Das blaue Buch von A.L. Kennedy, 2012, HanserDas blaue Buch.
Roman von A. L. Kennedy (2012, Hanser - Übertragung Ingo Herzke).
Besprechung von Susanne Helmer aus den Nürnberger Nachrichten vom 15.8.2012:

A. L. Kennedy: Wildern in fremden Seelen
Schottische Autorin kam mit ihrem Roman „Das blaue Buch“ zum Poetenfes

Lange war sie eine Wunschkandidatin der Veranstalter des Erlanger Poetenfestes. Wer A. L. Kennedys neuestes Werk „Das blaue Buch“ liest, weiß auch warum.

Bücher tun viele Dinge: Sie stehen im Regal, sie verstauben, sie bekommen Eselsohren und sie fallen in Badewannen. Dass sie mit einem sprechen, kommt eher selten vor. „Das blaue Buch“ allerdings schon, wenngleich es nicht in der Ich-Form erzählt. Aber es entwickelt schon im ersten Kapitel ein Eigenleben: „Und du bist ein Leser – eindeutig — hier bist du und liest ein Buch, und dafür wurde es auch geschaffen.“ Bald darauf wird versprochen, dass es einem immer alles zeigen wird, was es kann.

Das tut es natürlich nicht. Denn es ist ein kleiner Lügner und Verführer. Wie überhaupt die ganze Geschichte des blauen Buches von (Ent-)Täuschungen erzählt. Es ist schwierig, einen Überblick über die Handlung zu geben, ohne wesentliche Überraschungsmomente zu verraten.

In Kürze: Es geht um Beth, die mit ihrem zukünftigen Gatten Derek eine Kreuzfahrt macht. Warum, erscheint anfangs noch etwas rätselhaft. Denn erstens ist sie schätzungsweise Mitte 40 und die Menschen an Bord durch die Bank älter. Und zweitens scheint sie wenig Gefallen zu finden an dieser Art des Reisens: „Als würde man mitten in einem gigantischen Katastrophenfilm mit einem Ensemble von so gut wie Toten bereitwillig bewusstlos werden.“

Dass sie dennoch von Southampton nach New York schippert, hat mit Arthur zu tun, so viel muss man preisgeben, um die Geschichte umreißen zu können. Mit ihm war sie einst zusammen, die beiden waren wie Bonnie und Clyde. Nur, dass sie keine Banken ausraubten, sondern Seelen. Wenn man so will. Denn sie gaben vor, mit Toten sprechen zu können. Mittels eines ausgeklügelten Zahlencode-Systems sowie reichlich Empathie, Psychologie und Menschenkenntnis erschlichen sie das Vertrauen ihrer verletzten und trauernden Kunden. Auch, um zu helfen, das nimmt man ihnen ab. Ein Abschied von den Lieben im Jenseits kann Trost spenden.

Die beiden sind erfolgreich, niemand kommt ihnen auf die Schliche. Doch irgendwann hält Beth den Zinnober nicht mehr aus. Sie verlässt Arthur, den Magier, und entscheidet sich irgendwann für Derek, den Langweiler. Das kann natürlich nicht gutgehen...

Leicht macht es einem A. L. Kennedy nicht. Die Spezialistin des Bewusstseinsstroms führt den Leser auch in diesem Roman wieder ganz tief hinein in die Gehirnwindungen der Protagonistin. Rückblenden, Wiederholungen, Logik-Brüche und auch Sätze, die gar keinen Sinn ergeben, sind die Folge. Und dann sind da noch die erwähnten Passagen, in denen das Buch selbst mit einem zu sprechen scheint. Ganz klassisch postmodern ist diese Erzählweise; genau wie die verwirrende Welt, in der sich die Hauptfiguren wiederfinden: „Scheiße, gibt es überhaupt irgendeine Bedeutung, die sich nicht vervielfacht, ist überhaupt irgendwas bloß es selbst?“

Doch wer sich dem Rhythmus dieses Romans hingibt, der wird reichlich belohnt. Nicht nur mit hervorragenden Beobachtungen über die Welt und vor allem die Menschen, die in ihr leben. Mit all ihren liebenswürdigen Unzulänglichkeiten, ihrem Selbsthass, ihrer ewig kindlichen Suche nach Liebe. Die im Falle von Beth streckenweise nicht wie eine Verheißung erscheint, sondern wie ein Horrortrip, ein Machtspiel, ein Sichverlieren. Und doch das Allergrößte ist. Ganz nebenbei sind die Gedanken, die sich Beth bei allem Drama so macht, auch oft ziemlich witzig.

Wie die 1965 geborene A. L. Kennedy ihre Geschichte auffächert, ist meisterhaft. Und unheimlich spannend. Die Autorin ist außerdem eine Spielerin: Wer Spaß am Dechiffrieren hat, der sollte auf die Nummerierung der Seitenköpfe achten.

Schade nur, dass auf dem deutschen Einband ein Schiff abgebildet ist. Im Original sieht man eine Handfläche mit ihren Linien — was die Essenz des Buches viel besser auf den Punkt bringt. Egal, es kommt ja auf den Inhalt an: Und der ist wahrlich zu empfehlen.

Die Rezension mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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