Dann fiel auf einmal der Himmel um. Inge Müller.
Die Biografie von Ines Geipel (2002, Henschel-Verlag).
Besprechung von Michael Braun in freitag 13 vom 22.3.2002:

Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen
ARBEIT AN DER VERLORENHEIT 
Ines Geipel legt die erste umfassende Biographie der Dichterin Inge Müller vor

Am Rand des Königswegs unserer abendländischen Dichtergenies liegt immer eine Frauenleiche. Diesen lakonischen Befund hat Klaus Theweleit schon 1988 in seinem Buch der Könige auf über 1400 Seiten ausgebreitet, und es sieht so aus, als füge die Geschichte des Dichterpaars Heiner und Inge Müller den mörderischen Produktionsverhältnissen der Dichter-Liebe nur eine weitere tragische Fußnote hinzu. Nachdem sie sich die beiden unbekannten Dichter im Herbst 1953 auf der Tagung einer "Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren" in Berlin kennen gelernt hatten, schien sich der Raum zunächst zu öffnen für die poetische Produktionsgemeinschaft eines unzertrennlichen literarischen Traumpaars. Ein, zwei glückliche Jahre lang durfte sich Inge Müller, die bis dahin als Kinderbuchautorin und Schlagertexterin gearbeitet hatte, in der Illusion wiegen, den idealen Partner für das Schreiben mit "einer einzigen Hand" (Petrarca) gefunden zu haben. Noch vor der Scheidung von ihrem zweiten Ehemann, dem Zirkusmanager und SED-Günstling Herbert Schwenkner, erprobte sie mit Heiner Müller an ihrem Wohnort in Lehnitz bei Oranienburg den Aufbruch in die ästhetische Utopie - den Traum vom autonomen dichterischen Sprechen zweier gleichrangiger Stimmen. In dieser Zeit entstehen einige gemeinsame Gedichte, in denen sich die Liebesakteure reichlich mit rührendem Sentiment versorgen. Literarisch nachhaltiger ist da schon die gemeinsame Arbeit an den Produktionsstücken Die Korrektur, Der Lohndrücker und Die Umsiedlerin, für die Heiner Müller später umstandslos die alleinige Autorschaft reklamiert. Als das Dramatikerpaar Heiner und Inge Müller 1959 den Heinrich-Mann-Preis der DDR erhält, hat sich der Traum von der poetischen Symbiose schon längst verflüchtigt. Aus der dialogisch begonnenen Lyrik und der Idee von der Künstlergemeinschaft hatte sich Heiner Müller schon 1956 verabschiedet zugunsten seiner späterhin legendären monologischen Alleingänge und seiner zunehmend katastrophischen Vision von Geschichte.
All die schönen Idealismen von der symbiotischen Einheit eines Dichterpaares und vom Schreiben als "unendliche Paarung" (Rilke) haben also auch im Falle Heiner und Inge Müller vor den einsamen "Produktionszwängen" des Dichterkönigs kapituliert. Stattdessen erfüllte sich auch hier die grausame literaturgeschichtliche Regel, die Theweleits Buch der Könige nahe legt: Die anfänglich hymnisch angebetete Geliebte mutiert alsbald zur "Mitarbeiterin", Assistentin oder Schreibmaschinistin, der gnädigerweise "Sex for text" (John Fuegi) gewährt wird. Im Fall von Inge Müller verzehrt sich der weibliche Part des Paars in ungestilltem Liebesbegehren, reagiert auf den Rückzug des Partners zunächst mit psychosomatischen Beschwerden, danach mit schweren Depressionen und schließlich, da der Dichterkönig immer mehr seinem künstlerischen Autismus folgt, mit Suizid.
Nach ihrem Selbstmord am 1. Juni 1966 verschwand Inge Müller umgehend aus den Annalen der DDR-Literaturgeschichte. Kurz nach ihrem Tod hatte der Aufbau Verlag den vergeblichen Versuch unternommen, ihre seit 1957/58 entstandenen Gedichte in einer Ausgabe vorzustellen. Für die paranoiden Literaturpolitiker der DDR bedeutete es indes eine Zumutung, eine Selbstmörderin als lyrische Entdeckung präsentieren zu sollen. Dass hier eine Autorin in knappen bitteren Fügungen von traumatischen Erfahrungen des Verlusts und der Angst sprach, brüskierte zudem die verbissenen Positivitäts- und Pathos-Doktrinen der SED-Kulturpolitik. Erst ein Jahrzehnt später gelang es Bernd Jentzsch in der populären Reihe Poesiealbum eine erste kleine Auswahl von 37 Gedichten zu veröffentlichen. Dann dauerte es noch einmal zehn Jahre, bis 1985 Richard Pietraß den poetischen Rang Inge Müllers in dem Auswahlband Wenn ich schon sterben muss demonstrieren durfte - freilich mit extrem schwacher Resonanz. Erst dreißig Jahre nach ihrem Tod erlebte die Dichterin Inge Müller eine Wiedergeburt - dank des Auswahlbandes, den die Schriftstellerin und Literaturhistorikerin Ines Geipel 1996 für den Aufbau Verlag zusammenstellte.
