Das Berühungsverbot von Gisela Elsner, 2006, Verbrecher VerlagDas Berühungsverbot.
Roman von Gisela Elsner (2006,
Verbrecher Verlag, Nachwort von Christine Künzel).
Besprechung von Ursula März aus DIE ZEIT, 3.5.2007:

Die Frau mit dem Helm
Gisela Elsner, bekannt durch die »Riesenzwerge« und ihre Frisur, wäre jetzt 70 Jahre alt geworden

Auch wer sonst nichts von ihr weiß, keine Zeile gelesen hat, weiß – zumindest seit dem Film Die Unberührbare –, dass sie die Frau mit der monströsen Frisur ist. Ein schwarzes toupiertes Unding von ausladender Breite. Weniger eine Frisur als ein disproportionaler, dem Kopf übergestülpter Fremdkörper. Ein Attribut, dem man anzusehen glaubt, dass es nicht unbedingt einer modischen oder einer Verschönerungsidee folgte, sondern, von Lebensjahrzehnt zu Lebensjahrzehnt breiter werdend, der Idee schieren Volumens. Es wirkte verzerrend. Es dominierte die Erscheinung Gisela Elsners komplett. Aber dieses Attribut hatte auch seinen tieferen Sinn. Denn nichts beschäftigte die Schriftstellerin, die am 2. Mai 1937 zur Welt kam und sich im Alter von 55 Jahren das Leben nahm, in ihrer literarischen Arbeit so stark wie die Motive und Themen, die sich aus Disproportion ergeben. Aus verzerrten Größen-, Mengen- und Machtverhältnissen.

Ein Elsner-Roman ohne aufgeblasene Patriarchen, aufgeblasene Parvenüs und geblähte Altnazis, ohne Kleinbürger, die zwischen Kühlschrank, Ehebett und Fernseher ihr lächerlich angemaßtes Despotentum ausspielen, ohne Attacke gegen die verlogene Aufgeblasenheit der gesamten Bundesrepublik – ist gar nicht vorstellbar. Aber auch keiner ohne die entsprechend verkleinerten Gegenfiguren und reduzierenden Gegenreaktionen: Gestauchte, Abgemagerte, Infantilisierte, Menschen in der kümmerlichen Miniaturform ihrer selbst gibt es bei Gisela Elsner so viele wie Menschen, die das Backpulver der Wichtigtuerei künstlich aufgetrieben hat. »Mein Vater ist ein guter Esser« lautet – den ersten Satz von Adalbert Stifters Nachsommer, »Mein Vater war ein Kaufmann«, ironisch abwandelnd – die Eröffnungsmitteilung des Romans, der bis heute als Elsners erfolgreichste und berühmteste Arbeit gilt: Die Riesenzwerge, erschienen 1964.

In diesem Titel steckt die ätzende Sicht der späterhin glücklosen, vom literarischen Betrieb in den Achtzigern und Neunzigern immer stärker abgewiesenen Vorläuferin Elfriede Jelineks auf Menschen und Gesellschaft. Zwerge, die sich mit Nachkriegswohlstand und Nachkriegsverdrängung zu Riesen machen. In diesem Titel steckt auch ihre Kunstmethode aus Verkleinerung und Vergrößerung. In der Erzählperspektive eines Kindes schrumpft die Welt auf die Sichthöhe des Sechsjährigen. In den Formen der Groteske und der Farce wächst sie durch die Übertreibung über die Realität hinaus. Diesen Gattungen blieb Gisela Elsner vom ersten bis zum letzten Roman, Fliegeralarm, 1989, treu. Sie entsprachen ihrem Bestreben, die Dinge aus dem Gleichgewicht zu kippen.

