Credo und Credit von Doron Rabinovic, 2001, SuhrkampCredo und Credit
Essay von Doron Rabinovici (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Vladimir Vertlib aus Rezensionen-online *LuK*:

Am Anfang war der Jude und der Jude war bei Gott… Die Christen hatte er mit Credo und Credit zu versorgen. Er sollte dem Abendlande Wahrheit und Währung leihen.« Die Hüter der Gebote des einen, allmächtigen Gottes im Sinne des alten Bundes dienten den Christen als »negative Opferpriester«, als Gottesmörder. »In der Gestalt des Sohnes fällt Gott selbst den Händlern, den Gläubigern, den Juden zum Opfer, um zu versinnbildlichen, daß von jeder Ware, von allem, selbst vom Geld, immerzu ein Zins geopfert werden muß.« Das Geld verkörperte ursprünglich auf symbolische Weise die Opfergaben an die Götter. Durch das Christentum wurde es seines sakralen Charakters beraubt. Geopfert wurde der Gottessohn, und dieser selbst hatte die Händler aus dem Tempel vertrieben. Aus Zins wurde Wucher. Da es aber der Jude war, der für das Christentum den Gottesmord und das schlechte Geld verkörperte, heißt folgerichtig das antisemitische Opferfest Pogrom.

Über diese unselige Verbindung von Geld, Religion, Opferkult und Antisemitismus schreibt der 1961 geborene Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici in seinem Essayband »Credo und Credit«.

Geht man davon aus, daß es zu den Aufgaben des Intellektuellen gehört, nicht nur über den Zustand der Welt nachzudenken, sondern auch Haltung zu bewahren und unangenehme Positionen einzunehmen, so trifft diese Definition auf Doron Rabinovici im besonderen Maße zu. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er als einer der Hauptinitiatoren des Widerstandes gegen die schwarz-blaue Regierung und als streitbarer Journalist bekannt. Daß er auch ein guter Schriftsteller ist, hat er mit seinem Erzählband »Papirnik« und dem Roman »Suche nach M.« bewiesen.

Der nun vorliegende Band enthält Autobiographisches und Historisches, behandelt gesellschaftspolitische und literarische Themen, vor allem aber setzt er sich mit Österreich und dem Judentum auseinander. Daß eine Abhandlung über den jüdischen Witz nicht fehlen darf, wird für alle, die den leidenschaftlichen Witzeerzähler Rabinovici persönlich kennen, keine Überraschung darstellen.

Das allen Texten Rabinovicis innewohnende Leitmotiv ist die Erinnerung. In der »Erinnerung bis an den Anfang aller Zeiten« liege die jüdische Hoffnung auf Errettung, und nicht »im Glauben an ein Ende, an den Opfertod des Sohnes, an den jüngsten Tag…«

Daß Rabinovici immer wieder über die Schwierigkeit, kollektiver Erinnerung eine angemessene Form zu geben, reflektiert, hat aber primär mit dem Land zu tun, in dem er lebt. In Österreich, das sich jahrzehntelang nur als erstes Opfer Hitlers gesehen haben wollte, haben, laut Rabinovici, sogar Denkmäler gegen »Krieg und Faschismus« mehr der Vertuschung und Verfälschung als der Mahnung gedient. »Das antifaschistische Mahnmal am Wiener Morzinplatz rechnete die jüdischen Ermordeten kurzerhand dem patriotischen Widerstand gegen das Dritte Reich zu«, heißt es. Die Juden seien jedoch nicht für Österreich »gefallen«, sondern von antisemitischen Landsleuten ermordet worden. Das viel später entstandene Denkmal von Alfred Hrdlicka spare die Vernichtung zwar nicht aus, verschränke und vermenge sie aber mit dem Krieg. Außerdem werde das Opfer in der Form eines straßenwaschenden Juden zur Schau gestellt, während die Täter im Arrangement zur Gänze fehlen.