Ines Geipel hat nun auch den Versuch unternommen, das von traumatischen Erfahrungen und extremen Widersprüchen zerrissene Dichterleben der Inge Müller in einer umfassenden Biographie zu beschreiben. Es ist eine Biographie, das wird schon nach wenigen Seiten deutlich, die mehr auf Einfühlung als auf Distanz zum Stoff vertraut. In ihrer Mimesis an die tragische Heldin Inge Müller verliert sich Ines Geipel streckenweise in erzählerisch-fiktive Konstruktionen, die wenig mit biographischer Genauigkeit, dagegen viel mit sympathetischer Identifikation zu tun haben. Gleich zu Beginn versucht sich die Biographin in einer poetischen Ausdeutung einer Kindheitsfotografie Inge Müllers, und wandert schon hier auf der prekären Grenze zur lyrischen Spekulation. Auch in späteren Kapiteln lässt sie sich gelegentlich zur erzählerischen Nachkolorierung bestimmter Urszenen in Inge Müllers Leben hinreißen. Dennoch ist hier die bislang materialreichste Studie zur Dichterin Inge Müller entstanden, die besonders in den Kindheits-Kapiteln sehr viel mehr an Lebensstoff ausbreitet als der biographische Essay Jürgen Serkes (Zu Hause im Exil. Dichter, die eigenmächtig blieben in der DDR, Piper Verlag, 1998), die bislang konziseste Arbeit zur Dichterin.
Eine besonders dichte, packende Schilderung gelingt Ines Geipel in den Kapiteln über Inge Müllers Jahre im Endstadium der Hitler-Diktatur. Die Zeit der totalen Mobilmachung erlebt die 18-, 19-jährige im Reichsarbeitsdienst an verschiedenen Einsatzorten in der Steiermark, bis sie als Luftwaffenhelferin zum Endkampf nach Berlin beordert wird. Dort erlebt sie das maßlose Toben der Zerstörung und wird kurz vor Kriegsende unter den Trümmern eines einstürzenden Hauses verschüttet. Diese traumatische Erfahrung hat sich in ihre intensivsten Gedichte eingeschrieben: Und dann fiel auf einmal der Himmel um / Ich lachte und war blind / Und war wieder ein Kind /Im Mutterleib wild und stumm / Mit Armen und Beinen die ungeübt stießen / Und griffen und liefen.
Die Schwierigkeiten der Biographin beginnen beim Versuch, die schroff gegensätzlichen Charakterbilder und Selbstdarstellungen der frühen und späten Inge Müller plausibel zu erklären. Die in das Zirkusleben verliebte Vagabundin, die sich "ein Leben aus Sekt und Lachen" wünscht und als "Typ Exklusivmodel" (Geipel) in gewagtem Dekolleté die Parties im Friedrichstadt-Palast aufmischt, ist kaum in Übereinstimmung zu bringen mit der in furchtbarer Depression verstummten Dichterin der sechziger Jahre. Die mit "unglaublicher Heiterkeit" (Henry Bereska) und starker "erotischer Ausstrahlung" die Dichterfreunde becircende Hedonistin will nicht so recht passen zur Verzweifelten, die mit zahllosen Selbstmordversuchen seit 1957 ihre Umgebung in Atem hält.
Den Traum von der poetischen Symbiose mit Heiner Müller kündigt die Dichterin selbst auf, als sie sich bereits 1956 mit Wolfgang Müller, dem 16-jährigen Bruder ihres Mannes, in eine ausgedehnte Affäre stürzt. Bald darauf beginnt ihr Weg in den Abgrund der Schmerzen, der im Dezember 1957 zum ersten Mal im Tagebuch festgehalten und seither zur ständigen Tortur wird: "Ich habe Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen!...Ich will mich zwingen, gesund zu sein. Das ist eine solche Anstrengung, dass es unmöglich wird, es zu werden." Die Nacht zum 1. Juni 1966 beendet auch diese Zumutung. Über die Todesnacht seiner Frau hat Heiner Müller 1975 den Text Todesanzeige geschrieben, der von Ines Geipel leider nur unvollständig zitiert wird. Gerade an diesem Text hätte man entscheidende Einsichten über das prekäre Liebes- und Konkurrenz-Verhältnis zwischen dem Dichterpaar gewinnen können. Denn Heiner Müller übt sich hier einmal mehr in der Entmoralisierung der Wahrnehmung. Alle Erwartungen auf poetische Einfühlung und emotionale Anteilnahme werden in seiner "Todesanzeige" schroff abgewehrt; stattdessen wird der ungerührte Blick auf das Entsetzliche eingeübt. Der Dichter notiert sachlich die Details der Todesumstände und vermerkt schließlich seine "wachsende Gleichgültigkeit gegen Dasda". Eine eisige Kälte weht einen aus diesem Text an - zugleich markiert er die Differenz zwischen den beiden Schreibkonzepten. Inge Müller entschied sich für "die Arbeit an der Verlorenheit", um schließlich selbst darin unterzugehen. Heiner Müller wählte erfolgreich ein Gegenmittel: "Gegen Schmerzen helfen strenge Formen."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © Freitag 13 I Michael Braun