Da kann man nichts machen vonIngomar von Kieseritzky, 2001, BeckDa kann man nichts machen.
Roman von Ingomar von Kieseritzky (2001, Beck).
Besprechung von Lutz Hagestedt in der Frankfurter Rundschau, 28.2.2002:

Scheitern als Passion
Ingomar von Kieseritzky schreibt einen Familienroman

Heutzutage einen Familienroman schreiben zu wollen, ist keine gute Idee. Die Geschichte des Genres gehört ins 19. Jahrhundert und war mit Thomas Manns Buddenbrooks (1901) abgeschlossen. Über alle Versuche danach schweigt des Sängers Höflichkeit. Auch bei Ingomar von Kieseritzky muss der Familienroman scheitern - gleich auf der ersten Seite wird dessen Verfasser, ein gewisser Randolf von K., abserviert. Der Tote, in der Zugtoilette mit einem Berlin-Prag-Wien-Ticket in der Tasche prosaisch aufgefunden, wird von dem Schaffner Jaroslav Vicovic sogleich um die Barschaft und das mitgeführte Manuskript erleichtert. Portionsweise wird es uns nun mitgeteilt, als Buch im Buch und als Dokument des Versagens. Ein seriöser Roman der Familie sollte es werden, in Auftrag gegeben von Randolfs Tante, einer Trivialschriftstellerin, die mit ihren unsterblichen Werken wie "Herzen in Flammen" oder "Prinzessin des Wahnsinns" Millionen begeisterte. Entstanden ist ein Fragment, eine Vorstufe, ein Protokoll, gespickt mit Aufzeichnungen, Briefen und Anekdoten der lieben Verwandtschaft.

Ingomar von Kieseritzky ist dafür bekannt, dass er seine Helden scheitern lässt - aber er scheitert niemals selbst. Sein Œuvre gehört zu den geglückten, groß angelegten Erzählexperimenten der Literatur seit '68. Seine Romane, Hörspiele und Erzählungen bilden selber eine Art Familie, deren geheimer Ahnherr der Katastrophenspezialist Edward A. Murphy ist, von dem das schöne Wort stammt: "If anything can go wrong, it will." In Kieseritzkys Romanfamilie gehört das Scheitern zur genetischen Grundausstattung, in ihr ist das Versagen die bedeutendste produktive Kraft, aus der sich ganze Welten bauen lassen. Deshalb sind auch alle seine Figuren einander wesensverwandt, mit gleichen oder ähnlichen Merkmalen ausgestattet und mit demselben Fatalismus gesegnet. Der Titel des neuen Romans, Da kann man nichts machen, ist zugleich der einfachste gemeinsame Nenner seines Œuvres, quasi die Weltformel für diesen erzählerischen Kosmos.

Man kann gegen Murphys Gesetz nichts machen, und Kieseritzky hat das auch überhaupt nicht vor. Er weiß sehr genau, was er tut, und schon früh ist erkannt worden, dass er zu den Gebildeten, zumindest aber zu den Belesenen gehört, dass er poetische Anschlussmöglichkeiten bei den Naturwissenschaften, der Philosophie, der Theologie sucht und erkundet und sich besonders für störanfällige Regelungssysteme, ziemlich abwegige Paradoxien und dogmatisch gestützte Wahrheitssätze interessiert. Kieseritzkys Helden sind Synkretisten: Sie haben vom Epos den Katalog, von der Traktatliteratur die didaktische Inbrunst - und von nichts wirklich Ahnung. Beste Voraussetzungen also, tief ins Register der Katastrophen zu fallen und keinen Fettnapf auszulassen. So entstehen Auguren, auf negative Zeichen spezialisiert, Hypochonder mit einem klinisch-taxonomischen Blick für den Ekel der Existenz, melancholische Wiedergänger des Narziss. Sie verzehren sich in absurder Sehnsucht nach dem Schönen, erreichen niemals ihr Ziel und sind dadurch einfach liebenswert.

Familienromane müssen scheitern, das weiß auch Kieseritzky. Der Roman seines Erzählers Randolf aber ist verloren, ist gerettet. Denn Schaffner Jaroslav Vicovic, der das Manuskript an sich genommen hat, erkennt sofort dessen Bedeutung: Für ihn ist es die Vorstufe zu dem absoluten, wahren, vollkommenen, "sozusagen idealen Buch", das er selber schon lange schreiben wollte. Vicovic wirft sich auf die Literatur, weil ihm sein immer fetter werdendes Weibchen Eva etwas zuviel Realität zumutet. Und so macht er sich jetzt an den eigenen Familienroman - mit Onkel Marek als Ausgangsfigur, einem begnadeten Leser. Damit sind bereits zwei Romane erwähnt, deren Entstehung und deren Scheitern hier erzählt wird, gefolgt von einem dritten, einem Schachroman, an dem sich das Oberhaupt der genialen Familie Zehfuss abarbeitet.

Ingomar von Kieseritzky ist ein Enzyklopädist. Jede neue Lieferung seiner wunderlichen Gesamtschau des menschlich Fragwürdigen und Abgründigen molestiert seine Fangemeinde aufs Angenehmste und Heftigste. Unerschöpflich etwa die organischen Unpässlichkeiten, die uns der Autor präsentiert: Überreizte Testikel, chronische Gastritis, Lungenödeme und Leberzirrhosen, Diarrhöe und Obstipation (vulgo zu hohe oder zu niedrige Stuhlfrequenz), alles sehr lecker und anschaulich dargeboten. Auch für degenerative Veränderungen der Hirnfunktionen ist er Spezialist, für kognitive Störungen allgemein, für progressive Paralysen bis zur Behinderung, Halluzinationen, Gedächtnisverlust, verschwommene Wahrnehmung.

All dies wird uns mit großer stilistischer Eleganz vor Augen geführt. Kieseritzky ist ein Vermeer des Wortes, der ein kostbares Genrebild ums andere zu malen versteht, man denke etwa an jene alte Dame mit dem Faulbrand am bandagierten rechten Bein, an dem sich ein gelbes Hündchen sein erigiertes Organ reibt, "ein schöner Eindruck, friedlich irgendwie". Oder an die sexuell aktive Großmutter, die sich von muskulösen Masseuren mit gigantischen Händen in die reife Zellulitis greifen lässt. Man sieht, es geht überaus sinnlich zu in Kieseritzkys Büchern, und wollte man sie heute illustrieren lassen, so müsste man wohl einen Michael Sowa dafür gewinnen. Denn das einzige, was an diesem Buch nicht geglückt ist, ist die Umschlaggestaltung. Aber für die kann der Autor nichts.

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