Das bin doch ich von Thomas Glavinic, 2007, Hanser1.) - 2.)

Das bin doch ich.
Roman von Thomas Glavinic (2006, Hanser).
Besprechung von Daniela Strigl in Der Standard, Wien vom 18.8.2007:

Immer der Letzte, der geht
"Das bin doch ich." - Thomas Glavinic geht in seinem neuen Roman grandios mit der Szene und sich selbst um

Thomas Glavinics neuer Roman gehört zu jener Sorte von Büchern, bei deren Lektüre ich mich bei dem Gedanken ertappe: Das könnte ich auch. Aber ich könnte es natürlich nicht. Mir wäre es zu peinlich. Es gehört einiger Mut dazu, Familie und Freunde derartig in die Auslage zu stellen, es gehört nicht weniger Mut dazu, sich selbst ohne Schonung preiszugeben. Und es bedarf einigen Könnens, um einen leichtfüßig witzigen, scheinbar dahinsprudelnden Text so zu schreiben, dass der Leser sich die Frage nach der Machart gar nicht stellt. Humor ist schwer. Selbstironie vielleicht noch schwerer.

Glavinic - das hat er mit dem Ratgeber-Roman Wie man leben soll (2004) bewiesen - beherrscht dieses Metier. "Das Heroische will nicht mein Fach sein", sagt er selbst in seinem neuen Buch. Er selbst? Wie steht es denn mit der eisernen Regel der Literaturwissenschaft, man dürfe den Erzähler nicht mit dem Autor verwechseln? D'accord. Aber wenn der Autor Thomas Glavinic seinen Ich-Erzähler Thomas Glavinic nennt, dann darf der Interpret sich mit Fug und Recht aus der hermeneutischen Fesselung entlassen fühlen.

Das Ablegen (angeblich) authentischer Autorenbeichte hat hierzulande Konjunktur, Wolf Haas hat es in Das Wetter vor fünfzehn Jahren vorgemacht, Margit Schreiner jüngst Ähnliches unternommen. Dass Schriftsteller in Romanen über die Höhen und Tiefen des Schriftstellerdaseins schreiben, ist indessen nichts Neues, höchstens dass sie es so unverhüllt autobiografisch und selbstironisch tun. Eines aber ist Das bin doch ich gewiss nicht: ein Schlüsselroman des Literaturbetriebs. Man braucht nämlich keinen Schlüssel, weil die Protagonisten entweder ihre eigenen Namen tragen oder nur spaßhalber verfremdete.

Thomas Glavinic jedenfalls hat zu Beginn soeben seinen Roman Die Arbeit der Nacht fertiggestellt und sucht einen Verlag. Sein Freund Daniel "hat gerade ein Buch veröffentlicht, das Die Vermessung der Welt heißt". Nach einer Lesung des "größten Starautors der westlichen Welt", der wohl Amerikaner sein und wie fast alle US-Autoren von Rang Jonathan heißen dürfte, begegnet man dem Kabarettisten Thomas Maurer, Klaus Nüchtern vom Falter und Kulturstadtrat Mailath-Pokorny, der aussieht "wie ein Kasuar" - der Autor verfügt über eine beachtliche ornithologische Bildung, ich musste nachschlagen. Die Runde erhält ausgiebig Gelegenheit, sich im Angesicht des Stars lächerlich zu machen. Namenlos und ungeschoren bleibt nur "die FAZ-Kritikerin".

Wer immer hier nicht vorkommt, darf das als Auszeichnung betrachten: Fast alle Auftretenden werden mit einer gehörigen Portion Spott bedacht. Allerdings betreibt Glavinic eine noch rücksichtslosere Demontage an der eigenen Person. Gleich das erste der 24 Kapitel beginnt mit einer buchstäblichen Selbstentblößung: Der Held zeigt sich nackt unter der Dusche, wo er wie stets den Blick auf seine Genitalien vermeidet, da er Angst hat, etwaige Schwellungen könnten auf Hodenkrebs hindeuten. Die Frage, zu welchen Listen er beim unvermeidlichen Wasserabschlagen Zuflucht nehmen könnte, bleibt offen.

Dieser Thomas Glavinic ist aber, nach eigener Wahrnehmung, nicht nur ein Hypochonder. Er ist auch sonst ziemlich ängstlich und zieht Bedrohliches, wie herabstürzende Oberleitungen und Psychopathen, geradezu an; er selbst erklärt das mit des "Angsthasen" besonderer "Witterung für Gefahren". Um nicht enttäuscht zu werden, geht er immer zum selben Inder und isst dort immer dasselbe: "Thomas Glavinic ist ein Achtjähriger, und ich muß mit ihm leben." Er hält sich Weib und Kind nach Künstlermanier vom Leib. Er kokettiert mit seiner Misanthropie, die jener des Helden in Die Arbeit der Nacht nicht unähnlich ist. Auf jeden Fall trinkt er zu viel, obwohl er sich eigentlich für einen "Anlaßtrinker" hält, aber Anlässe gibt es in diesem Milieu genug - ein erschreckenderes Sittenbild der Wiener Kulturszene ist kaum vorstellbar. Angesichts der Bizarrerien des zwischenmenschlichen Verkehrs, all der Worthülsen, Angebereien und Blamagen, sucht der Trinkende die Gnade der Betäubung, aus der er hie und da erwacht: "Maurer sitzt da und spricht. Da kann auch ich nicht weit sein. Ich bin nämlich immer der letzte, der geht." Eine Ich-Suche der etwas anderen Art.

