Damals, ein
Leben in Deutschland 1929-2003.
Autobiografie von Reinhard
Baumgart (2004, Hanser).
Besprechung von Ursula März in der Frankfurter Rundschau, 19.2.2004:
Das Drama des begabten Mannes
In seiner postumen Autobiografie "Damals" sucht der Kritiker, Essayist
und Schriftsteller Reinhard Baumgart (1929 bis 2003) nach der Bestimmung seines
Werdegangs
Es ist schon - auf den ersten Blick - eine etwas
seltsame Frage, die Reinhard Baumgart zu Beginn seiner Autobiografie an sein
Leben stellt. Er fragt sich, warum er keine wirklich große, beispielsweise in
die transatlantische Umlaufbahn führende Karriere gemacht habe. Keine große
Karriere? Wer aufgefordert wird, die wichtigsten deutschen Kritiker der
Bundesrepublik zu nennen, streckt nacheinander die fünf Finger einer Hand aus
und sagt beim Mittel- oder Ringfinger: Baumgart. Wer am Computer der Berliner
Amerika-Gedenkbibliothek unter dem Namen Baumgart auf Suche nach seinen Veröffentlichungen
geht, liest offenen Mundes die elektronische Auskunft: "Sie haben 27
Treffer erzielt." Wer diese in Buchform nach Hause schleppt, packt das
Lebenswerk eines Autors, Kritikers, Intellektuellen aus, dem die Talente, die Möglichkeiten
offensichtlich nur so zuflogen, dem sich jeder Sesam, auf den er zuging, von
allein zu öffnen schien.
Baumgart schrieb Romane, Hausmusik, Der Löwengarten
beispielsweise, sowie Erzählungen, er war als Herausgeber tätig, als Essayist,
Reisereporter und Cineast, er verfasste Drehbücher und Filmskripts, bedeutende
literaturwissenschaftliche und literarhistorische Studien und er schrieb vor
allem, über Jahrzehnte hinweg, Literaturkritiken, als Bündel von rund 600
Arbeiten in dem Band Deutsche Literatur der Gegenwart 1994
zusammengefasst.
Keine große Karriere? Gehört er, Jahrgang 1929, nicht zu jener Vorzugsgeneration, die wie kaum eine andere zuvor und bestimmt keine danach das Privileg genoss, einer ganzen kulturellen Epoche ihr Gesicht zu geben und in den Fünfzigern, Sechzigern, Siebzigern, diesen kulturellen Repräsentationsjahrzehnten das geistige Sinnmonopol zu halten? Mit Augstein und Unseld auf Partys und auf Sylt, mit Habermas auf der Urlaubshütte, mit Joachim Kaiser im Theater, mit Ingeborg Bachmann in der Lektoratsarbeit, mit Uwe Johnson im ewigen Reiz- , mit Walser im ewigen Disputverhältnis, mit der Gruppe 47 im Transformator des literarischen, ideologischen und personellen Stromkreislaufs.
Staunenswerte Fülle
Aber Baumgarts Frage ist auf den zweiten Blick
anders zu lesen. Sie richtet sch weniger an die "Größe" der
Karriere. Sie richtet sich an die Bestimmtheit des eigenen Werdegangs. An das
Verhältnis von Begabungspotenzial und seiner Eindeutigkeit. Wem jeder Sesam
sich öffnet, muss, wenn er nur die Hälfte von Baumgarts reflexiver Wachheit
besitzt, zwangsläufig auf das Definitionsproblem stoßen, nicht zu wissen,
welcher Sesam denn nun der für ihn einzig gültige, speziell für ihn gemachte
und so als seine Heimat zu betrachten ist.
Man sieht bei der Lektüre von Reinhard Baumgarts postum erscheinender
Autobiografie Damals einem Leben zu, das nichts als staunenswerte Fülle,
Versorgtheit von allen Seiten, familiär, emotional, beruflich,
gesellschaftlich, intellektuell und nicht zu vergessen: wirtschaftlich zu kennen
schien und Not nur in ihrer sehr abgeleiteten, sehr subjektiven Form: als Mangel
an durchschlagender kreativer Notwendigkeit, die über schieres Glücksgelingen
womöglich noch hinausgeht. Man sieht verwundert einen lebenslang vom Erfolg Geküssten,
in Bildung und Intellekt stupend Gefestigten, der sich selbst als einen Menschen
auf beständiger beruflicher Strandortsuche beschreibt. Und der, was seine
Identitätsschwankung betrifft, noch weit jenseits der Lebensmitte einem
frischen Abiturienten gleicht, welcher sich zwischen den verschiedenen Passionen
und möglichen Professionen nicht so recht entscheiden kann.
