Da fährt mein Zug von Peter Kurzeck, 2010, SupposéDa fährt mein Zug.
Erzählung auf CD von Peter Kurzeck (2010, Supposé)
Besprechung von czz in Neue Zürcher Zeitung vom 3.09.2010:

Peter Kurzeck's tänzelndes Erzählen

Als der Frankfurter Schriftsteller Peter Kurzeck unter dem Titel «Ein Sommer, der bleibt» seine Kindheit in freier Rede und ausschliesslich auf Audio-CD publizierte, war das Lob gross ob der Faszinationskraft dieses begnadeten Erzählers. Nun haben sich Klaus Sander, der mit seinem Label Supposé ausschliesslich die gesprochene – notabene: nicht die vorgelesene – Sprache kultiviert, und der Autor auf ein besonderes «Planspiel» geeinigt: Der Autor möge eine in sich geschlossene Erzählung für das CD-Format von knapp 70 Minuten improvisieren. Mit «Da fährt mein Zug» entledigt sich Kurzeck – wer hätte daran gezweifelt – der Aufgabe mit Witz und Grazie. Erneut schöpft er aus dem Fundus der Erinnerung, wenn er das Abenteuer einer Reise von Frankfurt über Strassburg nach Avignon vergegenwärtigt. In narrativen Spiralen des Vorgreifens, Zurücktastens und des akuten Berichts entwickelt Kurzeck minuziös die Verwicklungen um das im Nachtzug in Strassburg nach Avignon deponierte Reisegepäck, welches sich – während der Autor sich auf dem Bahnsteig noch kurz die Beine vertritt – ohne seinen Besitzer in Bewegung setzt – Albtraum jedes Reisenden. Wir erfahren von einer wunderlichen Kette aus Koinzidenzen, Konstellationen und Kooperationen, bis sich der Schriftsteller endlich beim nächstgelegenen Haltepunkt des Zuges wieder mit seinen Habseligkeiten vereint weiss. Um die Erzählung genau auf «Sollzeit» zu bringen, bedient sich Kurzeck quasi tänzelnd der Taktik, erzählerische Volten des Abschweifens oder der Präzisierung zu drehen, um die «Geschichte» nach Massgabe der verbleibenden Zeit zu verlangsamen. Genau in diesen Retardierungen, welche von persönlichen Ritualen, den Reizen Strassburgs oder dem französischen Bahnwesen handeln, liegt der charakteristische Charme von Kurzecks leichtläufigem Erzählen. Dass dieses vom nachgerade unwahrscheinlichen, gleichwohl geglückten Überwinden des Kursbuchs zeugt, fügt der rhetorischen Improvisation den Reiz eines zärtlichen Schelmenstücks hinzu.

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