Der Autor weiß natürlich, daß es »keine endgültig richtige Art des Erinnerns an Auschwitz gibt«. Während in Berlin viele angesichts des sich in Bau befindenden gigantischen Holocaustdenkmals die »Endlösung der Erinnerung« befürchten, werden in Hollywood retuschierte Varianten von Verfolgung und Shoa für die Leinwand inszeniert. Doch beweise gerade diese »Tendenz, das Gedenken an die Vernichtung zu verkitschen … wie sehr die Erinnerung noch verstört«.

Keine eindeutige Antwort findet Rabinovici darauf, wie man jenen zu begegnen hat, die nicht verstört werden wollen und deshalb behaupten, der Massenmord an den Juden habe gar nicht stattgefunden. Wer die Diskussion mit ihnen verweigere, gleiche einem Dogmatiker, wer sich auf ein Gespräch mit ihnen einlasse, erkenne sie als gleichwertige Gesprächspartner an und habe bereits verloren…

Pointiert wird der Autor, wenn er über sein Geburtsland Israel schreibt. Gäbe es diesen Staat nicht, erklärt er, »hätte sich die Situation der Juden nach dem nationalsozialistischen Massenmord kaum verändert. Sie wären Geduldete, bestenfalls Bemitleidete, zumeist jedoch Verachtete.« Wer dem widersprechen möchte, sei an die Tatsache erinnert, daß Auschwitz nicht bombardiert wurde, »weil die Alliierten im jüdischen Leid nichts Bedeutendes sahen«, oder an das Schicksal der Roma und Sinti, die auch nach 1945 weiterhin diskriminiert wurden.

In seinen Essays zu literarischen Themen beeindruckt Rabinovici durch stilistische Präzision und die Stimmigkeit von Metaphern und Bildern. Über die Bücher von Leo Perutz schreibt er zum Beispiel: »Es ist, als schaue der Leser auf eine Glasmalerei, blicke zur gleichen Zeit hindurch und sehe darin auch noch sein eigenes Spiegelbild.« Auch bei Perutz gehe es um Erinnerung im weitesten Sinne. Dessen historische Romane bezeichnet Rabinovici treffend als »mistorische Hysterien«, weil es sich bei ihnen weder um Mysterien noch Historien, sondern um literarische Verfremdungen kollektiver jüdischer Erinnerungen und Ängste handelt.

Die Stärke von Rabinovicis Essays liegt nicht darin, daß sie neue Erkenntnisse liefern. Vieles, was hier erklärt wird, ist offensichtlich. Was diese Texte wertvoll macht, ist die Fähigkeit des Autors, das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. Damit hat sich Rabinovici bis jetzt schon mächtige Gegner geschaffen. In der »Kronenzeitung«, die dafür sorgt, daß in Österreich »Klarheit jenseits der Aufklärung herrscht«, erschien vor einiger Zeit der Vers: »Was Monsieur Moscovici sprach / spricht Herr Rabinovici nach«, und Haiders Kulturberater Andreas Mölzer bezog sich in einem Artikel auf den Schriftsteller »Doron Rabbi-novici«, nachdem er sich zuvor schon über den »romantisch klingenden Vornamen Doron« ausgelassen hatte.

Rabinovici hat sich damit abgefunden, daß er in Österreich nie gänzlich heimisch werden kann. »Sogar in den Augen vieler, die mein Schreiben oder mich schätzen«, erklärt er, »bin ich kein echter Österreicher und werde es nie sein… Ich bemühe mich gar nicht, diese Meinung zu widerlegen.« Auch heute noch verspürt der in Tel-Aviv Geborene ein fernes Heimweh nach seiner Muttersprache Hebräisch, in der es ihm allerdings, wie er zugibt, »an Schnelle und Behendigkeit« fehle. Anders das Deutsche, das ihm leidenschaftlich näher, weil fremder sei: »Wo andere manch Wortspiel meiden wie ein Inzesttabu, fühle ich einen Reiz des Exotischen.«

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