1.) - 2.)
Darkroom.
Roman von Rujana
Jeger (2001/2004, Beck - Übertragung Brigitte Döbert).
Besprechung von Uwe Schütte in der Frankfurter Rundschau, 29.6.2004:
Das Leben, ein Darkroom
Sieh an, die Oberfläche ist tief: Rujana
Jegers Memoiren über eine kroatische Jugend zwischen Bomben und Pop
Keine schlechte Wahl: "Die
erste Platte, die ich mir selbst gekauft habe, war Raw Power von Iggy and the
Stooges." Erworben hat sie Morana auf einem Flohmarkt. Anstatt damit direkt
nach Hause zu gehen, macht sie noch bewusst einen Umweg durch die Stadt, vorbei
an Cafés und dem Schulgebäude, "denn diese Platte unterm Arm gab mir die
Kraft, das Gefühl, etwas Seltenes zu kennen und zu besitzen, den Wunsch, dass
wir uns erkennen möchten. Wir Wissenden." Der Pop, genauer gesagt: der
ungestüm primordiale Rock aus Detroit als Freiraum und geheimbundhaftes
Erkennungszeichen. Doch keine Sorge: Darkroom erzählt nicht noch eine
weitere dieser wohlbekannten Jugendmemoiren über Popsozialisation in Berliner
Mittelklasse-Vierteln oder grauen Provinzkäffern, mit denen sich junge Autoren
subkulturelle credibility andichten.
Nein, Morana lebt in Kroatien. Das Leben dort während der siebziger Jahre
gestaltet sich etwas anders, als man sich das wohl aus westlicher Perspektive
vorstellt. Zumindest für Morana mit ihren zwischen liberalem Anarchismus und
hippiehaftem Buddhismus schwankenden Eltern. Die Mutter eine Kroatin, der Vater
ein Serbe - in der Familie spielt das keine Rolle, doch in der jugoslawischen
Gesellschaft zeichnen sich die ethnischen Spannungen schon deutlich ab, die später
zum blutigen Bürgerkrieg führen sollten.
Erzählt wird das Buch aus der Perspektive der Dreißigjährigen: Morana lebt
schon seit geraumer Zeit in München und beobachtet die Auflösung Jugoslawiens
während der neunziger Jahre aus der Distanz. Die Gegenwart im deutschen Exil
verbindet sich mit den Erlebnissen aus der, in mancher Hinsicht, unwiderruflich
verlorenen Welt der Kindheit und Jugend. Mosaikartig fügt sich Darkroom
zusammen aus Kindheitserinnerungen, Emails und Briefen, Erzählungen von
Freunden und Familienmitgliedern, und manchem mehr. Komische Szenen reihen sich
an literarisch prägnante Schnappschüsse, Dialogfragmente verbinden sich
assoziativ mit aphoristischen Gedankensplittern. Es ist dies ein
schriftstellerisches Verfahren, das nicht ingenieurmäßig nach vorgefertigtem
Plan vorgeht, sondern das wilde Chaos des Lebens in seiner ungeordneten Schönheit
einzufangen versucht.
Morana, wie unschwer zu erkennen, ist das alter ego der Autorin Rujana
Jeger. Sie wurde 1968 in Zagreb geboren als Tochter von Slavenka
Drakulic, einer der bekanntesten Schriftstellerinnen Kroatiens. Das
Schreiben ist für Jeger insofern Familienangelegenheit, doch kommt die Tochter
eher aus der journalistischen Ecke. Sie verfasst regelmäßig Kolumnen für die
kroatischen Elle und Cosmopolitan. Das ist ihrem Debütroman
durchaus anzumerken. Nicht etwa, weil Darkroom Lebenshilfe und Aufklärung
in sexuellen Dingen vermitteln will, sondern weil Jeger ihre Geschichte in einem
unaufgeregten, ungezwungenem Stil erzählt. Gerade das macht ihr Buch so
lesenswert: Weder wird krampfhaft nach einprägsamen Formulierungen gesucht,
noch inszeniert sich Morana zur Beförderung der Verkaufszahlen als Teil einer
jugoslawischen generation X. Stattdessen macht sie, was sie am besten
kann: einfach drauflos erzählen.