Betrunken versendet Glavinic reihum Mails "von fragwürdigstem Inhalt", an die er sich in der Früh nicht erinnern kann. Freilich hat er es nicht leicht. Ihm fehlt das Schreiben, die Warterei auf Neuigkeiten von der Agentin nervt, und Freund Daniel versorgt ihn, wenig sensibel, per SMS regelmäßig mit den neuesten exorbitanten Verkaufszahlen seines Bestsellers. Welcher Autor hat schon die Größe, Neid zuzugeben? Nicht nur auf den Erfolg, auch auf die Gelassenheit anderer: "in mir tobt ständig etwas, und ich frage mich, was mich eigentlich zusammenhält. Nein, ich frage mich das nicht, ich weiß es ja, es ist das Schreiben, und deswegen muß ich etwas unternehmen."

Wir haben schon verstanden: Im Arbeitsplan des Autors ist dieses Buch ein Pausenfüller, auf ihm lastet keinerlei Erwartungsdruck, deshalb wohl wirkt es so entspannt und auf mühelose Weise sprachlich stimmig. Dass man sich beim Lesen genauso gut unterhält wie der Autor offenkundig beim Schreiben, ist beileibe nicht selbstverständlich und funktioniert auch ohne Wiedererkennungseffekt.

Das Buch endet mit einer historisch verbürgten Lesung aus dem inzwischen veröffentlichten Roman. Dass alle da sind, aber Verkaufskaiser Daniel lieber zu Hause "Shining" anschaut, schmerzt. Es schmerzt auch, dass Die Arbeit der Nacht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis fehlt. Schmerzt wie früher so manche Kritik: "Wer meine Bücher ablehnt, ist des Teufels." Endlich ein ehrlicher Schriftsteller.

P.S.: Das bin doch ich steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2007.

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Leseprobe I Buchbestellung 0807 LYRIKwelt © D.St./Der Standard

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Das bin doch ich von Thomas Glavinic, 2007, Hanser2.)

Das bin doch ich.
Roman von Thomas Glavinic (2006, Hanser).
Besprechung von Bettina Egbert in der NRZ vom 26.10.2007:

Roman über einen Buchpreis-Kandidaten: „Das bin doch ich” von Thomas Glavinic. 
Wo die Neurosen blühn

Eines ist sicher: Langweilig wird es mit Thomas Glavinics Romanen nie. Ob „Schachnovelle”, Schelmenroman oder „Lifeguide” - seine Werke überzeugen durch neue Erzählkonzepte und waghalsige, psychologisch ausgereifte Geschichten. Die dramatisierte Fassung seines „Kameramörders” wurde im Wiener Rabenhoftheater zum Skandalerfolg, seine düstere Phantasystory über den allein auf dieser Welt verbliebenen Jonas von der Kritikerzunft über den grünen Klee gelobt. Nun hat der experimentierfreudige Wiener einen neuen Roman - man möchte fast sagen - aus dem Ärmel geschüttelt, so leichtfüßig und unbeschwert lesen sich die 240 Seiten, die für den Deutschen Buchpreis nominiert waren. 

Passionierter Hypochonder 

Glavinic erzählt von einem gleichnamigen Schriftsteller, der nach soeben vollendetem Roman in der Warteschleife hängt. Erlöstes Aufatmen? Entspanntes Autorenseelenbaumeln? Irrtum! Geplagt von bohrenden Selbstzweifeln, stets Pleiten, Pech und Pannen fürchtend, sitzt der Protagonist dieser 24 Kapitel rund um die Uhr auf heißen Kohlen: Im Viertelstundentakt checkt er sein E-Mail-Postfach; wartet zähneknirschend auf Erlösungsbotschaften vom Handy seiner Agentin. Was er aber erhält, sind teils erheiternde, teils demotivierende Kurzmitteilungen seines Schriftstellerfreundes Daniel Kehlmann. Während der Weltvermesser und einstige Mitstreiter im beschwerlichen Rennen um die Lesergunst in dem Verkaufszahlenerfolg badet, den ihm seine esprithaltige Doppelbiographie über die Gelehrten Gauß und Humboldt bescherte, pflegt Nervenbündel Thomas sein angeknackstes Ego. Der passionierte Hypochonder, der Ärzte ebenso meidet wie die zweite Klasse der Bahn, schlägt sich mit Haarausfall, Flugangst und martialischen Albträumen herum. Gerne begleitet man ihn zu seinen Fastfood-Orgien am Naschmarkt, zu Literaturlesungen oder Theaterereignissen, die in der Regel hochintellektuell beginnen und nicht selten hochprozentig ausklingen. Es folgen Fatalismus, Übelkeit und Katzenjammer - und stets die unbequeme Frage, an wen er des Nachts wohl wieder fragwürdige E-Mails versandt hat. Das bin doch ich” ist eine gelungene Persiflage, die die Irrungen und Wirrungen im Literaturbetrieb aufs Korn nimmt. Unverblümt belächelt Thomas Glavinic die alltäglichen Stolperpartien seiner Umwelt, am allerliebsten jedoch die eigenen: Der Spott und die gnadenlose Selbstironie mit der er seinem Autoren-Ich zu Leibe rückt, bestechen durch unverkrampfte, ungekünstelte Frische: „Die Hölle ist leer und alle Teufel sind hier...” – für Glavinics Alter Ego wird der Clinch mit seinen Dämonen zum Spießrutenlauf - für den Leser hingegen zu einem höllischen Vergnügen. (NRZ)

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