Da kann ich nicht nein sagen von Nadja Einzmann, 2001, S. Fischer1.) - 3.)

Da kann ich nicht nein sagen.
Geschichten von der Liebe von Nadja Einzmann (2001, S. Fischer).
Besprechung von Martin Krumbholz in Neue Züricher Zeitung vom 9.10.2001:

Herz auf der Zungenspitze
Nadja Einzmanns Prosa «Da kann ich nicht nein sagen»

Müssen Männer sich eigentlich fürchten vor den verteufelt spöttischen Blicken, die aus den Dichtungen junger Damen neuerdings auf sie fallen? Vom «Fräuleinwunder» war die Rede, das klingt, als tunkten alte Jungfern ihre Federkiele in verstaubte Tintenfässer; dabei geht es in diesen ersten und zweiten Büchern junger Autorinnen doch nicht um Kathederweisheiten, sondern um die handfestesten Belange des Zusammenlebens. Um Zärtlichkeit, Sex und auch darum - ja, das ist manchmal hart -, erotischen Ansprüchen zu genügen. Die Frau hat eine Sehnsucht und bedarf, wenn es um den Mann geht, eines nicht zu trägen Herzens, eines gelehrigen Körpers, einer gewissen Dosis Charme, mehr schon fast nicht! Und doch....Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 1001 LYRIKwelt © NZZ

***

Da kann ich nicht nein sagen von Nadja Einzmann, 2001, S. Fischer2.)

Da kann ich nicht nein sagen.
Geschichten von der Liebe von Nadja Einzmann (2001, S. Fischer)
Besprechung von Elisa Peppel aus der Frankfurter Rundschau, 28.2.2002:

Herzen in Alufolie
Nadja Einzmanns Momentaufnahmen von der Liebe

Sie und er, das ist die alte Geschichte. Unendliche Facetten hat die Liebe und unendliche Werke der Literatur gibt es zu diesem Thema. Die 27jährige Nadja Einzmann scheut sich nicht, diesem Konvolut mit ihrem Debüt Da kann ich nicht nein sagen noch eines hinzuzufügen. Der Untertitel verheißt "Geschichten von der Liebe", doch mehr als Geschichten sind es Momentaufnahmen - einige flüchtige Augenblicke im komplexen Gefüge zwischen ihm und ihr. Manche dieser Prosa-Miniaturen sind nur wenige Zeilen lang, und doch erzählen sie einiges über Untreue und Eifersucht, über das schleichende und plötzliche Verschwinden der Liebe, über Affären und andere Halbherzigkeiten. Es sind Momente des Innehaltens und der Selbstvergewisserung, die Einzmann in einer sehr eigenen Weise beschreibt.

Der Stil der Autorin dominiert in den meisten Geschichten gegenüber dem Inhalt. Ihre Sprache ist so stark rhythmisiert, dass der Rhythmus mitunter zum eigentlichen Thema zu werden droht und einige Manieriertheiten hervorbringt, die die Autorin nicht nötig hätte. Die Flucht einer Ich-Erzählerin aus der bedrückenden Kleinstadtidylle klingt dann so: "Ich oxidierte mit Tagen und Stunden und verbrauchte Sauerstoff zum ersten Mal (...) Ich bekam mich zu fassen und reichte mich herum." Über zwei kleine Mädchen heißt es: "Es war stets so viel Geburt an ihnen und kein Zahn der Zeit nagt an Zöpfen". Derlei Künstlichkeiten gibt es viele - ein "Rosenmund", der "vor sich hin blüht", Wein, der in den Gläsern "verblutete", oder die Feststellung, dass den Eltern "kein Seelenspeichel aus ihren Mündern troff". Auch die Vorstellung, dass bei Erscheinen des Geliebten "die Sterne dröhnen" würden "und der Mond pubbern und pulsen", ist wohl eher unfreiwillig komisch.

Darüber hinaus ist die Erzählperspektive die immergleiche - alle Geschichten sind im sehr speziellen Modus der erlebten Rede geschrieben, dieser schillernden Form zwischen Bericht und Selbstgespräch, zwischen direkter und indirekter Rede, die dem Erzähler beziehungsweise der Erzählerin mehr als alle anderen Modi auf die Pelle rückt. In der Häufigkeit beginnt diese Erzählhaltung aber schnell zu langweilen. Das liegt zum einen an dem merkwürdigem Missverhältnis zwischen der Plastizität, die der Erzählmodus erzeugt und der Blässe der erzählenden und erzählten Figuren, über die der Leser wenig erfährt. Sie haben mal einen Leberfleck unter dem Kinn oder eine "hübsche Nase", doch sind diese Angaben eher Dekoration denn dazu angetan aus ihnen Charaktere zu machen. Zum anderen liegt dieser Überdruss an der extremen Kürze der Geschichten, die nicht mehr als flüchtige Eindrücke zulassen.

Dennoch, schafft man es, über die Stilblüten gnädig hinweg zu sehen, offenbart sich der scharfe Blick einer Autorin, die in den kleinen Gesten die großen Gefühle und im groß Gemeinten die Vergeblichkeit entlarvt. In den wenigen guten Mini-Geschichten gelingt ihr dies mit sparsamen Worten. Ein einziger Satz reicht Nadja Einzmann zum Beispiel aus, um die gemischten Gefühle zu beschreiben, die die Ich-Erzählerin angesichts der neuen Freundin ihres Exfreundes beschleichen: "Sachlich kam ich mir vor, langweilig und kantig, als wäre ich in einer Küche besser aufgehoben oder im Büro, als gäbe es keinen Grund für mich, hier zu sein auf diesem sommernächtlichen Fest, auf dem die Lichter bunt ineinander schwammen und Reden hin und her gingen, klug und glänzend".

