Damen&Herren von Dorothea Dieckmann, 2002, Clett-Kotta1.) - 4.)

Damen & Herren.
Roman von Dorothea Dieckmann (2002, Klett-Cotta).
Besprechung von FK aus Die Welt vom 7.3.2002:

Wenn aus alten Klassenkameraden lauter Damen und Herren werden
Jonny wird nicht kommen. Tobias hat schon eine Halbglatze, Petzi sieht langsam ihrer Mutter ähnlich

Achim hat doch noch promoviert. Und mitten drin sitzt Marie. Sie ist von Hamburg in ihre süddeutsche Heimat gereist, um die alten Schulfreunde wiederzusehen. Sie treffen sich in der Gaststätte "Waidmannsruh", die sie schon vor 20 Jahren frequentierten. Damals, zwischen Abitur, der Camus-Sartre-Kontroverse und unklaren Liebschaften, war das Leben noch aufregend gewesen. Jetzt begegnen einander lauter "Damen & Herren", und so hat die Hamburger Autorin Dorothea Dieckmann ihren neuen Roman auch genannt.

Nun ist der Stoff von der enttäuschenden Reise in die Vergangenheit, die einst eine gleißende Zukunft versprach, keineswegs neu. Jeder kann sich an vergleichbare Erzählungen oder Filme erinnern und sie mit eigenen Erfahrungen von deprimierenden Klassentreffen und hysterischen Wiedersehensfeiern anreichern. Doch Dieckmann webt diesen Stoff über die Lebenslügen von heute und die Aufrichtigkeit von einst, über Anpassung und verpasste Chancen, als sei er neu. Es dauert etwas, bis man sich in die Innenwelt der Heldin Marie hineingelesen hat. Doch bald sitzt man mit am Tisch im "Waidmannsruh", schwatzt, prahlt, stapelt hoch oder tief, erprobt neue Zynismen, flieht in die Distanz und greift gelegentlich nach der Zigarette, um die eigene Sprachlosigkeit zu überspielen: Warum ist man bloß so geworden?...Fortsetzung

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Damen&Herren von Dorothea Dieckmann, 2002, Clett-Kotta2.)

Damen & Herren.
Roman von Dorothea Dieckmann (2002, Klett-Cotta).
Besprechung von Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau, 22.6.2002:

Sachbearbeiter der Existenz
Dorothea Dieckmanns Roman "Damen & Herren" schabt an der Peripherie der Pubertät

"Aus der wird vor allem eine gute Hausfrau", sagten wir oft über eine Mitschülerin, die immerzu strickte und Torten erfand. Mittlerweile lebt die Betreffende als berufstätige Mutter in der Nähe von New York und hat zu beidem wohl nicht mehr viel Zeit. Ein anderes Mädchen indessen, deren internationales Wirtschaftsstudium schon vor dem Abitur feststand, betreibt heute eine Unternehmensberatung im Heimatort. Und ein Dritter, der außer im Physikunterricht nie den Mund aufmachte, offenbart auf seiner Homepage inzwischen leutseligst sein berufliches und privates Leben.

Will sagen: Man weiß nicht wirklich, was daraus wird. Was zum Vorschein kommt, wenn ein Schüler-Ich Mensch wird und seine Anlagen in der wirklichen Welt verzinsen lässt. Oft weiß man nicht einmal, was aus einem selbst geworden ist - gemessen an dem, was man werden wollte.

Womit schon alles vorbereitet wäre für die Beantwortung der Frage, warum so viele Menschen zu Klassentreffen gehen. Noch einmal auf Anfang gehen. Die Wirklichkeit auf Null und die Ansprüche auf Hundert drehen. Und dann in den Augen der anderen nach der Deckung fahnden, nach Soll oder Haben. Es gibt ja sonst keine sozialen Strukturen mehr, deren Verbindlichkeit dazu beitragen könnte, die eigenen Konturen zu schärfen. In der Tat ist der Schulabschluss für viele Leute das letzte kanonische Erlebnis ihres Lebens, danach geht es der eigenen Nase nach ins Offene.