Die Tochter aus wohlhabendem, sehr bürgerlichem Haus, als Gymnasiastin vom Chauffeur zur Schule gebracht, war 27 Jahre alt, als die Riesenzwerge auf der Bühne des literarischen Lebens erschienen. Sie hatte schlagartig Erfolg, beim Publikum und bei der Gruppe 47. Und sie hatte schnell das Prestige einer skandalisierenden Autorin, einer beunruhigenden Person, deren stürmischer Stimmungshaushalt nicht ohne Alkohol, Zigaretten und Tabletten auskam. Mit 17 ging sie in den Aufstand gegen das Elternhaus, brannte mit dem späteren Verlagslektor Klaus Roehler durch, dem die Eltern Elsner auf dem Höhepunkt des Autoritätsdramas einen Detektiv hinterherschickten. Drei Jahrzehnte später bedurfte sie noch immer der wirtschaftlichen Unterstützung dieser Eltern. Mit 40 trat sie in die kleinbürgerlichste aller westkommunistischen Parteien, die DKP, ein. Kurz vor der Wende trat sie aus, kurz nach der Wende aus Protest gegen das Ende der DDR wieder ein. Die Frauenbewegung war ihr unleidlich wegen »dieses biologischen Aspekts«. Die Friedensbewegung, das stille Kerzenanzünden und Handhalten, verachtete sie geradezu. Von Beginn an wurde an Elsners Literatur Kritik geübt: Ihre Romane beruhten auf einem überholten, veralteten Bild der Gesellschaft, projizierten diese auf Milieus der fünfziger Jahre oder gar auf die Mentalität des Wilhelminismus. Doch die Kritik prallte an ihr ab. Unzeitgemäß, quer zu kulturellen und ästhetischen Trends, ist Gisela Elsners Literatur tatsächlich. Aber in doppelter Hinsicht: Nämlich nicht nur verspätet, sondern, wenn man so will, auch verfrüht.

Im Jahr 1970, im vergnügtesten Stadium der allgemeinen sexuellen Revolution, schrieb sie die ätzende Sexualsatire Das Berührungsverbot, einen Antiporno, lange vor Jelineks Lust, aber genauso böse und genauso gemeint.

Der Berliner Verbrecher Verlag, der Elsners Werk neu auflegt, veröffentlichte den Roman im vergangenen Jahr noch einmal. Vor Kurzem brachte der Verlag den Roman Heilig Blut heraus. Eine bizarre Geschichte um jagdfreudige Altnazis, die eine nicht minder bizarre Publikationsgeschichte hinter sich hat. Heilig Blut, von deutschen Verlagen 1984 rundum abgelehnt, erschien ursprünglich in russischer Übersetzung in der Sowjetunion und ist jetzt, 23 Jahre später, zum ersten Mal in deutscher Sprache zu lesen. Man erkennt die typischen Stärken – Dialogkomik, Szenenslapstick, Antipsychologie – und Elsners literarische Schwäche, die Verengung in ideologischer Mechanik. Und man erkennt die Merkwürdigkeit ihres Satzbaus. Auf jeder dritten Seite findet sich ein in sich verwickeltes, verfilztes hypotaktisches Ungetüm, das kaum lesbar und verstehbar ist. Eine Art grammatikalisches Pendant zum komplizierten Kopfputz Gisela Elsners. Von Peter Hacks wird die Frage überliefert: »Kann es sein, dass sie pro Witz zu viele Worte benötigt?«

Wie auch immer man Gisela Elsner betrachtet, literarisch, biografisch, politisch, es gibt keinen Aspekt ihrer Existenz, der nicht eine Verweigerung von Proportion und Angemessenheit ausdrückte, der, anders gesagt, nicht Negation ausdrückte. Rein äußerlich verweigerte Gisela Elsner vor allem eines: erwachsen zu werden, den Gang der Zeit zur Kenntnis zu nehmen. Ihre Frisur war ja nicht nur exzentrisch. Mit dem Riesending auf dem Kopf erhielt Gisela Elsner ihrer Körpersilhouette bis ins herannahende Alter die Disproportion der Kindlichkeit. Sie verzwergte sich mit einem übertriebenen Attribut. Sie ließ keine Balance zu. Sie hätte – zwanzig Jahre jünger und mit etwas mehr Abstand zu den eigenen Neurosen – der deutsche Houellebecq werden können. Und man kann nicht sagen, dass eine solche Stimme in der deutschen Literatur nicht fehlte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0907 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März