Culpa von Walter Kempowski, 2005, Knaus

1.) - 2.)

Culpa - Notizen zum Echolot.
Buch von Walter Kempowski (2005, Knaus).
Besprechung von Wolf Scheller aus den Nürnberger Nachrichten vom 5.03.2005:

Grausiger Untergang im Herzen Europas
Walter Kempowski hat „Das Echolot“ mit einem Abgesang auf das Kriegsende abgeschlossen

Walter Kempowski (75) hat seit 1978 private Aufzeichnungen und Fotos von Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg gesammelt. In seinem Haus in Nartum bei Bremen verfügt er heute über ein Archiv mit 8000 unveröffentlichten Tagebüchern und Fotosammlungen. Kempowski wollte daraus zunächst ein komplettes „kollektives Tagebuch“ aller 2077 Kriegstage montieren. 1993 veröffentlichte er die ersten vier Bände mit Texten zur Stalingrad-Schlacht von 1943. Nach dem sensationellen Erfolg folgten ein Band mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941, vier über den Zeitraum um die Bombardierung Dresdens und jetzt der zehnte und letzte über das Kriegsende ’45. Kempowski hat den Zeitzeugnissen kein eigenes Wort hinzugefügt.

20. April 1945, Hitlers Geburtstag, Martin Bormann notiert: „Leider nicht gerade ,Geburtstags-Lage’“. Die Welt in Scherben. In Bohnsack bei Danzig läßt ein Hauptmann Farnbacher Brötchen und Alkohol verteilen, die Offiziere seines Regiments bekommen zur „Führerehrung“ Musik von Haydn und Bach „serviert“. In Berlin-Kreuzberg hat der Ortsgruppenleiter „alkoholische Beuteware“ verteilt. „Die meisten Parteigenossen saßen oder lagen auf dem Rinnstein; sie waren betrunken“, heißt es in einer Tagebuchnotiz. „Die Stunde der Bewährung hat geschlagen!“, verkündet ein „käsebleicher“ junger Mann vor „den alten Kämpfern“ des Führers, die sich kaum erheben konnten und bekotzte Uniformen hatten.

„Kollektives Tagebuch“

Dieses letzte „kollektive Tagebuch“ aus Walter Kempowskis Krähenhof, wie er sein Haus Kreienhoop in Nartum nennt, sammelt aus den letzten Kriegstagen Notate aus Briefen und Aufzeichnungen, Erlebtes und Erlittenes von bekannten und unbekannten Zeitgenossen. Das grausig Bizarre einer Weltuntergangs-Szenerie, eines Grand Guignol im Herzen Europas - noch einmal, ein letztes Mal hat der Erzähler und Chronist den Kosmos einer kollektiven Erinnerung zu einem Berg von einzigartiger Geschichtsbezeugung aufgetürmt, getreu dem Motto, dass „Vergangenheit, die einzige Zeit ist, die es wirklich gibt“.

Walter Kempowski setzt mit diesem Band den Schlussstein seiner literarischen Jahrhundertcollage „Echolot“, die die Zeit des Zweiten Weltkrieges über die Distanz von 2077 Tagen des Mordens und des Zerstörens auf einer eigenen „Sprechspur“ choreografiert. Hier überwiegt in den Tausenden von Erinnerungsfragmenten der Tonfall der zur Schlachtbank geführten Opfer, der Soldaten, die von der Front an ihre Familien schreiben, und Kempowski wurde darüber zu einer Art Buchhalter der Zeitgeschichte, der aus den zusammengetragenen Archivalien den Originalton schöpfte, der nun auch das Finale dominiert.

