Das andere Kind von Charlotte Link, 2009, BlanvaletDas andere Kind.
Roman von Charlotte Link (2009, Blanvalet).
Besprechung von Britta Bingmann in der WAZ vom 27.9.2009:

Elend, Angst und Grauen bei Charlotte Link
Geschickt verflochtene Handlungsstränge, spannend bis zum Schluss, am Ende aber doch ohne Herz: Charlotte Links neuer Roman "Das andere Kind".

Es gibt Dinge, auf die kann man sich verlassen. Darauf, dass die Sonne abends untergeht. Und darauf, dass man ein Buch von Charlotte Link nicht aus der Hand legen kann. Jedenfalls nicht, bevor man das Ende kennt.

Tödliche Katastrophe

Das ist auch bei ihrem neuen Roman nicht anders. „Das andere Kind” ist zwar prompt in die Verkaufs-Charts geschossen, hat aber trotzdem kaum das Zeug dazu, ein Lieblings-Schmöker zu werden. Spannend ist es, zweifellos. Aber zu einem Meisterwerk fehlt ihm etwas. Es nimmt den Leser nicht wirklich mit.

Charlotte Link, die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart, erzählt eine Geschichte von Schuld und Rache, die weit in die Vergangenheit reicht. Schauplatz ist wieder einmal die nordenglische Küste, eine trügerische Idylle. Zur unerwarteten Verlobung ihrer alten Freundin Gwen kommt Leslie Cramer her. Die Ärztin hat gerade ihre Scheidung hinter sich, freut sich auf ein paar unbeschwerte Tage bei der Großmutter. Doch die Feier mit dem zwielichtigen Bräutigam endet in einer tödlichen Katastrophe. Und zudem erfährt sie Dinge aus dem Leben ihrer Großmutter, die ihr eigenes Leben in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Menschliche Abgründe

So weit, so gut: Link versteht es, die verschiedenen Handlungsstränge kunstvoll zu verflechten. Der stärkste Strang ist dabei zweifellos die Kriegserzählung. Mit einfachen Worten werden in diesen kurzen Rückblicken nachdrücklich Elend, Angst und Grauen geschildert. Menschliche Abgründe tun sich auf.

Leider aber bietet die Geschichte dem Leser nichts an, woran er sich wieder hochziehen könnte. Dazu fehlt vor allem eine Hauptperson, zu der man echte Empathie entwickeln möchte. Weder die verbitterte Ärztin noch die kaltschnäuzige Großmutter, weder die unscheinbare Braut noch der seltsame Bräutigam haben das Zeug dazu. Und auch die Kommissarin, obwohl mit all ihren seelischen Nöten geschildert, bleibt uns seltsam fremd. Zu viel wird angerissen, zu wenig zu Ende geführt. So fehlt der Geschichte die Mitte, fehlt ihr das Herz. Schade.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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