Das Klassentreffen also ist im Alltag nicht nur der ideale Ort, sondern in der lebensgeschichtlich interessierten Literatur auch das ideale Motiv, um ins Nachdenken und ins Erzählen zu kommen. Und gerade in letzter Zeit scheint es besonders gern verwendet zu werden. Von Robert Menasses Die Vertreibung aus der Hölle über Nachthaut von Sabine Friedrich bis zu Krimis und dokumentarischen Versuchen reicht sein Verbreitungsgebiet, und Dorothea Dieckmanns Roman Damen & Herren handelt sogar ausschließlich davon. Was erstaunlich ist. Denn ausgerechnet diese Autorin, die als Literaturkritikerin und Essayistin bekannt ist, hat im November letzten Jahres in der Zeit vehement über die Zunahme populärer und trivialer Aspekte in der deutschsprachigen Literatur geschimpft. Und musste doch ungefähr zur gleichen Zeit ein eigenes Buch in den Druck gegeben haben, das nicht nur ein definitiv populäres Motiv ausarbeitet, sondern auch zur Prime Time der Rückbesinnung spielt, zwischen Weihnachten und Neujahr, und zwar in einem Jägerheim im Bayerischen. Am Anfang versuchen alle hochgestimmt einen guten Eindruck zu machen, am Ende löst sich das Ganze in Alkohol und Verzweiflung auf. Genau, ruft da doch jeder, der mit Klassentreffen seine Erfahrungen hat, genau so, wenn nicht schlimmer!

Andererseits blickt Dieckmann in der Ausführung dann doch so verengt auf ihre Szenerie, dass das Interesse einer freundlich-zugeneigten Masse schnell wieder abgewiesen wird. Keineswegs nämlich wird das Klassentreffen als Knotenpunkt einer Vielzahl von Biografien zu etwas ausgearbeitet, was man auf dem Klappentext ein Generationenporträt nennen könnte. Genau genommen spielt, was in den letzten zwanzig Jahren passierte, nur eine untergeordnete Rolle. Umstandslos nehmen die einstigen Klassenkameraden vielmehr ihre früheren Beziehungen wieder auf, nennen sich bei ihren Spitznamen (Bine, Johnny, Hotschi . . . ) und finden sich in den vertrauten Gruppierungen und Hierarchien zusammen.

Motiviert wird diese bedrückende Verschworenheit durch ein gemeinsames traumatisches Erlebnis, den Selbstmord einer Mitschülerin, der den Klassenverbund zu einer Gemeinschaft schmiedete und schockgefrostet überdauern ließ. Dramaturgisch gebraucht wird die wiedergängerische Szenerie, damit das erzählerische Ich ein eigenes Trauma aufarbeiten kann. Ein kleines, ein alltägliches Trauma. Aber nah genug betrachtet, dass es die ganze literarische Bildfläche füllt.

Es geht um Marie, ein Mädchen aus gutem Hause, das inzwischen auch schon um die vierzig ist, und in Hamburg lebt. Von den Erwartungen ihrer Eltern hat sie sich zu ihrer rebellischen Zeit losgesagt und kultiviert jetzt eine vergrübelte Randständigkeit. Zum Geldverdienen verfasst sie als Ghostwriterin wissenschaftliche Arbeiten, für das Ego schreibt sie Gedichte. Richtig dazugehören zur schreibenden Zunft möchte sie nicht, davon lassen kann sie aber auch nicht. Ähnliches lässt sich über die Männerbeziehungen ihres Lebens sagen: Stets zog sie, wenn es ernst wurde, weiter. Eine Frau, die ihre schemenhafte Existenz durch permanente Selbstbeobachtung zu festigen sucht. Jeden ihrer Lidschläge interpretiert sie, und über ihren rot geschminkten Mund sagt sie "Paradiesvogelschnabel".

Marie reist zum Klassentreffen ins Bayerische. Zum einen, wie sie sich schnell eingesteht, weil sie Richard wiedertreffen will, der sie damals nicht wirklich beachtet hatte und dennoch, womöglich gerade deswegen, zum "Prototyp aller seiner Nachfolger" wurde. Zum anderen, wie sie sich nicht eingesteht, weil sie sich bestätigen lassen will, wie vergeblich und verachtenswert es ist, wirklich teilzuhaben an dem, was man so Leben nennt: Cliquentum in der Schule, Anstellung, Familie, Bausparvertrag danach.

So kreist und kreiselt es in Dorothea Dieckmanns Buch und schabt pubertär an der Peripherie entlang. Erst betritt Marie lange den Raum nicht, in dem gefeiert wird, sondern lässt sich - "Oder gehören Sie gar nicht dazu? Sind Sie Presse?" - ihre Distinktion am Tresen vom Kellner bestätigen. Als sie dann doch am Buffet steht, erzählt sie nichts über sich, flieht panisch, als jemand ihren Gedichtband auf den Tisch legt, guckt immer weg, wenn sich der ersehnte Kontakt zu Richard ergeben könnte, geht ein ganzes Kapitel lang im Wald spazieren und landet schließlich doch mit Richard im Damenklo, wo sie ihm einen blasen soll.

