Das Beste was einem Croissant passieren kann, 2003, FVADas Beste was einem Croissant passieren kann.
Roman von Pablo Tusset (2003, Frankfurter Verlagsanstalt - Übertragung Susanna Mende).
Besprechung von Sven Hanuschek in der Frankfurter Rundschau, 4.4.2003:

Butter & Butter
Pablo Tussets Erstlingsroman bestreicht Croissants

Möglicherweise gibt es diesen Menschenschlag ja: prüde schwäbische Häuslebauer, die sich jeglicher Rauschmittel enthalten, alles im Glauben, das sei gesund, und die obendrein fromm sind. Dieser Menschenschlag wäre so ziemlich das Gegenteil von Pablo Mirailles, dem Protagonisten in dem Roman Das Beste was einem Croissant passieren kann. Sein Verfasser Pablo Tusset lebt in Barcelona, ist Mitte dreißig und dem Foto nach etwa so breit wie sein Protagonist. Dieser Mirailles verbringt seine Tage im Paradies von Balu, dem Trickfilm-Dschungelbuch-Bären, "eine angenehme Existenz in einem Dschungel, in dem alles, was man braucht, in Reichweite ist". Was er braucht, sind mindestens drei Joints am Tag, einen Liter eines höherprozentigen alkoholischen Getränks, einiges Essen, genügend Geld, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen; und Sex mit wechselnden Partnerinnen, gerne gratis, noch lieber gekauft, wegen der klaren Folgenabschätzung.

Leisten kann er sich das durch den Reichtum seiner Eltern und durch einen beflissenen älteren Bruder, der die Firma weiterbetreibt und zahlt, damit sich der Junior von Mirailles & Mirailles nicht blicken lässt. Pablo ist ein Hedonist, und auf eine solche Wunscherfüllungsfigur einen Vierhundert-Seiten-Roman aufzubauen, wäre ungefähr so spannend wie 20 Stunden Privatfernsehen am Tag, hätte dieser Pablo sich nicht auf den ‚richtigen', den antiken Hedonismus abonniert; und die alten Griechen wussten noch, dass ein Dasein als Rauschkugel, kundiger Esser und Sexmaniac erst so richtig Spaß macht, wenn man dazwischen ein paar intelligente Gedanken denken kann. Zu diesem Zweck hat Pablo einen "Metaphysical Club" gegründet und betreibt mit vier Mitphilosophen respektive "Spinnern" Wissenschaftstheorie im World Wide Web, ab und zu blinzeln aktuelle Theoreme von Russell bis zum radikalen Konstruktivismus durchs Textgewebe.

Der behagliche Alltag wird zerstört, als Pablos ungeliebter Bruder aus unbekannten Gründen von unbekannten Tätern entführt und sein Vater angefahren wird. Seine Schwägerin, eine Schriftstellerin, die sich auf den Whisky verlegt hat, beauftragt Pablo mit Ermittlungen, die kaum vorangehen, weil er mit der Kreditkarte seines Bruders seinem Lebensstil jetzt erst recht Volumen geben kann. Tusset lässt seinen Pablo nun durch eine Art hardboiled-Krimi stolpern, geschult an Raymond Chandler, aber eben etwas sinnenfreudiger: Gegen P. Mirailles gehört P. Marlowe eher zu den asketischen Häuslebauern, er konnte von einer dichten Beschreibung kriechender Meerestiere in Hotelbetten nur träumen. Auch Manuel Vázquez Montalbán wird ausgiebig die Reverenz erwiesen; schon durch den Handlungsort Barcelona, Prostituierte und die ausgiebige (aber weniger kundige) Diskussion der Mahlzeiten ist dessen Detektiv Pepe Carvalho immer in Reichweite. Allerdings hat Vazquez Montalbán ein Thema, das das Genre nobilitiert, er zeichnet ein analytisches Panorama des postfrancistischen Spanien mit harten Strichen; dieses Thema steht heute nicht mehr zur Verfügung.

Mit zunehmenden Verwicklungen und schließlich sogar einem Toten genügt Tusset der Krimi offenbar nicht mehr, und ein heutigeres Großthema hat er nicht. Um dieses Manko auszugleichen und seinen Plot zuende zu kriegen, zitiert er deshalb andere Genres herbei: Der Herr der Ringe soll ja ein ziemlich erfolgreiches Buch sein, also müssen noch ein paar Gramm Fantasy hinein. Für das Finale braucht er den Geheimbundroman; und weil der Krimi ihm vom Gestus her zu rationalistisch ist, erfahren wir zudem viele Träume Pablo Mirailles'. Mit den Träumen ist es aber leider allzu oft so wie mit Räuschen: Sie sind am schönsten (oder am schrecklichsten) für den, der sie hat, nach dem dritten Traum und dem dritten Rausch lässt die Faszination für Fernerstehende erheblich nach. Das alles wird erst gegen Ende störend. Bis dorthin hat Tusset ein erheiterndes Buch geschrieben, in dem die Tempi stimmen, das grotesken Humor und rasante Dialoge hat und das versucht, den Hedonismus aus der pubertären Ecke zu holen; all das ist selten und erfreulich genug. Was ist denn nun das Beste, was einem Croissant passieren kann? "Dick mit Butter bestrichen zu werden", teilt Mirailles im ersten Satz mit, während er seines mit billiger Pflanzenmargarine bestreicht. Zwei Kapitel später hat er zwar Butter eingekauft, aber keine Croissants mehr: "Immer fehlt irgendetwas."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau