Das argentinische Trio.
Roman von Marcelo Birmajer (2004, Beck - Übertragung Stefanie Gerhold).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 24.111.2004:

Geschichte eines Lüstlings
Der Argentinier Marcelo Birmajer nutzt die Gunst der Großstadt nicht und verstrickt sich in Erotika

Gewiss kennen Sie das Gefühl, von einem Autor verraten und verkauft worden zu sein. Es stellt sich dann ein, wenn einer mit gezinkten Karten spielt, wenn einer vorgibt, das eine zu leisten und etwas ganz anderes macht. Der Argentinier Marcelo Birmajer gehört dazu, ein Autor, der sich so unbekümmert dem Schreiben überlässt, dass es ihm nichts ausmacht, mit einer Einstiegsidee zu beginnen, sich gemächlich treiben zu lassen, hier einen Gedanken aufzunehmen, dort eine Episode aufzugreifen, um schließlich mit einem Überraschungsschlag allem ein Ende zu setzen und sich stillschweigend aus seiner Geschichte zu verabschieden, als trüge er nicht Schuld an diesem Debakel.

Und wenn man dann auch noch einer preisgekrönten Übersetzerin vertrauen muss, die Mühen hat, sich auf Deutsch verständlich zu machen, sitzt man deprimiert vor einem Buch, das man gerne übersehen hätte. "Ich blickte zum hunderteinsten Mal zum Himmel", heißt es da, und später ist die Rede vom "Ende jedes Tages", und man wundert sich, wie sich da eine mit Annäherungswerten an das Regelsystem der Grammatik zufrieden gibt.

Die Übersetzerin, Jahrgang 1967, denkt sich nicht viel, das passt zu einem Erzähler, den Marcelo Birmajer, Jahrgang 1966, auf den Weg schickt und der sich auch nicht viel denkt. Javier Mossen, ein ewiger Gute-Laune-Held, ist angestellt bei einer Tageszeitung, als Taugenichts ist er bestrebt, ohne Aufwand durchs Leben zu kommen. "Vom Schicksal wollte ich, dass es mich in Frieden ließ. Mit Mühe hatte ich in meinem Job ein Hintertürchen gefunden: durch die Redaktion zu vagabundieren und den Chefs eine allzeit geschmeidige Feder anzubieten."

Mit einem Drückeberger von Erzähler ist kein Staat zu machen

Doch mit der Gelassenheit sollte es vorbei sein, als Mossen einen nach Israel ausgewanderten Argentinier interviewen soll, dem seine Geschichte als ehemaliger Untergrundrebell nachhängt. Mit einem Schlag befindet sich der Erzähler in der Lage, Farbe bekennen zu müssen. Der ominöse Elias Traum bietet Anlass, einen Artikel über argentinische Guerillazellen der siebziger Jahre und über die jüdische Identität zu schreiben. Keine gute Basis für jemanden, der alles, was "persönliches Engagement" fordert, meidet. Aber dieser Erzähler ist von vorsätzlich hartnäckiger Begriffsstutzigkeit, und deshalb schreibt er vorwiegend von sich. Die verschwiegenen Kapitel argentinischer Geschichte bleiben derart vage, weil mit einem Drückeberger als Erzählhelden weder ein Staat noch ein Roman zu machen ist.

Alles, was über die Geschichte der Montoneros, diesem rätselhaften Guerilla-Kommando, mitgeteilt wird, geschieht in Dialogform. Und das wiederum auf aberwitzig mickrigem Niveau: "Ich glaube, dass meine Freunde ohne deren schwachsinnige Ideen noch leben würden. Oder besser gesagt: Ohne diese Organisation hätten meine Freunde nicht diesen Irrsinn begangen." Und was hat es mit diesen "schwachsinnigen Ideen" und mit diesem "Irrsinn" auf sich?

Bevor er konkret wird, verkrümelt sich der Erzähler ins Ungefähre, spart sich eine Beschreibung der Verhältnisse, die Untergrundbewegungen hervorbringen und drückt sich um die Pflicht, plausibel darzustellen, wie die Gegenwelt zum herrschenden System aussieht. Wir stoßen auf Reizwörter, mit denen wir ein Auskommen finden müssen. So ist dem Roman das Herzstück abhanden gekommen, jener pulsierende innerste Kern, der eine Geschichte am Brennen hält, das pochende Energiezentrum der Prosa, das alle Abschweifungen und Nebenzweige einer übergreifenden Idee gefügig macht.

Wussten Sie schon? Frauen sind willig und üppig!