Ohne Schonung wird diese Szene beschrieben: "Also senkte ich das Kinn und umschloss mit den Lippen das schlaffe Ding, und die Schamhaare kitzelten in meinen Nasenlöchern." Es braucht Mut, die Demütigung so genau ins Auge zu fassen, wie Dieckmann es Marie hier tun lässt. Gleichzeitig liegt eine seltsame Eilfertigkeit in der zehnseitigen Beschreibung dieser freudlosen Begegnung. Die fortgesetzte Detailfreude in Maries Sprechen und der nachgerade Drang, hier Letztmögliches zu formulieren, lässt das Beschriebene ins Surreale kippen, und eindeutig geht Marie, wenngleich verschmiert und zerzaust, als wortmächtige Siegerin aus dieser Situation hervor. Wahrscheinlich will Damen & Herren ein Buch über Desillusionierung und ein spätes Erwachsenwerden sein. Noch mehr aber ist es ein Dokument des Narzissmus. An keiner Stelle entfernt sich Dorothea Dieckmann nämlich von ihrer Ich-Figur oder umspielt deren oft betuliche Sachbearbeitung der eigenen Existenz mit lindernder Ironie. Statt dessen wird die selbstbezügliche Detailhuberei ("Ich streifte den Make-up-Rest von der Tubenöffnung und verrieb ihn im Ausschnitt") dadurch ins Recht gesetzt, dass auch alle anderen und alles andere nur als Summe einzelner Bilder, Gesten, Ausdrücke oder biografischen Fragmenten erscheint. "Aschensäulen", die sich an Zigaretten "krümmen", Zeigefinger, die in die Luft fahren, Knie, die einknicken. Lauter Einzelnes, das des erkennenden und ordnenden Blickes des erzählenden Ichs bedarf und sich im Verweis auf diesen erschöpft. Dazwischen unspezifische Erinnerungen an eine unspezifische Schulzeit.

Damen & Herren ist trotz des aufklärerischen, trauma-klärenden Gestus nicht mehr als eine selbstverliebte Träumerei. Ein Versuch nämlich, die Zeit zurückzudrehen, ohne dabei gemachte Erfahrungen zu verlieren. In größtmöglicher Tristesse holt Marie nach, was sie mit Richard einst versäumte. Sie hat nichts verpasst, darf sie feststellen und anders als er, kann sie aus dem Misslichen sprachlich Profit schlagen. Beneidenswert. Nicht jeder geht mit so vollen Taschen vom Klassentreffen nach Hause. Nicht jeder hat aber auch so wenig auf den Tisch gelegt.

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Damen&Herren von Dorothea Dieckmann, 2002, Clett-Kotta3.)

Damen & Herren.
Roman von Dorothea Dieckmann (2002, Klett-Cotta).
Besprechung von Sabine Peters in Freitag 52, 20.12.2002:

Erinnerung an ein Anderes
DISTANZIERTER BLICK
Dorothea Dieckmanns Roman "Damen und Herren" und ihr Essayband "Sprachversagen"

In der Gaststätte "Waidmannsruh" findet ein Klassentreffen von inzwischen mehr oder weniger gutsituierten Damen und Herren statt. Es führt die ehemaligen Schülerinnen und Schüler, vor allem aber die Ich-Erzählerin Marie zurück in die siebziger Jahre. Das Treffen berührt aber nicht nur diese Jugendjahre, es dreht "Zeit" überhaupt im Kreise, in einen Strudel. Und so trifft man nicht nur auf frühere Mitschüler, man begegnet auch Varianten seiner selbst.

Dorothea Dieckmann, Jahrgang 1957, Autorin und Literaturkritikerin, schreibt geschliffen, illusionslos und dabei engagiert; sie vertritt unorthodoxe Positionen, es sei hier nur an Bücher wie Unter Müttern. Eine Schmähschrift oder an Belice im Männerland erinnert. Im neuen Roman macht sich die Protagonistin Marie mit ziemlichen Zweifeln zu dem Klassentreffen auf, und ihre Frage ist die Frage des ganzen Romans: Vielfach verzwiebelt, geht es um Formen von Entstellung; und es geht darum, ob man Vergangenes, ob man Entwicklungen verstehen kann. "Antworten" sind nicht einfach zu haben, denn der Versuch, zu verstehen, ist verstellt durch die Selbstinszenierungen der Damen und Herren.

