Das Aquarium von Thommie Bayer, 2002, EichbornDas Aquarium.
Roman von Thommie Bayer (
2002, Eichborn)
Besprechung von Helmut Schönauer, 20.04.2002:

"Jetzt solzialarbeiterst du schon wieder!" Nicht nur von der Sprache her, tut sich im Roman allerhand Neues auf, auch die Grundkonstellation ist ein permanentes Update. Das Aquarium ist ein ziemlich durchsichtiger Bungalow, in dem eines Tages eine Frau im Rollstuhl einzieht.

Ab jetzt gibt es Voyeurismus pur, der Beobachter legt schließlich ganze Fallengänge mit e-Mails aus und es entwickelt sich bald einmal eine heftige erotische Angelegenheit.

Immer wieder enden die erzählten Kontaktpartikel mit dem @-Zeichen, es handelt sich eben um einen waschechten E-Mail-Roman, nicht nur in der Dramaturgie, sondern auch in der Sprache, im permanenten Chat, in der verzückten Magie des PC.

Aber im letzten Drittel wird der erotische E-Mail-Roman zu einem knallharten Krimi, es geht um Versicherungsbetrug, Finanzierungsdesaster und letztlich gar um so etwas wie Eifersucht.

Auf der ersten Ebene liest sich der Roman schnell und fetzig, bald dämmert es dem Leser, daß es hier auch um Kulte und Gegenwartsrituale geht. Das Aquarium ist ein scharfer Anschnitt der Geschichtswurst, die Rollen sind ausgewogen verteilt zwischen Konsumenten und Medienhandwerkern. So gibt es jede Menge Tontechniker, Filmboys, Medienheinis und alle schwirren mit hoher Geschwindigkeit digital durch den gesellschaftlichen Raum. Der Beobachter hat gerade einen Verkehrsunfall hinter sich, die Frau im Rollstuhl offensichtlich auch, und dennoch gibt es seitenlange Überlegungen, welches Kabrio zu welcher Krawatte paßt.

Thommie Bayer erzählt cool und süffisant, der Roman ist ja auch als Hörbuch erschienen, und die Interpretation durch den Autor sind ein beißender Genuß.

Gesellschaftskritik muß nicht bodenlos schwer sein, wenn sie in Deutschland stattfindet, sie kann auch listig und luftig sein. Und transparent wie ein Aquarium, in dem sich die toten Gesellschaftshaie gegenseitig beim Geld-Ablaichen beobachten. "Meine Arbeit war eigentlich das Falsche für mich, und wie alle, die sich im Falschen einrichten, verteidigte ich sie mit Klauen und Zähnen." (22).

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

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