindbergsche Abfolge. Franz Greno besorgte die bibliophile Ausstattung ganz in Blau: blauer Samteinband, blautoniges Papier, blaue Schrift. Das Buch hat es verdient: Man hält das himmlisch-wolkige Blau des samtenen Einbands in Händen und freut sich über all das Blaue vom Himmel darin.

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