Es ist formal konsequent und einleuchtend, dass Dorothea Dieckmann den Roman entsprechend aufgebaut hat, als gehe es um ein Bühnenstück: "Maske", "Auftritte", "Zwischen den Zeiten", "Abgänge", "Retusche" heißen die fünf Kapitel des Romans. Bis auf Erdmute, die sich noch als Schülerin umbrachte, sind fast alle inzwischen "etwas geworden", und das hat mit den früheren "Indianerträumen" kaum mehr zu tun. Diese heutigen Erwachsenen sind fast alle ziemlich gleichgültig, selbstironisch; sie wirken so oder so ermüdet, jedenfalls reiben sich nicht sonderlich an Gegend und Gegenwart; "anything goes". Marie selbst hütet sich, von ihrem "verschwiegenen Nebenjob" zu berichten, für den man sie teeren und federn würde. Aus mehreren kleinen Anspielungen lässt sich vermuten, dass sie eben nicht nur Lyrikerin ist und im Kulturbetrieb arbeitet, sondern dass sie vielleicht auch einmal eine Art Edelnutte war. Während ein Mitschüler ihr gesteht, wie gern er eine "kuschelige Affaire" hätte, wie mühsam und aufwändig so etwas aber doch auch sei, weiß sie: Wer für Sex bezahlt, macht kein schlechtes Geschäft, und ein Ehrliches obendrein. Sie hat ihr eigenes Klassifizierungssystem, unterscheidet zwischen Männern mit und ohne Zahlungsmoral, und die Schrecken der Warengesellschaft nimmt sie, das spricht aus ihren Reflexionen, durchaus nicht nur im Bereich der Prostitution wahr.

Das Kapitel "Abgänge" - es ist spät geworden, die Versammlung löst sich langsam auf - führt dann in mehrfacher Hinsicht "abwärts". Marie, die als Schülerin in Richard verliebt war, weiß von Beginn des Abends an, es gibt noch etwas nachzuholen, Liebe oder Rache oder beides zugleich. Jetzt trifft sie sich mit Richard im Keller, vor den "Damen und Herren", vor dem Lokus. Eine bizarre Szene im Frauenklo folgt; schließlich wünscht sich Richard, dass Marie ihm einen bläst. Die Sprache, in der das geschildert wird, ist äußerst präzis, auf kühle Weise anmutig; sie hat einen leisen Witz, den man sehr selten findet - aber dann bleibt einem plötzlich das Lachen im Hals stecken. Obwohl die ganze Szene nur wenige Seiten in diesem umfangreichen Buch einnimmt, hat die Rezensentin deren grausiges Ende nicht verstanden.

Wie weit geht denn Maries Bereitschaft, sich auf Richard einzulassen? Wie lang lässt sich denn ihre analytische Distanz halten, zumal wenn, während sie "unten" mit ihm beschäftigt ist, "oben" aus seinem Mund unvermittelt eine Rede fällt, die man nur als verbale Vergewaltigung bezeichnen kann? Geht es einmal mehr darum, zu zeigen, wie indifferent diese vierzigjährigen Damen und Herren sich in allen Lebenslagen verhalten? Wie auch immer, es soll hier ausdrücklich betont werden: Wer Dieckmanns Buch nun in erster Linie mit voyeuristischem Interesse liest, liest an dem Text vorbei. Wenn man dieser Arbeit einigermaßen gerecht werden will, muss man sich Zeit nehmen für die Widersprüche, für das Ungelöste. Unüberhörbar ist die Wahrnehmung, dass "Bewusstwerdung" ein schmerzhafter Prozess sein kann, der in die Verbitterung und (Selbst)Verachtung führt.

Die Ich-Erzählerin beobachtet ihre Klassenkameraden über weite Strecken schonungslos, erst spät kommt etwas wie Erbarmen dazu; und diese Haltung macht sie selbst nicht unbedingt zu einer "Sympathiefigur", zumal Marie in ihrer selbstkritischen Fähigkeit eben über die anderen Figuren hinausgehoben wird. Als Ich-Erzählerin bleibt sie, wahrscheinlich ist das unvermeidbar, in allen Selbstzweifeln "Sieger".

"Sympathiefiguren" also, oder gar "Identifikationsangebote" gibt es hier allenfalls für diejenigen Leser, die nicht davor zurückschrecken, in die Wüste hineinzusehen, die "ich" ja wohl auch ist. Wer war "ich" früher, wie ist es zum "jetzt" gekommen? Die Rezensentin ist sich nicht sicher, ob man Dorothea Dieckmanns Roman ausschließlich als Portrait einer Generation lesen muss. Es gibt zwar eine Fülle haarscharf gezeichneter Details, die auf die Jugend in den siebziger Jahren der heute um 40-Jährigen verweist, aber warum wird eigentlich die "Generation" in sämtlichen Feuilletons permanent zur letzten gültigen und verbindlichen Kategorie hochstilisiert? Als wären die 68er heute nicht ebenso konsumfreudig gewesen wie nachfolgende Generationen; als sei "Politisierung" in der Jugend die Errungenschaft einiger ausgewählter Jahrgänge; als gebe es nicht immer Verbindendes zwischen Einzelnen aus einzelnen Generationen.

