Das Auge des Leoparden von Henning Mankell, 2004, Zsolnay

1.) - 2.)

Das Auge des Leoparden.
Roman von Henning Mankell (2004, Zsolnay - Übertragung Paul Berf).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 13.2.2004:

Kriminalfall Afrika
Henning Mankells neues Buch erscheint diesen Samstag

Henning Mankell scheint unerschöpflich zu sein: Er schreibt und schreibt, Romane und Theaterstücke, als habe sich die Welt in ihm ein Medium gesucht. Und gerade in den Afrika-Büchern des schwedischen Autors, der zeitweise auch in Mosambik lebt, scheint sich eine Gegenwelt verzweifelt Ausdruck verschaffen zu wollen. Eine Welt mit gänzlich anderen Gesetzen, Denkweisen, Katastrophen, die Kommissar Wallander in seinem Wohlfahrts-Schweden und dessen europäische Fans sich im Traum nicht vorstellen können. Kriminalfälle von ganz unfassbaren Ausmaßen.

Das Opfer ist Sambia

Wer nämlich glaubt, Mankells "Das Auge des Leoparden" - 1990 in Schweden erschienen und nun ins Deutsche übersetzt - sei "nur" ein Afrika-Roman und, verleitet vom Titelfoto, Safari-Romantik und Tania-Blixen-Exotik erwartet, täuscht sich: Opfer in diesem Krimi ist, stellvertretend für einen Kontinent, Sambia. Und was dem Buch den schrecklichen Thrill verleiht, ist die Erkenntnis, dass es sich bei diesem Fall nicht um ein fingiertes Einzelschicksal handelt, sondern um das Los von zehn Millionen Menschen allein in Sambia. Doch Mankells Buch ist weder ein Betroffenheitsroman noch Entschuldigungsversuch für gescheiterte Hilfsbereitschaft. Sondern ein aufrichtiges Porträt, das erst im Kopf des Lesers eine Anklage entstehen lässt. Auf diesem Grat zu balancieren, ist das Kunststück Mankells.

"Die Unterschiede zwischen den Kontinenten werden immer dann besonders deutlich, wenn sie von zwei Individuen repräsentiert werden." So ein Individuum ist Hans Olofson, aufgewachsen in den Wäldern Nordschwedens. Der Vater ein gestrandeter Seemann und Trinker, die Mutter abgehauen. Beim Spielen in einer alten Ziegelei passiert dem Kind Hans das Unglück: Es erkennt, dass es ein "Ich" ist, und es sucht zeitlebens nach einem Losungswort, das ihm erschließt, was es mit diesem Ich anstellen soll. Es treibt einen Freund in eine verhängnisvolle Mutprobe, eine Freundin in den Freitod. Olofson ist aber kein schlechter Mensch - etwas feige meistens, unentschlossen häufig.

Der Lebenstraum einer anderen Person treibt ihn 1969 nach Sambia. Dass er dort eine Hühnerfarm übernimmt und schwarze Arbeiter befehligt, ist keine Entscheidung von ihm. Von Zufällen lässt er sich in die Rolle drängen. Dankbar für eine Aufgabe verfolgt Olofson jetzt eine Utopie: die Entwicklung des verrottenden Landes unterstützen, die Lebensbedingungen der Arbeiter verbessern, ihnen Verantwortung übertragen. Ein Teufelskreis, denn die Individuen des fremden Kontinents missverstehen das als Aufforderung, Güte auszunutzen. Ihre Einkommensquelle, die Farm, gerät in Gefahr. Wie alle Weißen in Sambia schafft es Olofson nur durch Härte, seine Arbeiter über Wasser zu halten. Allein das ist eine Schreckensgeschichte. Die Darstellung fehlgeleiteter Gelder, ins Gegenteil verkehrter Entwicklungshilfe und der Korruption reicher Schwarzer komplettieren den Horror. Für Olofson wird er zur ständigen Bedrohung: Jede Nacht fürchtet er, gemeuchelt zu werden. Mankell stellt den Hass der Schwarzen in einen größeren Kontext. Die Morde an Weißen sollen das Regime der schwarzen, gierigen Herren ins Wanken bringen.

Allmählich ändert sich für den Leser sein europäischer Blickwinkel: "Der weiße Mann arbeitet schnell und hart, aber Eile und Ungeduld sind in den Augen der Schwarzen ein Zeichen fehlender Intelligenz." Immer wieder springt der Erzähler zurück in Olofsons Jugendzeit in Schweden - ein Kontrast zwischen den inneren Konflikten der Menschen dort und den gesellschaftlichen Problemen in Afrika. Mankell trifft mit diesem erschütternden Drama der Gegensätze beispielhaft den Kern sämtlicher kultureller Verständigungsprobleme.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0204 LYRIKwelt © Münchner Merkur

***

Das Auge des Leoparden von Henning Mankell, 2004, Zsolnay2.)