Sie berichtet von Konflikten mit den Eltern, dem gemeinsamen Musikhören mit
Freunden, Moranas Ungenügendheitsempfindungen gegenüber dem eigenen Körper;
Erfahrungen also, die auch in anderen Biografien zu finden sind. Doch dann überrascht
Jeger immer wieder mit Geschichten, die so eben nur in Jugoslawien passieren
konnten. Beispielsweise berichtet sie von ihrem schwulen Freund Kristijan, der
im Hite Report von einer Frau las, die "im Augenblick des Orgasmus
Raketen und Schüsse hört. Wir lachten darüber. Im Frühsommer hatte Kristijan
was mit einem Bosnier. Eines Tages hörte er während seines Orgasmus Raketen
und Schüsse. Unglaublich, dachte er. Sie hat nicht gelogen! Das Geräusch kam
von draußen. Unter dem Fenster lag die Marschall-Tito-Kaserne. Der Krieg hatte
begonnen."
Exemplarisch sind die Erfahrungen Moranas dennoch, nämlich für all diejenigen
zwischen Dreißig und Vierzig, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht zum
Mainstream ihrer Generation gehören. Diejenigen also, die sich weder begeistert
an ethnischen Säuberungen und nationalistischen Kriegen, noch am neoliberalen
Feldzug zur Ausplünderung von Gesellschaft und Sozialstaat beteiligen. Es wird
erkennbar, wie sich die Schicksale in Ost und West gleichen, wie nach der
Kindheit während der siebziger Jahre unter vergleichsweise stabilen Verhältnissen
die sozialen Ordnungen während der Achtziger beidseits des Eisernen Vorhangs zu
kippen beginnen, so dass in den neunziger Jahren schließlich Vorstellungen wie
Utopie oder Solidarität endgültig zugunsten von Mordgelüsten und Habgier
abdanken mussten.
Gerade in einer solchen Welt der Entwurzelung wächst das Bedürfnis nach einer neuen, einer anderen Heimat jenseits des gesellschaftlichen Wahnsinns. Diese Heimat, für Morana wie ihre Seelenverwandten, ist der Pop. Deswegen die zahlreichen Erwähnungen und Anspielungen auf Popmusik von Iggy Pop über Lou Reed bis zu den Cramps und anderen, die in Darkroom zu finden sind. Insofern ist dieses bemerkenswerte Debüt Popliteratur im besten Sinne. Ein Roman, der die oberflächenverliebten, aber inhaltsleeren Herzergießungen dessen, was sonst zumeist von zeitgeistbewegten Autoren produziert wird, weniger in den Schatten stellt als vielmehr beschämt.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie in der
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1004 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
***
2.)
Darkroom.
Roman von Rujana
Jeger (2001/2004, Beck - Übertragung Brigitte Döbert).
Besprechung von Dorothea
Dieckmann aus Die Zeit, 8.7.2004:
Erinnerungssplitter, Alltagstrümmer
Rujana Jegers Nachkriegsmosaik »Darkroom«
zeigt Europa als Comic: Grotesk, traurig und ausgelassen
Die Kroatin Rujana Jeger ist 1968 geboren, als im Westen die blaue Blume rot wurde und im Osten die Panzer den Frühling beendeten. Wie ihre Landsleute Zoran Ferić und Miljenko Jergović, die in der ethnisch fragmentierten Heimat weiterleben und -schreiben, war sie gerade erwachsen, als der jugoslawische Staat in blutigen Schüben auseinander brach. Aufgewachsen mit den Utopien von Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll, die nach Titos Tod in die realsozialistischen Lebensverhältnisse einsickerten, und mit der Wende dann endgültig in die realkapitalistische Konsumgesellschaft katapultiert, musste diese Generation erfahren, wie der Krieg das mühsam neu zusammengesetzte Weltbild ein weiteres Mal zersplitterte. Ihr Leben liegt in bunten Scherben, gespiegelt in einer postmodernen, aber keineswegs verspäteten Literatur, grotesk, traurig und ausgelassen.