Auf Dieckmanns Roman bezogen heißt das: Wenn auch hier nach "Vergangenem", nach "Entwicklungen" gefragt wird, dann sitzt der Ich-Erzählerin noch etwas anderes, ganz Grundlegendes unter der Haut. "Integrität", Unbescholtenheit, Unverletztheit - gab es so etwas einmal? Kann es das in irgendeiner Lebensphase geben? Dorothea Dieckmann hütet sich, auch nur in die Nähe von Sentimentalität oder Emphase zu kommen; ihre Protagonistin bleibt fast durchgängig spröde und nüchtern, sie will sich kein X für ein U vormachen. Aber es gab den Moment, als die Schülerin Marie das Rad durch die schöne leere Fläche der Turnhalle schlug. Einmal war sie auch, zusammen mit Richard, ein "Doppelwesen", unterm Parka im Regen ein Rumpf auf vier Beinen. Wie "beiseite gesprochen" und unvermittelt auch der Satz, dass man vielleicht ganz gern für immer elfjährig geblieben wäre, rollschuhlaufend mit der Freundin.

Marie und ihre Autorin tippen das nur an, an eine "Heimat" in der Kindheit glauben sie lieber nicht. Wenn es für sie eine Sicherheit gibt, dann die des distanzierten, analytischen Blicks. Er richtet sich wiederholt auf die männliche und weibliche Sozialisation: Die Mädchen lernen, jein zu sagen, die Jungen trainieren sich "weibliche" Eigenschaften ab. Bei dem Klassentreffen wird deutlich, egal, wie sehr sich jeder gepanzert hat, keiner ist unverletzt, unversehrt, integer geblieben. Vielleicht war man es nie. Integrität, das würde auch eine eigene unverstellte Sprechweise bedeuten, aber Marie bleibt skeptisch. Die Schulhofgespräche über Camus, der ihr doch beistand auf dem "Weg ins Exil", scheinen ihr im Nachhinein wenig glaubwürdig; "die Klugscheisserei war unsere intime Sprache." "Hätten wir auf andere Weise ausdrücken können, was uns bewegte?" Damen und Herren ist, abgesehen von einigen sprachlichen Ungenauigkeiten - man kann hier sowohl banale wie allzu bemühte Sätze finden - formal und inhaltlich ein wagemutiges Buch, über das man lang nachdenken kann und das sich auf vielen Ebenen diskutieren lässt.

Zur gleichen Zeit hat Dorothea Dieckmann einen Essayband veröffentlicht, Sprachversagen heißt er. Ein anderes Genre, ein ganz anderer Grad von Abstraktion. Die Literaturen wie die FAZ urteilten in ihren Besprechungen sinngemäß, die beiden Bücher Dieckmanns verhielten sich wie "Theorie" und "Ausführung" zueinander. Wehe, wer sich theoretisch so weit aus dem Fenster hänge wie Dieckmann, ohne die eigenen Ansprüche dann einlösen zu können. Es ist sicherlich verführerisch, solche Rechnung aufzumachen. Nur, sie führt nicht weit, sie verkennt letztlich beide Arbeiten in ihrer Eigenart. Man konnte beim Lesen der beiden Kritiken den Eindruck gewinnen, die Autorin werde abgestraft dafür, dass sie als Essayistin die Meßlatte für Literatur sehr hoch hängt und dann noch wagt, gleichzeitig ihren Roman zu veröffentlichen, ohne selbst eine Ikone wie Ingeborg Bachmann oder Franz Kafka zu sein.

Dieckmanns Essay Sprachversagen ist diszipliniert bei allem Furor; präzis aggressiv und dabei sensibel geht er der Frage nach, welche Berührungspunkte es zwischen Sprechen, Sprache und Schreiben gibt. Kann Sprache Integrität bewahren? Kann sie sie gewinnen? Und welche Art Sprache wäre das? Der Text zeigt, welchen Anteil die mündliche öffentliche (käufliche) Rede am "Sprachversagen" hat; etwa, wenn noch jede poetische Formulierung zum Designeraccessoire verkommen kann. In schönem Zorn plädiert Dieckmann für die Wiedereinführung des Begriffs der Trivialliteratur, sie beharrt aller zeitgeistigen Indifferenz, allem Antiintellektualismus der Intellektuellen zum Trotz darauf, dass Literatur, die diesen Namen verdient, sich doch auf einer anderen Ebene bewegt als etwa der neueste Roman aus der Reihe der "Fräuleinwunder", der mehr oder weniger einfach den Imperativen des Markts gehorcht.