Das ist nicht unsympathisch, führt aber zu mancher Disproportion der
Selbstwahrnehmung. Von Baumgarts jahrelanger, jahrzehntelanger Mitarbeit im
Literaturteil der Zeit, dem er doch, so nahm die Öffentlichkeit es
zumindest wahr, als Kritikerprimus diente: kein Wort. Dafür große kindliche
Freude über ein Lob aus dem Mund des Regisseurs Peter Beauvais, vor dessen
Kamera Reinhard Baumgart einmal als Schauspieleramateur agieren durfte.
Reinhard Baumgart, Kind bürgerlich solider Verhältnisse, Sohn eines früh
begeisterten und relativ früh skeptischen Nationalsozialisten, stammt aus
Schlesien, aus Breslau. Er erlebte den Krieg, die Bombardierung, die Flucht als
Jugendlicher und als ein einziges Davonkommen im letzten Moment. Vor der
Soldatenuniform, vor dem Tod, vor dem Durchreiseverbot nach Westen durch die
russische Armee. Die Flüchtlingsfamilie Baumgart begann 1945 in Bayern ihr
zweites, durchaus gelingendes Leben. Sie verlor, wie alle Flüchtlinge, nicht
nur das erste Leben, sondern mit diesem die natürliche Selbstverständlichkeit
des Lebenszentrums. An seine Stelle tritt eine Fantasievorstellung, die
unendlich viele Erinnerungen an die alte Heimat enthält und dennoch die Realitätsleere
des Phantomhaften besitzt. Es ist kein Zufall, dass Baumgart fast das ganze -
recht langatmige, auch merkwürdig ungriffige - erste Drittel seiner
Autobiografie den Kindheits- und Jugendjahren widmet. Denn der Verlust ihres
Schauplatzes, das Gefühl vom Verlust eines Zentrums könnte der Schlüssel sein
für sein Denk- und Arbeitsprinzip, vielleicht auch für sein Lebensthema:
Ambivalenz. Dezentralität.
Fasziniert vom Patriarchen
Seine Lebenserinnerung dürfte für Reinhard
Baumgart eines seiner wichtigsten Bücher, wenn nicht das wichtigste gewesen
sein. Aber es ist nicht eines seiner besten. Es fehlt jener erkenntnishafte
Fluchtpunkt, der eine mehr oder weniger additive Autobiografie erst umformt in
eine thematisch gerichtete. Die Neigung zur umkreisenden Gestaltung, sie steht
dem Autor hier als Indifferenz der Aufzähl- und Sammelmethode im Weg. Die
diskrete, distinguierte Haltung, mit der Baumgart die nähere und fernere
Menschengesellschaft seines Buches und auch sich selbst schonend behandelt, sie
legt sich als noble Mattheit über das Ganze.
"Ein Leben in Deutschland 1929 - 2003", dieser Untertitel verspricht,
in der Erinnerung an das eigene Leben dessen zeittypisches, exemplarisches
Modell darzustellen. Man findet in Baumgarts Leben tatsächlich ein Modell, aber
auf dem Umweg der Negation beziehungsweise der Ungleichzeitigkeit. Reinhard
Baumgart gehörte einer kulturellen Gründergeneration an, die in der
Nachkriegsepoche jenen Typ des Patriarchen hervorbrachte, der ein politisches
Magazin großzieht oder ein soziologisches Institut gründet. Baumgart hatte
diesen Typ lebhaft vor Augen. Nicht umsonst galt seine Bewunderung Rudolf
Augstein, seine besondere Freundschaftsliebe der zerbrochenen Beziehung zu Jürgen
Habermas.
Nicht umsonst schildert er als eines seiner glücklichsten Jahre dasjenige, das
er als Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg verbrachte: eingebettet in eine
Institution, in ein Kollegium, in ein kollektives Regelwerk. Er beschreibt auch
die späte Berufung auf eine Professur an der Berliner TU als eine Glückserfahrung.
Aber sie drückt das Modell seiner Existenz nicht aus. Denn dieses gleicht viel
mehr dem des freelancer, diesem Prototyp des kulturellen Lebens der
heutigen Gegenwart: dem Flexiblen ohne Zentrum, dem Hochaktiven auf Abruf, dem
Disponiblen ohne verlässliche Heimat.
Nur war Reinhard Baumgart, der im vergangenen Sommer so überraschend verstarb,
auch als freelancer eine Ausnahme. Nicht nur, weil sich sein Streifzug
durch die verschiedenen Künste auf höchstem Niveau vollzog und aus schierer
Freiheit ergab. Sondern vor allem, weil er das Unnormative, Unfestgelegte, ja
Versuchhafte seiner Existenz als individuelle Handschrift auf seine Essays,
seine Kritiken zu übertragen vermochte. Er war den Kunstgegenständen, über
die er schrieb, dadurch auf emphatische Weise nahe wie kein anderer. Seine
Stimme fehlt tatsächlich.
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