Cowboysommer von Hansjörg Schertenleib, 2010, AufbauCowboysommer.
Roman von Hansjörg Schertenleib (2010, Aufbau).
Besprechung von Sibylle Saxer in Neue Zürcher Zeitung vom 16.11.2010:

Männer, Musik und Motorräder
Hansjörg Schertenleibs neuer Roman «Cowboysommer»

Die Chilbi-Szene mit den Autoscootern steht für Hanspeters und Boyroths ganze gemeinsame Geschichte: «Wir waren uns ohne darüber zu reden einig, nicht zusammen in einem Wagen zu fahren. Es gelang uns nur zwei Mal, ineinander zu krachen, das Gedränge auf der Fahrfläche war zu gross und wir wurden immer wieder abgedrängt und auseinandergetrieben.» Kurz und intensiv ist die Beziehung der beiden 17-Jährigen, beschränkt sich nur gerade auf den Sommer 1974 und zwei weitere Treffen, 1980 und 2010.

Als Hanspeter Boyroth, wie sich Walti Roth nennt, kennenlernt, weiss er sofort, dass Boyroth sein «Verbündeter gegen Lehrer und Vorgesetzte, gegen Eltern und Erwachsene überhaupt» ist, jener Freund, mit dem er seine «selbstgewählte Einsamkeit» teilen will. Der schüchterne Hanspeter ist augenblicklich fasziniert von Boyroths Auftreten, seiner charismatischen, selbstsicheren Art. Von Stund an tut Hanspeter alles, um Boyroth zu gefallen, in der Hoffnung, dank ihm ein anderer zu werden. Als Erstes verpasst ihm der neue Freund einen neuen Namen: «<Etwas dagegen, wenn ich dich Gönggi nenne?> Ich schüttelte den Kopf.» Fortan sind die beiden unzertrennlich. Einen Sommer lang hören sie gemeinsam Musik – von Led Zeppelin über Canned Heat bis Frank Zappa, sicher nicht Abba – basteln an ihren Mopeds herum und rauchen Gras im Versuch, dem «Hamsterrad der Väter» zu entkommen. Das Streben nach Freiheit gipfelt in einem gemeinsamen Motorradausflug. Mit grossen Maschinen – als moderne Cowboys – flitzen die jungen Männer mit Fabio, dem Dritten im Bunde, durch die Sommernacht, ohne Führerschein, mit gestohlenen Nummernschildern. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt bis zu jenem Punkt, an dem das profane Leben in Form eines Unglücks sie wieder einholt und sie aus der gemeinsamen Bahn wirft.

Ist Hansjörg Schertenleib einer jener Autoren, die am besten schreiben, wenn sie von Selbsterlebtem erzählen? «Cowboysommer» legt genau diesen Schluss nahe. Die Analogien zwischen Erzähler und Autor sind frappant. Der Ich-Erzähler ist im selben Jahr wie der Autor, 1957, ebenfalls in Zürich geboren, gelernter Schriftsetzer und später ein anerkannter Schriftsteller wie dieser. Für den Leser ist aber die Frage irrelevant, wie autobiografisch dieses Buch nun sein mag. Ist doch Schertenleibs jüngster Roman, der ohne aufwendige Erzählmittel, nur gerade mit Zeitsprüngen operiert, eine fiktive Geschichte, die wohl von der damaligen Realität inspiriert ist, aber in sich funktioniert.

Durch die erlebte, aber aus der Distanz erzählte Nähe gelingt in «Cowboysommer» etwas, das im letzten Roman Schertenleibs, «Das Regenorchester», zu wünschen blieb: Die äussere Topografie und jene der Seele korrelieren in überzeugender Weise. Es sind nicht mehr die Landschaftsbeschreibungen, die den Gesamteindruck dominieren. Zwar zeichnet sich auch «Cowboysommer» durch atmosphärische Dichte aus, doch das Hauptaugenmerk liegt nun bei den Figuren, die alle für etwas stehen: Boyroths Schwester Yolanda, in die Gönggi sich unsterblich verliebt, für die Hippie-Bewegung; der griesgrämige Nachbar Boyroths für das zornige Establishment; Hanspeters WG-Partner Brätschgi für die 1980er Unruhen. Vielleicht ist «Cowboysommer» dadurch weniger eindringlich als «Das Regenorchester», manche Szenen fallen recht krud aus – aber genau dadurch gewinnt Schertenleibs jüngster Roman an Authentizität.

Mit dazu beiträgt die psychologische Stringenz, mit der die beiden Protagonisten gezeichnet sind. Es ist glaubwürdig, wie Gönggi vom beobachtenden Mitläufer zum Autor wird, der schliesslich sogar einen Zugang zum einst verhassten Vater findet. Glaubwürdig auch, wie Boyroth, der in seiner Jugend alles dafür tat, «seine Träume zu erfüllen», an seiner Schuld zerbricht und ein Dasein als Schausteller fristet. Dass daneben auch einige weniger plastische Figuren aus offensichtlich strategischen Gründen eingeführt werden – etwa Adi, der als Kontrastfigur in seiner offen zur Schau gestellten Homosexualität die Beziehung von Gönggi und Boyroth vom Verdacht der Homoerotik befreien zu müssen scheint –, schmälert das Leseerlebnis nicht. Das übrigens nicht nur Männern und Siebziger-Jahre-Nostalgikern vorbehalten ist.

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