Dem literarischen Schreiben ginge es darum, zu bewahren, was das Reden verrät, es ginge um eine Abstinenz in der Sinngebung und darum, sich immer neu "ins Fremde" aufzumachen, oder, nach Sartre, "man spricht in seiner eigenen Sprache, doch man schreibt in einer fremden." Das literarische Schreiben, dem Dieckmanns Text nachgeht, wäre wohl auch nicht vom gelungenen, gar erfolgreichen, verkäuflichen "Endprodukt" her zu denken, es ist vielmehr ein unabschließbarer Prozess des Suchens.

Es gibt in Sprachversagen ein paar Momente, in denen der Text, so brillant und entsprechend hart und geschliffen er ist, plötzlich aufbricht, sich öffnet. Er wird in aller Diskretion persönlich, denn es geht um die Schreibexistenz eines "Ich", das gleichzeitig völlig anonym und ganz subjektiv ist: "Wer schreibt, kennt die Scham - nicht nur als Korrekturmechanismus in der Arbeit, sondern als (armes, unheroisches) Bewusstsein vom eigenen Versagen am und im Leben."

Scham? Armes Bewusstsein? Versagen am und im Leben? Man hört diverse Leitfiguren des Kulturbetriebs schon lachen, deren Schwierigkeiten sind das nicht.

Die erbitternde, empörende oder niederdrückende Erfahrung von Versagen bei hohen Ansprüchen ist das, was beide Bücher verbindet, und vielleicht erklärt sich daraus der seltsame Ärger, mit dem teilweise auf Dieckmann reagiert wird; denn hier wird ja offensiv an Glücks- und Erfolgsgeboten gerüttelt.

Dorothea Dieckmanns sprach- und kulturkritische Überlegungen sowie ihre Auslotung der Schreibexistenz stehen nicht im leeren Raum, sie sind nicht völlig neu, sofern sie sich an immer wieder totgesagten Begriffen und Werten der "klassischen" Avantgarde orientieren; man kann sie in so oder so verwandter Form etwa bei Jurek Becker (Warnung vor dem Schriftsteller) oder bei Anne Duden (Zungengewahrsam) finden. Trotzdem war die Lektüre von Dieckmanns Essays eine Freude für die Rezensentin: Der Text kann nur so harsch mit der Phrasenrede, mit der obszönen Zweifellosigkeit von Pseudoliteratur ins Gericht gehen, weil er ganz offensichtlich immer noch die Erinnerung an ein "Anderes" hat. Er weiß von der Schönheit und Integrität, die bei der Arbeit mit Sprache aufscheinen kann.

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Damen&Herren von Dorothea Dieckmann, 2002, Clett-Kotta4.)

Damen & Herren.
Roman von Dorothea Dieckmann (2002, Klett-Cotta).
Besprechung von Reinhard Baumgart in Die Zeit:

Noch eine verlorene Generation
Mit Dorothea Dieckmann auf einem Trip durch die Vergangenheit von Vierzigjährigen

Wer je auf einem Klassentreffen war, der hat was zu erzählen. Wirklich? Fast alle Heimkehrer von diesen Wiedersehens- oder besser wohl Wiederbelebungsversuchen sind eher trist ernüchtert oder noch trister amüsiert. Und doch und doch: Auf Klassentreffen wie auf Begräbnissen oder Bällen oder Geburtstagsfeiern kann ein Erzähler ein Ensemble von Figuren zum Tableau versammeln, um ihre gemeinsame Gegenwart und Vergangenheit zu erkunden. Aber so rigid und radikal hat kaum jemand diese Chance genutzt wie nun Dorothea Dieckmann, deren Roman uns zehn Stunden und 300 Seiten lang einsperrt in einen einzigen Ort, die Gaststätte Waidmannsruh über einer Stadt irgendwo auf halber Strecke zwischen Hamburg und Freiburg, wo 20 Jahre nach dem Abitur eine Klasse sich noch einmal und wohl zum letzten Mal trifft.

Bekannte Gesichter, trüb und explosiv gemischte Gefühle. Eingefangen in einer Erzählsprache, die Satz um Satz mit nicht nachlassender Energie um höchste Präzision, gnadenlose Schärfe des Blicks und um eine Diagnose dieser Gruppe von Damen & Herren kämpft, allesamt vierzig, hoffnungsvoll immer noch aneinander gebunden, hoffnungslos längst auseinander gedriftet. Ein Zauberberg wird nicht aus diesem Treffen junger alter Gespenster dort oben in Waidmannsruh, eher eine neue, noch trostlosere, destruktivere éducation sentimentale, die Ausnüchterung von über Jahrzehnte gestauten Illusionen, Hoffnungen, Lebenslügen.

