Cupido.
Roman von Jilliane Hoffman (2004, Wunderlich).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 17.3.2004:

Sex, Lügen und Gemeinheit
Der Erfolgsroman "Cupido" von Jilliane Hoffman ist von schockierender Brutalität

Er liegt in den Schaufenstern aller Buchhandlungen, in den Bestsellerlisten rangiert er ganz oben: Der Roman "Cupido" von Jilliane Hoffman. Cupido, das ist der Liebesgott, Cupido bedeutet "sinnliche Begierde" - auch das wird zum Kauf reizen. Vor allem aber ist dieses Buch ein Kriminalroman, für viele die liebste Lektüre.

Die Gattung hat eine ehrenwerte Tradition. Kriminalromane als geistreiche Rätsel können eine faszinierende Lektüre sein, viele haben ein beachtliches literarisches Niveau. Wie bei allem, was gedruckt wird, gibt es aber auch hier Konsumware ohne Anspruch. Jilliane Hoffmans Erstling ist keins von beidem. Er ist nicht nur ordentlich geschrieben, er ist kunstreich entwickelt. Spannend wie Daumenschrauben, fesselnd wie ein Strick um den Hals.

Eine junge Frau wird eine Nacht lang gefoltert und vergewaltigt. Jahre später ist sie Staatsanwältin und steht in einem Mordprozess dem Mann gegenüber, der sie damals körperlich und seelisch schwer verletzt hat. Mord, Sex, Lügen und Gewalt, und der Wunsch nach Vergeltung - das sind bewährte Bestandteile. Doch Jilliane Hoffman rührt etwas eigenes, besonders Giftiges zusammen. Schlau spielt sie mit dem Grauen, legt blinde Spuren, verbreitet Gewissheit und schürt Argwohn. Da sind der schreckliche Nachbar und der schlimme Vertraute, und da ist nicht zuletzt eine Autorin, die ihre Kompetenz mit ihrer Biografie belegt: Jilliane Hoffman, blond wie die Opfer ihres Serienkillers, war Staatsanwältin in Miami, wie Chloe, ihre Heldin.

Schlecht ist das nicht, auch wenn die Sprache manchmal schludrig ist, auch wenn böse Populärität nicht gescheut wird und das Finale maßlos überzogen ist. Es ist brutal; und daran, wie er dazu steht, wird sich für den Leser entscheiden, ob er es für gut hält.

Nein, Krimifans kann sowas nicht schocken. Doch wer sich eher gegen seine Neigung, durch die Allgegenwart des Romans, zum Lesen verleiten lässt, der könnte Beklemmung spüren und Abscheu. So viele vergewaltigte, aufgeschlitzte Frauen, so viele verstümmelte Leichen.

Kenner sagen, dass Jilliane Hoffman eine besonders begabte Kriminalautorin sei. Sie folgt dem Trend. Und man darf schon fragen, wie es dazu kommen konnte, dass die Betrachtung von Geilheit und Gemeinheit, von Brutalität, Ekel, Perversion und Gewalt zum Inbegriff entspannender Unterhaltung wurde.

Der gewaltsame Tod gehört zum Alltag, Mord und Krieg bestimmen die Nachrichten. Vielleicht ist Gewohnheit der Grund für den gelassenen Umgang mit dem Grauen. Vielleicht ist die Freude am vorgeführten Sterben auch eine mittelalterliche Lust, die der aufgeklärte Mensch vergessen hat abzulegen.

Der Anschlag in Madrid löste Empörung und Entsetzen aus, doch wo es um virtuelle Tote geht, gibt es weder Lähmung noch Wut. Da wundert einen nichts mehr, auch Mel Gibsons Jesus-Film nicht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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