Das Auge des Leoparden.
Roman von Henning Mankell (2004, Zsolnay - Übertragung Paul Berf).
Besprechung von Walther Wuttke in Rheinischer Merkur, 19.02.2004:

Henning Mankell zeichnet in „Das Auge des Leoparden“ ein bedrückendes Afrikabild
Zum Scheitern nach Sambia

Henning Mankell lebt in zwei Welten – literarisch und biografisch genießt der im nördlichen Schweden geborene Autor ein Doppelleben. Während seine schwedische Hälfte Kommissar Wallander im beschaulichen Schonen besonders gewalttätige Mörder jagen ließ, nebenbei Missstände im einstigen Musterland aufdeckt und die Aufgabe jetzt an seine Tochter weitergegeben hat, lebt seine andere Hälfte in Mosambik, wo er sich als Kulturentwicklungshelfer engagiert. Dort leitet er ein Theater, führt Regie und versucht, dem geschundenen Land und seinen Menschen eine Perspektive zu verschaffen.

Natürlich findet sich sein afrikanisches Leben immer wieder in seinem literarischen Werk wieder. Wobei es sich vermutlich nicht unbedingt zufällig inzwischen so ergibt, dass einem erfolgreichen Kriminalroman ein afrikanischer Roman folgt. So profitierte „Teabag“, die Geschichte einer afrikanischen Immigrantin in Schweden, vom Bestseller-Krimi „Rückkehr des Tanzlehrers“. Jetzt also kommt im Sog von „Vor dem Frost“, dem ersten Auftritt von Wallanders Tochter, „Das Auge des Leoparden“. Dass dahinter allerdings eine kommerzielle Absicht steckt, weist der Verlag natürlich weit von sich.

Ursprünglich bereits 1990 in Schweden erschienen, hat der Roman inzwischen eine bedrückende Aktualität und zeichnet schonungslos und brillant das Bild eines Kontinents voller Widersprüche, den Europäer vermutlich nie in seiner ganzen Komplexität begreifen werden. Mankells Hauptdarsteller, Hans Olofson, der eigentlich nur eine kurze Reise nach Afrika machen wollte, um danach sein Jurastudium zu beenden, bleibt stattdessen 19 Jahre in der Nähe der sambischen Hauptstadt Lusaka. Dort leitet er eine Hühnerfarm für eine britische Besitzerin, deren Mann im Busch verschollen ist.

Olofson lebt ein Leben, bei dem „eigentlich“ eine beherrschende Rolle spielt. Eigentlich strebt er nach einem geordneten Leben, das seinem Vater, einem als Holzfäller gestrandeten Seemann, nicht gelungen ist, doch irgendwie verläuft alles nicht so, wie er es sich vorstellt. „Mein ganzes Leben sollte unter mildernden Umständen bewertet werden“, denkt er einmal laut, als er sein Leben Revue passieren lässt. So ergeht es ihm auch bei seiner neuen Aufgabe im südlichen Afrika, auf die er sich einlässt, ohne zu begreifen, was auf ihn zukommt.

Der Schwede hat große und ehrgeizige Pläne. Im Gegensatz zu seinen Nachbarn will er seine schwarzen Angestellten besser entlohnen, neue Häuser für sie bauen, eine Schule einrichten, sorgt für eine Witwe und ihre vier Töchter – und wird doch am Ende gescheitert das Land verlassen. Seine Hoffnung, in der um ihn herum herrschenden Gewalt und Korruption mit großem persönlichen Einsatz im besten schwedischen Sinne eine Reforminsel aufzubauen, wird betrogen. Sowohl seine afrikanischen Angestellten als auch seine europäischen Partner enttäuschen und hintergehen ihn, treiben ihn in die Resignation.

Als der Roman entstand, gab es noch nicht die heute im südlichen Afrika offen betriebene Politik gegen weiße Farmbesitzer, schien die Welt dort in Richtung Zusammenarbeit anstatt Konfrontation zu laufen.

Mankell ist ein beeindruckender und im besten Sinne spannender Roman gelungen, eine Beschreibung Afrikas ohne jede Romantisierung und Idealisierung. So wie bereits beim Roman „Chronist der Winde“, in dem das Schicksal afrikanischer Straßenkinder im Mittelpunkt steht, kommt die Realität mit aller Gewalt über den Leser, dem es so nicht viel besser ergeht als Hans Olofson. Der muss immer deutlicher erkennen, dass sich die afrikanische Realität seinen gut gemeinten Plänen entzieht. Am Ende geht es für den idealistischen Schweden buchstäblich um Leben oder Tod. Mankell versteht es hervorragend, wie in seinen Wallander-Romanen eine Spannung aufzubauen, die den Leser fesselt, der aber zugleich rat- und hilflos zurückbleibt.

Das hat er mit Olofson gemeinsam. „Manchmal“, so der Hauptdarsteller, „muss man gewisse Fragen auf sich beruhen lassen, weil es auf sie keine Antworten gibt.“ Es ist bedrückend zu lesen, wie Mankell ein Afrika beschreibt, in dem sich Weiß und Schwarz sprachlos gegenüberstehen, obwohl man eine Sprache spricht. Doch machen sich die beiden Parteien offensichtlich keine Mühe, sich zu begreifen, und darin besteht die von Mankell so beeindruckend beschriebene Hilflosigkeit des schwedischen Wohltäters.

Selten ist menschliches Scheitern beeindruckender beschrieben worden als von Henning Mankell.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0304 LYRIKwelt © Rheinischer Merkur