Nur ein einziger Fremder, ein dicker, beflissen freundlicher Kellner ist zugelassen in dieser geschlossenen Gesellschaft der dahingealterten Exabiturienten. 16 haben sich versammelt zum Klassentreffen, doch auch die drei Abwesenden sind gespenstisch präsent. Alle unermüdlich taxiert und sortiert von der Ich-Erzählerin Marie, Schriftstellerin natürlich, Großbürger- und Einzelkind, seitdem trotzig und wirr auf der Flucht vor ihrer Herkunft, aus allen frühen Prägungen und einer üblichen Serie von leidlich überstandenen Affären. Sie sieht die Welt durch eine Brille, überscharf, versucht sich auch selbst nicht zu verschonen, sondern rücksichtslos hineinzukopieren in dieses Gruppenbild mit Dame, und macht den Leser zum Komplizen ihres auf Erbärmlichkeiten spezialisierten Scharfblicks.

Bewunderswert der erzähltechnische Aufwand, mit dem Dieckmann alle Handicaps dieses auf die Einheit von Ort und Zeit eingeschworenen Romans angeht und meistert, wie sie anderthalb Dutzend aufflackernde Gesichter und Lebensläufe in Regie nimmt, diese Trieb- und Schicksalsbündel vor die Erzählkamera rückt, ranzoomt, wegschneidet, wieder erfasst, bis sie auch für uns unterscheidbar werden, mit ihren Haartrachten, gestischen Ticks, Redeweisen, Pullovern, Hosenträgern, Seelenschmerzen. Und unaufhörlich glitscht Vergangenheit hinein in diese Gegenwart auf Waidmannsruh, eine Schulzeit zwischen Pausenhof und Eduscho, die Turnstunde, das Kinodunkel, die ersten Kiffereien und Knutschereien. Man wollte immer schon anders sein als die anderen und doch genauso wie sie.

Überlebende Scheintote

Denn sie alle lebten schon damals - das ist so genau kaum je registriert worden in einem anderen Roman aus dieser nahen fernen Zeit, den mittleren und späten siebziger Jahren - lebten vom kulturellen Abfall der nächstälteren Generation, eingesponnen immer noch in eine sekundäre Welt aus Camus, Sergio Leone, Jim Morrison und Verena Stefan, aus I can't get no satisfaction oder Das kann doch nicht alles gewesen sein und She loves you, and you know you should be glad, aus Hasch und Ho Chi Minh. Leben aus zweiter, dritter Hand, doch hautnah nacherlebt, wie ganz echt. Zwischen den schon unerreichbaren 68ern und der nicht einmal ahnbaren Generation Golf ein paar Jahrgänge im Niemandsland.

Das alles ergibt sich kunstvoll wie nebenbei, denn der Roman und seine Erzählerin denken gar nicht daran, ihre Befunde hochzurechnen zu einer Psychosoziologie der kurz vor 1960 geborenen Jungintelligenzija. Beide haften immer nur an den herausgeschnittenen Gesichtern dieser Inas und Renates und Helgas und Hotschis, beobachten neue und alte Paarbildungen und unterscheiden scharf Männer- und Frauenrollen: die einen ewige Junggesellen, ob mit oder ohne Bindung, "softe Machos", die anderen schuftend in Karrieren oder Sozialfürsorge, versackt in Kinderglück, späten Notehen oder entschlossen feministisch. Zwischen allen Optionen, scheinbar in splendid isolation, Marie, eine schöne, zu allem und zu nichts entschlossene Erzählposition.

Splendid isolation? Solange der Roman in wilder Präzision wie auf der Stelle tanzt, in immer neuen Kameraschwenks das Gruppenbild abweidet, kann dieser Eindruck täuschen. Aber immer wieder rückt er eine seit über zwei Jahrzehnten abwesende Person ins Zentrum: Erdmute, die sich rechtzeitig, mit einem spektakulären Selbstmord verabschiedet hat aus ihrer Klasse, der Wirklichkeit und ihrer Generation, damit das Erwachsenwerden und Ende aller Traumtänzerei verweigernd. War sie beispielhaft mutig, konsequent oder nur hochmütig und feige? Es ist diese Frage, die mit den Überlebenden überlebt hat und sie immer noch aneinander bindet, weil keiner auf sie eine Antwort findet. Auch Marie, die Erzählerin, nicht: "Sie war die Erste, die mir gezeigt hat, wie man stirbt."

