Das Basler Träumerbuch.
Gedichte, Marionetten, Karikaturen von Florian Kalbeck (1998, Edition Atelier).
Besprechung Hermann Schreiber aus Rezensionen-online *LuK*:

Träume und Erkundungen
Zwei Bücher von Florian Kalbeck (1920 - 1996)

Trotz Dietmar Grieser besitzen wir noch kein Buch, das die zwischen 1918 und 1946 zum Puzzle gewordene Geistlandschaft des alten Österreich nach familiären Bezügen wieder zusammenzusetzen versuchte. Jedes Memoirenwerk offenbart uns und erst recht natürlich jüngeren Lesern die überraschendsten Beziehungen und Zusammenhänge: genealogische und ideologische Stränge in einem gigantischen Flechtwerk, aus dem es beinahe schreckhaft aufblitzt, wenn eine Alma Schindler nicht nur bedeutende, sondern geradezu weltberühmte Männer in eindrucksvoller Reihe an ihre Seite zieht, oder wenn ein allwissender alter Herr Bondy in Prag sich N. O. Scarpi nennt, in weiser Vorausahnung des Ruhmes, der später Sohn und Enkel schwer unterscheidbar machen wird.

Eine der weniger bekannten Geist-Dynastien ist die der Kalbeck aus dem einst österreichischen Schlesien, wo ein Oberpostkommissar um 1870 den folgenschweren Entschluß faßte, seinen Sohn Max studieren zu lassen; Max nämlich blieb keineswegs beim Jus, sondern wechselte zur Philosophie, landete schließlich bei der Musikwissenschaft und erregte die Aufmerksamkeit des damals allmächtigen Kritikers Hanslick. Max Kalbeck (1850 - 1921), der erste Berühmte der Sippe, schuf mit einer vierbändigen Biographie von Johannes Brahms ein bis heute grundlegendes Werk, dem eine siebenbändige Ausgabe des Brahms-Briefwechsels folgte.

Obwohl Kalbeck seit 1880 in Wien lebte, kam sein Sohn Paul Johannes 1884 noch in Breslau zur Welt, wurde zum jugendlichen Liebhaber auf verschiedenen deutschen Bühnen und sehr früh Schauspiel-Lehrer, erst an der Seite von Hans Thimig, dann an jener von Max Reinhardt. Als Hitlers Stern zu sinken begann, hielten es die Schweizer für opportun, den Emigranten Kalbeck zum Oberspielleiter am Berner Stadttheater zu machen, wo er, unterbrochen durch Gastspielmonate am Salzburger Mozarteum, bis zu seinem Tod 1949 wirkte. Florian Kalbeck, mit dem die Kurzdynastie endet, studierte im Schweizer Exil und kam nach einer Sechshundert-Seiten-Dissertation über Ernst Cassirer zu der Einsicht, daß auch ihm die Reine Philosophie nicht fromme. Er wurde Dramaturg am Wiener Theater in der Josefstadt, wo Max Reinhardt, Gönner von Kalbecks Vater, noch unvergessen war. Dramaturgen, das sind die Herren, die bei Proben irgendwo im dunklen Parterre sitzen, zwischen viel zu vielen leeren Stühlen, und ein wenig von dieser Leere, aber vielen Möglichkeiten umgibt den Vielfachbegabten Dr. Florian Kalbeck ein ganzes Leben lang, ein Leben, in dem er arbeiten und bearbeiten wird, Gedichte und Dramolette schreiben, Erzählungen verfassen und dabei doch stets überzeugt bleiben, daß er selbst als Person und Geistwesen in all diesen Hervorbringungen nicht wirklich und nach seinem Wert zum Ausdruck komme.

Damit steht am Ende einer Generationenfolge nach Großvater und Vater von unbestrittener Bedeutung ein Elegant der verlorenen Generation, rastlos wie Ahasver oder eher noch wie Beau Brummel mit dem Unterschied, daß Florian Kalbeck, der uns ja noch in naher Erinnerung ist, auf Männer bescheiden wirkte und auf Frauen hochfahrend. Es war wichtig, einen Blick in diese facettenreiche Gestalt wenigstens jetzt werfen zu können, da die Spiegelungen erloschen sind. Zwar wird man, was die Edition Atelier in zwei Bänden vorlegt, nicht zum Ewigen Vorrat österreichischer Dichtung rechnen können, aber es tut doch sehr wohl zu sehen, daß einer jener Umgetriebenen und Allgegenwärtigen Tage der Besinnung gehabt haben muß in den Jahren der Basler Emigration, der Heimatlosigkeit und der Unsicherheit. In seinem "Basler Träumebuch" wird uns dieser Hochbegabte in jener Phase gegenwärtig, in der ers ich mit einigem Recht für ein Genie halten durfte, und wenn man mich für das Wort auch züchtigt: die auf eine wunderbare Weise unmodernen Gedichte dieser Zeit sind für mich das Schönste, was Kalbeck hervorgebracht hat. Es sind Gedichte im eigentlichen Sinn, ohne Gestus, ohne Provokation, Strophen, die man lieben kann, ohne sich darüber wundern zu müssen.

Auch die Kurzprosa beider Bände verdiente zweifellos die Edition, im Träumebuch wohl eher als in dem Sammelband der Erzählungen, von denen einige über etwas mühsame Heiterkeit kaum hinausgelangen. In summa aber sind die beiden Bände befriedigende Dokumentation, mit Nachworten von Roman Rocek versehen und durch ein Vorwort eröffnet, das Florians Witwe DDr. Judith Por-Kalbeck mit sichtlicher Anteilnahme verfaßt hat. Von ihr hätte man gerne mehr über den Verstorbenen gelesen, dessen Persönlichkeit sich offensichtlich nicht im literarischen Werk erschöpfte.

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