Da hängt mein Kleid.
Roman von Hella Eckert (2003, Luchterhand).
Besprechung von Andrea Gnam in Neue Zürcher Zeitung vom 14.04.2004:

Höhenflüge und Routine
«Da hängt mein Kleid» - Hella Eckerts turbulenter Roman über die Liebe

Wie das Leben aussieht, wenn man in der ersten eigenen Wohnung mit Freisitz im Hof lebt, achtzehn Jahre alt ist und stolz darauf, «die beste Schuhverkäuferin in der Stadt» zu sein, lässt sich, wundervoll leicht erzählt, in Hella Eckerts Roman «Da hängt mein Kleid» nachlesen. Die Stimme der Ich-Erzählerin berichtet in atemlosem Tempo. Eine eigenwillige Schönheit durchzieht diese Sicht auf eine gewöhnliche und doch fremde Welt, in der Höhenflüge - wie aus dem Nichts entstanden - und bleierne Routine einander die Hand zu reichen scheinen.

«Ich war unterwegs, und seit ich Max kannte, reiste ich mit höherer Geschwindigkeit, denn er musste bloss mit den Fingern schnipsen, und die Erde drehte sich schneller. Oder ich drehte mich schneller, das war schwer zu sagen», sinniert Nellie, die Ich-Erzählerin, zu Beginn über das Leben mit Max, einem ebenso charmanten wie phantasievollen Nichtstuer. Der unbeständige junge Mann besetzt als neuer Liebhaber zunächst Bett und Hof, verliert dann im Laufe des Sommers zusehends an Reiz und guter Laune. Er pflegt seine Melancholie und Eifersucht und hat gute Gründe, über sein bisheriges Leben nicht allzu gesprächig zu sein. Hin und wieder packt er sein Bündel, das aus seinen Ausweisen und der Fotografie seiner kleinen Tochter besteht, und sucht das Weite. Auch Nellie überlegt, einen Job in Paris anzunehmen, sobald ihr der Cousin einer Freundin ein Zimmer vermitteln kann.

Was Nellie als Figur auszeichnet, ist eine Sache des Lebensgefühls. Die Freude am einfachen Leben wird gezeigt, die Lust am Rauchen, am Espressotrinken, am Sex, am Unerwarteten und daran, keinen Ehrgeiz zu haben. Dieses Konzept, so schön und in sich schlüssig es ausgebreitet wird, reicht heute zugegebenermassen nicht für ein ganzes Buch. Der Roman begnügt sich daher nicht mit dem euphorischen Zeitgefühl, das während einiger Wochen im Sommer den sanft dahingleitenden Rhythmus der Tage bestimmt. Der zunehmend schwieriger werdende Alltag in der kühleren Jahreszeit wird mit Geschichten angereichert, die von der Vergangenheit diktiert sind.

Das Genre scheint diese Tiefenschärfe zu verlangen. Also gibt es eine Schwester, die sich ebenfalls für Max interessiert, zu viel Valium schluckt und sich schliesslich damit umbringt. Nellie trägt ein dramatisches Geheimnis mit sich herum, das ein bisschen zu gross für die junge Frau ist: Hat sie doch mit fünfzehn eine Abtreibung hinter sich gebracht und damit den Selbstmord des gleichaltrigen Jungen provoziert, der das Ungeborene gezeugt hatte. Ihre neurotische Schwester hat die Fahrt nach Holland finanziert und plagt sich mehr noch als Nellie mit Gewissensbissen. Das hindert sie allerdings nicht daran, Max zu verführen und Nellie vorzuwerfen, dass sie nicht bereit ist, ihn herzugeben. Auch diese Wirren um Liebe und Tod werden mit souveräner Nonchalance erzählt, mit einigen slapstickartigen Passagen und viel eigenwilligem Lokalkolorit verfeinert - und betören in ihrer sicheren Balance am Abgrund durchaus.

Am überzeugendsten aber ist der Roman da, wo eigentlich gar nichts passiert. Nellie verliebt sich ein wenig in Yve, der um sie wirbt und mit bezwingender Selbstverständlichkeit seinen Hut zu tragen weiss. Da es das ist, was ihr am meisten an ihm gefällt, bekommt sie ihn geschenkt: «Yves Hut hing im Flur, als Max kam. Max sagte, was macht denn der Hut von Yve da am Haken? Sonst kam nichts, keine weitere Bemerkung, keine Frage, nichts. Seine Frage haute mich ziemlich um. Nichts war an diesem Abend selbstverständlicher, als dass Yves Hut im Flur hing.»...Fortsetzung

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