Denn da ist eine andere, fast abwesende, geistesabwesende Figur, der Schönste, der Unerreichbarste, mit dem die Erzählerin seit 20, 25 Jahren eine Rechnung offen hat: Richard, Objekt einer Liebesprojektion, die er damals nicht einmal wahrgenommen hat, die an ihm spurenlos abgeglitten ist. Das muss wiedergutgemacht, das muss abgegolten und gerächt werden. Es ist diese eigensinnige, fast unglaubwürdige Obsession, die Maries Erzählen und Dieckmanns Roman offenbar in Gang gesetzt hat und ihn über alle seine Beschreibungsorgien hinweg in Spannung hält, die seinen Zeittakt, den immer wieder abgezählten Countdown, von halbzehn bis elf, bis Mitternacht, dann ein und schließlich drei Uhr, auflädt mit Erwartung, bis zum jämmerlichen Finale.

Wir Leser ahnen längst, wenn auch nicht die hoffnungslos kluge Marie, dass diese kranke Liebe und verschleppte Rache ohne Genugtuung und Triumph, dass sie böse enden werden. Doch auf die schmuddelige Orgie zwischen Kloschüssel und Klorolle, mit der Dieckmann ihre Heldin schließlich abstraft, sind wir trotzdem nicht gefasst. Weder die Liebe noch die Rache noch eine zunächst lustvoll betriebene Fellatio gelingen, und Richard, der Schöne, Schlaffe, Unnahbare, wird dabei programmatisch in zwei Teile zerrissen, in einen bewusstlos agierenden Unterleib und einen egoman vor sich hindelirierenden Kopf. Obwohl er wie auch Marie ihre doppelte Hinrichtung überleben.

Sie redet sogar weiter, hängt an den fünften noch einen sechsten Akt, im heraufdämmernden Wintermorgengrauen: "In scharfen, klaren Bruchstücken lag die Wirklichkeit um mich herum." Da bleibt nichts mehr zu kitten, zu träumen. Der Roman inszeniert sein Ende als perfekte Trostlosigkeit. Die verlorene Generation, die er im Gruppenbild porträtiert hat, scheint nicht nur zeitgemäß, sondern fundamental gescheitert: versunken in emotionalen Miseren, ersatzweise trainiert in sexuellen Fertigkeiten, haben sie offenbar alle mit Leib und Seele verspielt.

Das kann doch nicht alles gewesen sein, möchte nun auch der Leser seufzen. Ein lückenlos brillant durchgeschriebener Roman wird nun abgefertigt mit diesem aschgrauen Showdown, der Damen & Herren nur wie Scheintote überleben lässt und die selbstmörderische Erdmute unverhofft rechtfertigt: Das alles, dieses mühsame Erwachsen- und frühe Altwerden, war doch die Mühe kaum wert. Also Vorhang zu und keine Frage offen?

Verwirrenderweise hat Dorothea Dieckmann in diesem Frühjahr auch einen Essay publiziert, einen im Wortsinn fulminanten Text, der also mit Blitz und Donner die literarische Szene erschüttern und erhellen soll. Mit Kafka und einer zur existenziellen Ikone hochstilisierten Bachmann als Kronzeugen wird hier ein emphatischer Anspruch an Literatur fomuliert, der so radikal und hochfahrend nur in der Hochzeit der literarischen Moderne galt: Schreiben als Entwurf einer Gegenwelt aus Sprache, dem Alltag und bloßen Sprechen abgetrotzt durch Sendungsbewusstsein, Martyrium, Selbstopfer. Vorgetragen wird diese asketische Kunstreligion mit einer glanzvoll pamphletischen Wut auf die marktgeile, triviale Verkommenheit gegenwärtiger Schreibkonzepte und Schreibpraktiken.

Man nickt, man staunt, bewundert und bleibt doch verwirrt. Denn Dieckmanns eigener Roman spielt sicher nicht mit in dieser großartig weltverneinenden und zugleich eine Gegenwelt erschließenden Sprachkunst einer längst legendären Avantgarde. Eher in jener menschenfreundlicheren Region, in die sich auch Ingeborg Bachmann zuletzt hineingewagt hat, als sie in ihren Simultan-Geschichten statt von Todesarten von Lebensarten und Überlebenden zu erzählen begann. Ob Dorothea Dieckmann, hätte sie das eingesehen, einen weniger auftrumpfenden Essay und einen schlüssigeren Roman geschrieben hätte? Und doch beweist auch dieser, dass sie unter den übersehenen oder verkannten Autorinnen heute, neben so vielen überschätzten, zu den allerbesten gehört.

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