Im Schlussband beginnt dies mit Hitlers 56.Geburtstag und findet seinen Höhepunkt in den Schilderungen vom 8. und 9. Mai ’45. Dazwischen die Tage vom 25. bis zum 30. April mit dem Selbstmord des Diktators. Im Unterschied freilich zu den früheren „Echolot“-Bänden lässt sich Kempowski nicht mehr auf eine tagtägliche Rubrizierung ein. Er fasst zusammen, nimmt sich spektakuläre Ausschnitte vor, und immer wieder kommen in diesem vielstimmigen Chor Erinnerungen verschiedenster Herkunft zu Wort. Die Flüchtlingsfrau aus Breslau ebenso wie der sowjetische Pionier, der seiner Mutter aus dem eroberten Berlin schreibt: „All das Gewaltige und Unwiederholbare, was in diesen Tagen an meinen Augen vorbeigezogen ist, wird niemals aus meinem Gedächtnis verschwinden“.

Es sind Stimmen aus dem Untergang, die sich in diesem Finale melden, Stimmen, die wie aus einer Nebelwand zu einem Erinnerungs-Chor anschwellen. Dazwischen hat Kempowski Passagen aus Hitlers Testament und letzten Befehlen eingestreut, die ihre Adressaten nie erreicht haben - oder auch Parolen vom „Durchhaltewillen“ wie das Gebet aus dem Radio: „Herrgott, steh dem Führer bei; gib, dass Dein Werk sein Werk sei . . .“

Schuld und Sühne

Erinnerungen von KZ-Häftlingen, die in diesen letzten Kriegstagen den Todesmarsch aus den Lagern überlebt haben, wechseln mit den Zeugnissen von Frauen, die beim Vormarsch der Roten Armee Opfer von Vergewaltigungen wurden. Oder von Ostarbeiterinnen, die über die Schikanen berichten, denen sie bei ihrer deutschen Herrschaft ausgesetzt waren. Die Egalisierung der Opfersituation wird jenseits der Debatte über Schuld und Sühne immer wieder in solchen Tagebucheintragungen beschworen. Schließlich die Kapitulation: Truman, Churchill, Stalin, auch de Gaulle - die Sieger kommen zu Wort, ihr Triumph kontrastiert scharf zu den Stimmen des Elends aus den großen Gefangenenlagern im Westen, im französischen Rennes oder auf den Rheinwiesen bei Remagen.

Im fernen Amerika hört Bertolt Brecht um sechs Uhr morgens die Nachricht von der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands: „. . . zuhörend betrachte ich den blühenden kalifornischen Garten“. Am Ende zitiert Kempowski das Hölderlin-Wort: „Der Menschen Thätigkeit beginnt mit neuem Ziele, so sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele . . .“ Der Autor als Chronist, der das Leben rückwärts laufen lässt. Das Stimmengewirr, das Kempowski im „Echolot“ zu einem einzigartigen Chor der Schicksalsergebung geformt hat, wird noch lange nachhallen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten

***

Culpa von Walter Kempowski, 2005, Knaus2.)

Culpa - Notizen zum Echolot.
Buch von Walter Kempowski (2005, Knaus).
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 15.03.2005:

Das Echolot - Abgesang
Der letzte Band von Walter Kempowskis Mammutwerk ist erschienen. Brauchten wir weitere Informationen zu 1945? Antwort: Ja.

