Das ausgestellte Kind von Peter Härtling, 2007, Kiepenheuer & WitschDas ausgestellte Kind.
Novelle von Peter Härtling (2007, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 19.03.2007:

Mozart auf der Reise ans Ende der Kindheit
"Das ausgestellte Kind": Peter Härtling tritt gegen Mörike an und kann sich behaupten.

Pünktlich zu spät zum Mozartjahr 2006, in dem das Genie aus Salzburg beinahe zu Tode gefeiert wurde, kommt nun Peter Härtling mit einem kleinen, funkelnden Stück Literatur. Es ist eine doppelte Kühnheit. Denn seine Novelle "Das ausgestellte Kind" tritt im heimlichen Dichter-Rennen immerhin gegen Mörikes klassisch-romantisches Meisterwerkchen "Mozart auf der Reise nach Prag" an! Peter Härtling ist allerdings mit der ganzen Familie Mozart unterwegs, mit Vater Leopold, der seine so früh- wie hochbegabten Kinder kreuz und quer durch Europa hetzt. Tatsächlich ging es ja für die Mozarts nach dem fulminanten Konzerterfolg bei Kaiserin Maria Theresia dreieinhalb Jahre lang von einem Fürstenhof zum nächsten, von einem Konzertsaal zum anderen: Ludwigsburg und Frankfurt, Aachen, Brüssel, Paris. Und erst, als es nach England gehen soll, füllt sich Wolfgangs Mund mit einem galligen, dicken Nein. Er ist krank, er friert. Der erste Schatten. Bis dahin ist er, den alle nur "Woferl" nennen (wie es Vater und Sohn auch in Briefen taten), noch ganz das Kind, das Anstrengung, Erschöpfung und Erfolg als natürliche, ja selbstverständliche Zustände kennt. Konzerte mit Schwester Nannerl sind Mozarts Spielplätze - vor allem, wenn er mit Quintus spielt, eine Art Floh im Ohr, den er anderen auf den Hals schicken kann: Mitmusikern, die prompt ihre Einsätze vergeigen, oder fürstlichen Herrschaften, dies plötzlich juckt. Ihn selbst juckts dauernd zu kalauern, er sei "Gnagflow Trazom", sagt er mit verstellter Stimme und verstellten Buchstaben.

Geldwechseln kostet, Übernachten kostet...

Vater Leopold muss dauernd Geld wechseln, und das kostet, Woferl und Nannerl müssen öfters im selben Gasthof-Bett übernachten, denn das kostet auch. Und so geht es weiter: London, Chelsea, Amsterdam, Den Haag, Utrecht, Lyon, Genf... Aber erst in Olmütz, da ist er elf, erreicht Mozart das Ende seiner Kindheit: er hat die Blattern, er lernt den Tod kennen - und Quintus, der Floh im Ohr, kommt nie wieder.

So klingt Härtlings Titel viel anklagender, als ihm sein Mozart geraten ist. Der taugt nicht als Plädoyer für eine Kindheit ohne Anstrengungen; er erzählt vielmehr in schönen, trockenen, schlanken Sätzen davon, dass Wunderkinder auch dann noch Kinder sind, wenn sie Herausforderungen gewachsen sind. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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