Crazy von Benjamin Lebert, 1999, Kiepenheuer & WitschCrazy.
Roman von Benjamin Lebert (1999, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Michael Amon :

Können 150.000 Leser irren? Sie können.

Daß ein Teil des Großfeuilletons wegen dieses Buches in Begeisterungsstürme verfallen ist, sagt weniger über die Qualiät des Buches aus als über die der Literaturkritik. Wer sich an philosophischen Erkenntnissen wie "Wir sind alle Fleischbrocken in einer verdammten Chappi-Dose. Wir schwimmen alle in der gleichen Scheiße." ergötzen will, bitte sehr!

Wer sich am falschen Gebrauch von Fremdwörten erfreuen will, bitte, hier wird er fündig: "Die Hose rutscht herunter, und uns wird ein nackter Arsch demonstriert."

Wer gerne einen Autor liest, der mit den Worten kämpft und unterliegt, bitte: "Sie war unbeschreiblich hübsch. Stets trug sie ein enges T-Shirt, das sich nur am Dekolleté von der Haut löste."

Wem Klischées über alles gehen, warum nicht: "Ihr Lippen sind voluminös." Und wem das noch nicht reicht, die Wortgewalt des Autors kennt keine Grenzen: "Ihre großen Brüste hängen nun praktisch in meinem Gesicht."

Der Autor, 16 Jahre alt, hat offenbar sein Wissen über die Welt aus diversen Talk-Shows bezogen, das kann man ihm nicht vorwerfen. Daß ein Lektorat so etwas für gute Literatur hält, scheint durch den Verkaufserfolg gerechtfertigt. Ein Teil der Kritik jubelt schließlich ebenfalls. Das sollte einen aber nicht daran hindern, bei der eigenen Meinung zu bleiben: vielleicht probiert es der Autor in zehn Jahren nochmals, am besten mit einer Lektorin oder mit einem Lektor, die etwas von Sprache und Literatur verstehen.

(Ich akzeptiere allerdings durchaus, daß Bravo-Leser im Alter von 14 oder 15 Jahren in diesem Buch ihre Probleme wiedererkennen. Bei Leserinnen bin ich da schon skeptischer!)

Weinempfehlung:
Wenn noch auftreibbar: ein gepantschter, burgendländischer (Glykol-)Süßwein aus der Zeit vor dem Weinskandal, Cola-Rum, Cuba-Libre, Martini geschüttelt und gerührt.

Plattenempfehlung:
Biolek singt seine besten Rezepte - gibt es leider noch nicht. Und sonst? Vielleicht die eine oder andere Paul McCartney-Schnulze, Amanda Lear, Ute Lemper - das Grauen ist grenzenlos!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Michael Amon.Literatur aus Österreich]

Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Michael Amon