Auch in "Hochzeiten" überzeugt der durchkalkulierte Stil der Autorin. Auf kaum zwei Seiten gelingt es Einzmann, Neid und Leid der Erzählerin auf das Glück ihrer Schwester zu skizzieren. Beide heiraten, doch ist die eine Hochzeit nur ein schlechter Abklatsch der glücklichen anderen. Nicht einmal erinnern kann sich die Erzählerin an ihre eigene. "Ich erwachte und war verheiratet. Er ist nicht der Schlechteste. Er putzt mir die Schuhe und kocht. Es macht Spaß, mit ihm das Bett zu teilen. Aber die Hochzeit fehlt, mir ist als wäre keine gewesen."

Aus allen Geschichten spricht eine große Sehnsucht nach Authentizität. Je gedrechselter die Sprache, desto stärker wird dieser Eindruck. Die Figuren umgeben sich mit einem Kokon aus Sprache - "Herzen in Alufolie" sozusagen, wie es in einer der Geschichten heißt: "Packt eure Herzen in Alufolie, dass sie geschützt sind, wenn ihr aus dem Haus geht, und reicht sie nicht frei herum!" Nadja Einzmanns Sprache jedenfalls ist weit weg vom vermeintlichen "Erzählwunder" oder anderen Etiketten des Literaturbetriebs - das allein muss man ihr schon zugute halten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0302 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Da kann ich nicht nein sagen von Nadja Einzmann, 2001, S. Fischer3.)

Da kann ich nicht nein sagen.
Geschichten von der Liebe von Nadja Einzmann (2001, S. Fischer)
Besprechung von Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau, 28.1.2003:

Wer da sitzt und schreibt

Zsuzsa Bánk, Nadja Einzmann und Ricarda Junge mit einer Lesung in der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek wird als Gedächtnis der Nation verstanden. Nun bot sie das Forum für eine Lesung mit drei Autorinnen des S. Fischer-Verlags. In seiner Einführung kam es dem Lektor Oliver Vogel darauf an, mit den "Eigenarten" der Bücher von Zsuzsa Bánk, Nadja Einzmann und Ricarda Junge zugleich die Vielfalt des Verlagsprogramms anzuzeigen. Vogel gab sich Mühe mit dem Nachweis, dass solche Versammlungen junger Schriftstellerinnen nicht bloß einer - inzwischen auch schon wieder obsoleten - Mode entsprächen. Vielmehr darf man sich von ihnen etwas versprechen, das an bewährte Erzählhaltungen anknüpft: den ruhig schweifenden Blick, der die alltäglichen Dinge berührt.

Das gilt allemal für die 1979 in Wiesbaden geborene und am Leipziger Literatur-Institut ausgebildete Ricarda Junge, die zuerst las. In ihrem Debüt Silberfaden wird viel gereist. Ihre Helden sind auf der Suche nach dem "Lebenswerten": So formulierte es Vogel. Zu hören war indes die Geschichte eines offenbar schwer erziehbaren Jake. Seine Renitenz bringt ihn in ein "Camp", wo er "Gehorsam lernt." Eine berichtende Schwester weiß: "Unsere Eltern haben ein Kind zuviel, wenn man die Zimmer zählt." Während sie die katastrophalen Ansichten ihres Familienlebens einem ebenso melancholischen wie lakonisch-fatalistischen Resümee zuführt, zeigt der Bruder eine schöne Unzugänglichkeit, indem er von dem Zuchtversuch am eigenen Leib nur die Liegestütze erinnert.

Deutlich weniger martialisch wirkt der Seelen-Prospekt bei Nadja Einzmann, die 1974 in Baden zur Welt kam. "Ganz und gar wunderbar" erschien einem Kritiker ihr erster Prosaband Da kann ich nicht nein sagen. Vogel sprach hier von "lauter kleinen Geschichten, die eine große Liebesgeschichte erzählen." In der Deutschen Bibliothek las Nadja Einzmann Texte, denen die Veröffentlichung noch bevorsteht. Darin taucht ein erzählendes Ich auf, das mal so war: "Mir sah man keine Mühen an, ich schwebte über dem Boden, während andere gingen." In der Gegenwart der Geschichte liegen die Dinge anders. Längst sind sie verschattet von Enttäuschung und Erschöpfung. Immerhin ist noch soviel Aplomb im Spiel: "Wer dich nicht liebt, der hat dich nicht verdient." Nadja Einzmann äußerte sich auch zu ihrem Selbstverständnis als Autorin: "Wer da sitzt und schreibt, ist niemandem verantwortlich." Dieser Umstand kann sich mit enormen sozialen Kosten verbinden.

Nicht so bei Zsuzsa Bánk, die für ihren Roman Der Schwimmer mit Auszeichnungen bedacht wurde. Die gebürtige Frankfurterin des Jahrgangs 1965 las eine Hochsommer-Episode mit Strandleben und Geschwisterglück. Die erzählende Heldin genießt eine Stille, in der sie "die Flügelschläge der Wespen spürt." Mit ihrem Bruder lernt sie schwimmen. Die Geschwister schaffen sich ihre eigene Welt an einer Pheripherie gesellschaftlichen und familiären Unheils.

"Anrührend" fand man Zsuzsa Bánks Ton. Eine erkennbare Bemühung um Genauigkeit ist vielleicht das auffälligste Merkmal ihrer Prosa, mit der dieser Abend in der Deutschen Bibliothek glanzvoll beschlossen wurde.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0303 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau