Darum von Daniel Glattauer, 2003, Deuticke

Darum
Roman von Daniel Glattauer (2003, Deuticke).
Besprechung von Martin Prinz aus Rezensionen-online *LuK*:

Fraglos
Zu Daniel Glattauers Roman "Darum"

Im Teletext findet sich heute die Meldung, ein Achtzehnjähriger habe in der vergangenen Nacht seine Großmutter ermordet. "Der Bursche gab an, er habe wegen hoher Spielschulden Selbstmord begehen, aber nicht alleine sterben wollen. Nach dem Mord habe ihm der Mut gefehlt, sich selbst zu töten."

Zwölf Zeilen benötigt der Teletext- Redakteur, um in dieser Nachricht das Wann ("in dieser Nacht"), das Wo ("in Oberösterreich"), das Wie ("Kehle mit dem Messer durchgeschnitten") und das Warum ("hohe Spielschulden … fehlender Mut") anzuführen.

Warum? Darum. Schon ist der Fall in seiner Tagesaktualität scheinbar erledigt. Ob er im Laufe des Prozesses wieder in der Wahrnehmung eines Medien-Junkies, wie ich einer bin, auftauchen wird, hängt davon ab, welche Fragen sich noch stellen.

Bei einem Buch sollte das nicht anders sein. Das ist eine grundsätzliche Anforderung, die selbst angesichts all jener Argumente, die üblicherweise zwischen Unterhaltungsliteratur und angeblich anspruchsvollerer Belletristik (wie sie Glattauers Hauptfigur stets aufs Plakativste ausführt) in Stellung gebracht werden, nicht unter den Tisch fallen darf: Ein Buch muss Fragen stellen, sonst bleibt der Leser mit einer einzigen, kopfschüttelnden übrig: mit einem nur noch resignierenden Warum?

Daniel Glattauers Roman "Darum" erzählt von einem Gerichtsaalsreporter und ehemaligen Verlagslektor, der einen ihm unbekannten Mann erschossen hat. Warum?, das sollte man sich am Beginn fragen, um durch einen gutsitzenden Spannungsbogen in das schlussendlich nicht zur Gänze fraglose Darum geführt zu werden. Doch genauso wenig, wie sich einem dieses Warum tatsächlich entgegenstellt, fesselt die ins konstruiert platte Darum leitende Story: denn Glattauers Hauptfigur, Jan Haigerer, ist ein Mörder, weil er ein Buch geschrieben hat. Das ist kein Scherz. Das ist das Ende dieses Romans. Und zwar in jeglicher Hinsicht. Das Buch Jan Haigerers, das er natürlich unter einem Pseudonym, dem Namen seiner Hauptfigur, verschickte, ist von vierzehn "großen deutschen Verlagshäusern " abgelehnt worden. "Gute Bücher sind gelebte Bücher", antwortet ihm einer dieser Lektoren: "Nur ganz große Autoren können Bücher leben, ohne sie erlebt zu haben. Verzeihen Sie mir, Herr Lorenz: Sie sind keiner dieser ganz, ganz Großen. Bleiben Sie beim Faktischen, halten Sie sich an Dingen fest, die aus ihrem Alltag entstehen. (…) Xaver Lorenz - das sind Sie, ein braver Schreiber, ein sensibler Geist, ein redlicher Mensch, ein freundlicher Kollege, wahrscheinlich ein guter Familienvater, wie ihre Romanfigur. Xaver Lorenz kann kein Mörder sein. Da hat Ihnen die Fantasie übel mitgespielt. Diesen Spagat schaffen Sie nicht. Das liest man aus jeder Zeile heraus. Herr Lorenz, dieses Buch ist substanzlos. Anspruchsvolle Leser lassen sich nicht für dumm verkaufen. Ihre Geschichte will authentisch klingen. Aber sie ist unglaubwürdig. Ihre Geschichte scheitert an Ihnen selbst. Sie sind ein zu guter Mensch dafür." Der Empfehlung dieses Lektors, sein Manuskript "zur Seite" zu legen und etwas anderes zu beginnen, "vielleicht mit etwas Fröhlichem", folgt Haigerer natürlich nicht, sondern versucht, die fehlende I K Gewalttat nachzuholen. Mit diesem Vorhaben und seiner Ausführung beginnt auch Glattauers Buch. Was nicht ganz stimmt, denn dem ist, wie es sich für eine solche post-romantische Verschachtelung von Fiktion in Fiktion gehört, wiederum ein Zitat aus dem erwähnten Haigerer/Lorenz- Roman vorangestellt. Dazwischen wird von den verschiedensten öffentlichen wie privaten Ungläubigkeiten in Zusammenhang mit Haigerers Mord berichtet, die in konsequenter Durchmischung dieser beiden Wahrnehmungbereiche in eine Beziehungsgeschichte mit einer rotgelockten Untersuchungsrichterin münden. Diese bewahrt den zaghaften und immer wieder selbstmitleidigen Haigerer (schließlich hat ihn seine langjährige Freundin Delia am Tag des entscheidenden und letzten Ablehnungsschreibens in Richtung eines französischen Literaten verlassen, dem in Glattauers Buch bzw. in Haigerers Kopf alle nur erdenklichen Literatur-Dünkel dieser Welt gelten…) letztlich vor der Gefängnisstrafe und erreicht zudem, was vierzehn Lektoren der größten deutschen Verlagshäuser nicht gelungen ist: Haigerer vernichtet sein Manuskript.

Wie sehr wünschte man sich angesichts all dessen, es ließe sich tatsächlich leichterhand in so unglaubwürdiger Weise in das Räderwerk aus vorgeblicher Dichtung und angeblicher Wahrheit eingreifen, wie das Daniel Glattauer in seiner Warum- Darum-Romananordnung vorzuführen versucht. Einiges würde man, selbst ohne Kenntnis dieses Buches, unternommen haben, um dem Lorenz/Haigerer-Roman sein Erscheinen in einem der "großen deutschen Verlagshäuser" letztlich doch ermöglicht zu haben. Einzig und allein in der Hoffnung, Daniel Glattauer hätte daraufhin ein anderes Buch als "Darum" geschrieben, das nicht nur hinter seiner eigenen Arbeit als Gerichtssaalreporter weit zurückfällt, sondern auch hinter jene kurze Teletext-Meldung, die geradezu notgedrungen jene Lücken, Zweifel und Irritationen über das Berichtete offen lässt, die Glattauer auf dreihundert Seiten zukleistert.

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