Noch nicht genug des Sammelns und Suchens, des Kopierens von Tagebüchern, Feldpostbriefen, Wehrmachtsberichten? Kein Ende des Katalogisierens und Gewichtens? Selbst wer Walter Kempowski für einen großen Schriftsteller hält und für ein herausgeberisches Genie ohnehin, durfte angesichts des lange angekündigten Projektes skeptisch sein: Brauchte das zunächst vierbändige, die Monate Januar und Februar 1943 jeweils zur Hälfte umfassende und durch "Barbarossa 41" (Russlandfeldzug) und "Fuga Furiosa" (Januar/Februar 1945) ergänzte "kollektive Tagebuch" noch eine Ergänzung? Hatten nicht Hoch und Niedrig, General und Schütze Arsch, Flüchtlinge und Gefangene, Schriftsteller und Politiker des 20. Jahrhunderts größte Katastrophe exemplarisch so dargestellt, dass es dem Leser schier den Atem verschlug? Brauchen wir nun noch einen Band "Das Echolot - Abgesang 45"? Der Band liegt jetzt vor, und Kempowski behält wieder einmal Recht. Schon beim ersten Blättern ist es uns, als hätten wir genau auf dieses Buch gewartet. Und natürlich ist das Timing von Autor und Verlag großartig: Exakt zum "Untergangs"-Gedenken, exakt zu Hitlers und seiner Paladine Höllensturz liegt dieses Kompendium von Zeitzeugnissen vor, das drei Daten dokumentiert, die es in sich haben: Am 20. April begeht Hitler in seinem Berliner Bunker den letzten Geburtstag, am 25. April reichen sich Sowjets und Amerikaner an der Elbe die Hand, am 30. April bringt der "Führer" sich um, das Datum "8./9. Mai" umfasst die Kapitulation der Wehrmacht. Geschichtsschreibung muss auswählen und komprimieren. Die Intensität der Methode Kempowski entspringt der konträren Technik: aus der Fülle der Originalunterlagen entsteht das Bild. Während Oberleutnant Kroemer den Einbruch der Russen in Berlin-Tempelhof schildert, sendet der "Größte Feldherr aller Zeiten" noch Befehle an die Generalität, die die Vereinigung nur noch in Fetzen bestehender Armeen verlangen.

Und ordentliche deutsche Kellner

Richard Strauss gibt sich in Garmisch den Amerikanern als Rosenkavalier-Komponist zu erkennen und entgeht der Beschlagnahme seines Anwesens; das ist auch der Tag, an dem Hitler sein "Politisches Testament" diktiert. Der belgische SS-Offizier Degrelle beobachtet, wie die ordentlichen deutschen Kellner im Hotel Adlon im untergehenden Berlin pure Kohlrabi-Schnitzel servieren - aber auf altem Silber. Was Brecht, Jünger, Thomas Mann oder die Tänzerin Mary Wigman notieren, erfahren wir ebenso wie die Berichte von der Vertreibung aus dem deutschen Osten und der Flucht in Treck und über See.

Kempowski setzt zudem die Technik der Doppelbelichtung ein. Hitlers Tod wird von verschiedenen Zeugen berichtet, die Begegnung der Alliierten an der Elbe von russischen und amerikanischen Offizieren, die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde vom Generalfeldmarschall selbst, durch eine Meldung der "Neuen Zürcher Zeitung", vom Sowjet-General Shukow, vom Frontberichterstatter Simonow und vom Marineadjutanten Butcher. Als entstünde ein geistiges Hologramm, erzeugt diese Multi-Dokumentation eine fabelhafte Mehrdimensionalität. Das schafft kein Film.

Fügen wir hinzu, dass zugleich ein Tagebuch von Kempowski "Culpa - Notizen zum Echolot" erschienen ist. Es beginnt 1978 mit ersten Gedanken über ein Archiv für ungedruckte Autobiographien und endet 1993 mit der Ankunft der ersten Exemplare des "Echolots" beim Dichter und Sammler daheim bei Nartum. Dazwischen liegt ein unermüdliches Suchen nach Quellen, ein steter Streit um Druckrechte, schließlich ein verzweifelter Verlag, der sich nicht immer sicher war, dass solch ein Tagebuch sich verkaufen lassen würde und fast erdrückt worden wäre vom reinen Umfang tausender Manuskriptseiten.

Hoch interessant für alle, die über Literaturentstehung etwas lernen wollen, zumal Kempowskis Erinnerungen auch die Erfahrung der anderen Seite aus der Feder des Lektors Karl Heinz Bittel zugefügt ist. "Culpa" übrigens ist das lateinische Wort für Schuld", die Kempowski mit "Echolot" an den Opfern des Krieges abtragen wollte. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung