Dada 15/25.
Dokumentation und chronologischer Überblick zu Tzara&Co. von Raoul Schrott (2005, DuMont).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 8.6.2005:

In der Ferne, bei uns
Gaukler, Spieler, Wolkenputzer: Raoul Schrott packt seinen poetologischen Bauchladen aus

Jeder gute Dichter ist ein Meisterdieb. Mit klammheimlichen Entlehnungen oder versteckten Plagiaten gibt er sich nicht zufrieden; seine Souveränität demonstriert er vielmehr mit dreistem Raub von Zitaten oder Motiven, die er umstandslos in sein eigenes Stilregister zu überführen versteht. Höre ich da Proteste gegen das Lob des literarischen Diebstahls? Das Plädoyer für das hemmungslose Stehlen ist uralt. Literarische Einfälle, so kann man schon bei Gottfried Keller lernen ("Es gibt keine individuelle souveräne Originalität und Neuheit im Sinne der Willkürgenies"), werden nicht durch geheimnisvolle Musenküsse generiert, sondern verdanken sich meist der Anknüpfungs- oder Anverwandlungs-Kunst eines Autors. Im Falle des Dichters Raoul Schrott hat man jedoch dessen diebische Anverwandlungs-Kunst zum Anlass eines jahrelangen literaturkritischen Indizienprozesses genommen. Seit seinem übersetzerischen Parforceritt durch dreitausend Jahre Lyrikgeschichte (Die Erfindung der Poesie, 1997) sind ihm misstrauische philologische Detektive auf der Spur.

Das neue Handbuch der Wolkenputzerei, prall gefüllt mit poetologischen und literaturhistorischen Selbstvergewisserungen des Autors, sollte nun genügen, um das im wesentlichen von Futterneid gespeiste Ermittlungsverfahren endlich einzustellen. Denn dieser "Bauchladen voller Schriften, Reden und Pamphlete" zeigt Schrott auf der Höhe einer essayistischen Intelligenz, an die nur wenige seiner Gegner heranreichen. Das Handbuch liefert ja nicht etwa die notorischen essayistischen Gelegenheitsarbeiten, sondern bündelt in drei von insgesamt acht Kapiteln Grundsatzerklärungen und Verteidigungsreden, die Schrott seinen Kritikern entgegengeschleudert hat.

Vor diesen klugen Abhandlungen zur Aufgabe des Übersetzers und zu den Begrenzungen der Literaturkritik zerfallen alle Scharlatanerie-Vorwürfe zu nichts. In den ersten drei Abteilungen zerpflückt Schrott all die beckmesserischen Einwände, die gegen sein Verfahren der obszön-drastischen Nachdichtung antiker Autoren wie Catull oder Sappho vorgetragen worden sind. Mit Leidenschaft und guten Argumenten plädiert er für Wielands Übersetzungsmaxime, "die verlangt, dass der Autor einer fremden Nation zu uns herüber gebracht werde, dergestalt, dass wir ihn als den Unsrigen! ansehen können". Für Schrott bedeutet das: konsequente Orientierung an der Prosodie unserer Umgangssprache und Verzicht auf historisierendes Vokabular. In seiner verblüffenden Mimikry an alte und neue Sprachen folgt er seinem großen Vorbild H.C. Artmann, der in ihm die Faszination für die Literaturen der Peripherie - etwa für das Okzitanische oder das Gälische - geweckt hat. Eine Artmann-Erbschaft ist auch die Lust an der Maskenspielerei und am Gauklertum, die ihm den Ruch des dreisten Hochstaplers eingetragen hat.

Schiff oder Mythos

Seit Schrott vor einem Kamerateam des österreichischen Fernsehens und in zwei biographischen Fußnoten den Mythos seiner Schiffsgeburt in die Welt setzte, verfolgt man den Anthologisten der Erfindung der Poesie als mutmaßlichen Schwindler. Die schönste Antwort auf diese Hysterien gibt der einleitende Essay des Bandes, in dem Schrott die selbst geschaffenen biographischen Legenden demontiert, nicht ohne mit neuen Mythen zu kokettieren.

So wird schließlich nicht nur für den Gaukler H.C. Artmann, sondern auch für den polyglotten Dichter und Orientalisten Friedrich Rückert ein Denkmal errichtet. Das Rückert-Porträt liest sich dabei wie eine verdeckte Autobiographie des Autors Schrott. Da ist als gemeinsame Antriebskraft jener universalpoetische Furor zu nennen, die Vermessenheit, sich Dutzende von Sprachen aneignen zu wollen und dann auch noch den enzyklopädischen Wissensdurst den eigenen Gedichten zu inkorporieren: "Es muss alles hinein, was ich eben lese", so wird Rückert zitiert: "vor 8 Wochen Spinoza, vor 14 Tagen Astronomie, jetzt Grimm's überschwänglich gehaltreiche Deutsche Mythologie, alles unter der nachlässig vorgehaltenen Brahmenmaske..." Ein solcher universalpoetischer Ehrgeiz trägt indes nicht immer zu stilistischer Eleganz bei. Die Begrenzungen der Wolkenputzer-Essayistik werden sichtbar, wenn in seltsam technizistischer Terminologie nach der "Definition des Gedichts als Modul mit seinen In- und Outputs von Ich und Welt" gefragt wird. Da versickert der Essay in akademischer Dürre. Wo sich die Erkenntnisbewegung aber an konkreten Texten, Dichtern oder auch Musikern entzünden kann - etwa im großartigen Porträt des Bassisten Jaco Pastorius -, da beginnen sich analytischer Diskurs und dichterische Imagination gegenseitig anzutreiben.

Welche ästhetische Passion den Dichter Raoul Schrott zu Beginn seiner Karriere beflügelt hat, illustriert nun auch ein opulenter, großformatiger Dokumentationsband über die kulturrevolutionären Phantasien der Dada-Bewegung, der lange nicht mehr greifbar war. Im Jahr 1986, damals noch als Sekretär des Surrealisten Philippe Soupault, hatte Schrott begonnen, in Pariser Bibliotheken nach den nachgelassenen Schriften des Dadaisten Walter Serner zu forschen und war dabei immer tiefer in den bis dahin unveröffentlichten Briefwechseln der Dada-Pioniere versunken. Was dann 1992 als Dokumentation im Haymon Verlag erschien, war eine literaturhistorische Traumreise zu den frühen Euphorien der Avantgarde. Schrott machte sich den Blick des von ihm übersetzten Zürcher Dada-Impresarios Tristan Tzara zu eigen, der als einziger der ursprünglichen Akteure den Dada-Prinzipien treu blieb. Dass man aber den Zirkeln der Avantgarde und den literarischen Gemeinden prinzipiell entlaufen muss, um den Furor des Dichtens weiter entfachen zu können, diese Lektion erteilt erst das Handbuch der Wolkenputzerei.

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