Eigentlich, seien wir ehrlich, wollte Birmajer keinen politischen Roman schreiben. Und mit dem Judentum will er auch nichts zu schaffen haben. Das Material zu einer Spannungsgeschichte hat er verkommen lassen, um seiner tatsächlichen Vorliebe, der Erotik, ungehemmt zu frönen. Hier, und nur hier, ist der Erzähler hellwach. Aber weil Birmajer den ganzen so verkorkst angelegten Roman dem geheimen Gesetz der Erotik unterwirft, kommt er zu haarsträubenden Schlüssen. Die "Frauengeschichten", von denen ständig die Rede ist, unterminieren das so ehrenwerte Projekt eines Zeitromans. Der Erzähler ist triebgeleitet, das bindet all seine Energien. Auf der zweiten Seite schon steht ein verräterischer Satz, von dem sich das ganze Buch nicht mehr erholen soll. Javier Mossen befindet sich im Zimmer des Chefredakteurs, wo er seinen Auftrag entgegennimmt.

Und welcher Gedanke streift sein müdes Gehirn? "Im Grunde wusste ich nichts über seine sexuellen Vorlieben." Zum Glück wissen wir alle wenig über die sexuellen Vorlieben unserer Vorgesetzten, es kümmert uns auch wenig. Javier Mossen aber ist gesteuert von diesem einen Gedanken, allüberall die Triebfeder Sex aufzuspüren. Seine Lebensgefährtin hat ihn verlassen, weil er eine Nachbarin allzu gründlich in Augenschein nahm. Er trifft keine Frau, die er nicht lüstern taxiert, die Empfangsdame in der Zeitungsredaktion ("Bestimmt hatte sie das Hinterteil einer unzähmbaren Stute, höchstenfalls gezähmt durch die hohen Herren der Zeitung") ebenso wie Frauen auf der Straße oder am Strand.

Höchstenfalls - um eine schöne Wortkreation der Übersetzerin aufzugreifen - haben wir es mit einem Fall akuter Erotomanie zu tun. Als der Erzähler am Flughafen niedergeschlagen wird - der Roman ist über seine Anfangsgeschwindigkeit noch nicht hinausgekommen -, erzählt er seiner ehemaligen Freundin, bei der er um Zuflucht heischt, dass er abgelenkt war. Tatsächlich stellte er sich, als er die Megaphonstimme einer Frau hörte, vor, wie die Frau, die zur Stimme gehört, "im Bett sein würde".

Keineswegs dürfen wir dem Erzähler Javier Mossen die ganze Schuld aufladen, für die Konstruktion des Romans muss der Autor Marcelo Birmajer gerade stehen. Er hat diese windige Figur erfunden, er hat sich diese wunderliche Geschichte ausgedacht, die letztlich alle Erklärungen im Erotischen findet. Der Erzähler bekommt die sexuellen Vorlieben seines Chefredakteurs schon noch heraus. Er liebt Kinder. Und selbst die stumme Bedrohung, die wie ein Fatum über den Roman verhängt ist, dass man sogar um Leib und Leben des Erzählers und seines Interviewpartners fürchten muss, löst sich unglaublich albern auf: Cristina, eine einflussreiche Frau, heiratet einen mächtigen Mann, der es als störend empfindet, dass Javier Mossen dabei war, als es seine Zukünftige in ihrer Jugend mit drei Burschen gleichzeitig trieb.

Die ganze Politik ein einziger sexueller Rausch? Birmajer stopft den Roman voll mit Fundstücken aus der Trivialliteratur. Frauen sind üppig und willig, plötzlich und unerwartet ergeben sich dramatische Wendungen, die durch keine innere Logik begründet sind, die Sprache setzt auf gefälschte Poesie, die Kitsch heißt: "Das Zittern bewegte die Luft, und diese Luft sandte die Nachricht von ihrer Schönheit und ihrer Schutzlosigkeit in die Welt."

Aber ein kräftiges Porträt der Großstadt Buenos Aires fällt doch ab? Keineswegs. Es dürfte kaum einen Autor geben, der so unbeholfen mit einem derart dankbaren Motiv verfährt. Nie wird auch nur im Ansatz die Stadt sichtbar, sie bleibt eine dürre Ansammlung von Namen: "Wir waren die Callao entlanggegangen und hatten die Santa Fe überquert, nun standen wir auf einem der Gehwege der Paraguay."

Und warum erscheint solch ein Buch im renommierten C. H. Beck Verlag? Ja, das möchte man gern wissen.

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