Nirgendwo wird das so deutlich wie in Rujana Jegers im Jahr 2001 veröffentlichten und nun mit brillanter Leichtigkeit ins Deutsche übersetzten Erstling, einem Mosaik aus den Erinnerungssplittern und Alltagstrümmern, die ihre Zusammengehörigkeit nur noch dem Namen nach unter der Bezeichnung Roman behaupten können. Eine in alle Winde verstreute Gruppe von Menschen wird hier noch einmal rund um ein Ich versammelt, das Herkunft und Zukunft, Liebe und Politik, Wunsch und Realität weniger in wilden Assoziationen als vielmehr in winzigen Episoden reflektiert. Morana ist Tochter eines Althippie-Paars, das Vegetarismus, Buddhismus, Akupunktur und Aura-Philosophie praktiziert; der Vater lebt in San Francisco und heiratet jedes Mal eine Jüngere, die Mutter ist auch nicht zum ersten Mal geschieden.
Es gibt alles, was es seit dem Krieg eigentlich nicht mehr geben darf, und indem es in diesem Buch durcheinander gewürfelt wird, schärft sich die Wahrnehmung dafür, aus welch disparaten Realitätsschnipseln sich der Balkan zusammensetzt. Zusammengesetzt sind nicht nur die Nationalitäten und die Familien, sondern auch die ersten selbst gebauten Zigaretten namens Filter 160 Menthol, die politischen Ideologien, die jugendliche Subkultur, die Kochrezepte und die Geschlechterrollen. Selbst der Krieg ist nur einer der vielen Inhaltsstoffe dieser Mixtur. Wenn einem nach dem Einkauf im benachbarten Österreich plötzlich eine Panzerkolonne auf der Autobahn entgegenrollt, wenn sich der Großvater sorgt, dass der Friedhof bei seinem Begräbnis immer noch nicht von Minen befreit sein wird, dann verwandeln sich die Erinnerungen an den archaischen Zerfall Jugoslawiens in Comicbilder, die Szene für Szene in direkter Nachbarschaft von Kindheitseindrücken, Mittelmeeridyllen, Exilimpressionen und schrägen Schwulengeschichten aufleuchten. »Ich sitze in einem Café und heule. Es ist Krieg, 1992. Kristijan hat eine Zeitungsnotiz ausgeschnitten, die Leute sollen Plastiktüten mit in den Schutzkeller nehmen für ihre Notdurft. Ich heule weiter. Was ist?, fragt Kristijan, willst du in eine Tüte scheißen?«
Rujana Jegers Ton vermeidet die avantgardistische Coolheit, die bisweilen in der jungen osteuropäischen Literatur so bemüht an den Tag gelegt wird, als gälte es, die westlichen Achtziger und Neunziger zu übertreffen. Sie präsentiert keine postmodernen Bruchstücke, sondern entwirft poetische Glossen von zwei Zeilen bis vier Seiten, immer pointiert, aber nie glatt. Vielleicht ist diese Form ein wenig zu journalistisch, zu anekdotisch, vielleicht aber auch die einzige Möglichkeit, von fern an die verlorene Ganzheit und Geschlossenheit zu erinnern. Wer in Europa könnte diese Orientierungslosigkeit deutlicher empfinden als diejenigen, die aus diesem frisch »zerfleischten« Land erzählen? Rujana Jeger hat dafür die Metapher vom Darkroom erfunden, in dem – mit den Worten des Experten Kristijan – keiner weiß, wer wen wie fickt, und der dennoch »zu aufregend [ist], als dass du einfach so rausgehen könntest«. Ich meine, der Ort, der die Essenz dieses Buches noch treffender kennzeichnet, ist eine Einkaufsstraße in Jegers Geburtsstadt Zagreb, die im Schlussbild erscheint: Alles und nichts erinnert an die Zeit der ersten Barbie-Puppen und Walkmen, der ersten Lieben und Kinogänge, und der Lieblingsladen ist zu einem Ramschgeschäft mit Markenimitaten verkommen. Wo die Jungen vor der Zeit alt werden und zurückblicken, wo Heimat nur noch Heimweh bedeutet, da überschneiden sich die Linien von Krieg und Kindheit, Geschichte und Biografie, und da erscheint das ganze Europa – in einem Comic-Kästchen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.die zeit.de]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1004 LYRIKwelt © Die Zeit/Dorothea Dieckmann