Cold Water von Gwendoline Riley, 2008, SchöfflingCold Water.
Roman von Gwendoline Riley (2008, Schöffling&Co. - Übertragung Sigrid Ruschmeier).
Besprechung von Bernadette Conrad in Neue Zürcher Zeitung vom 2.10.2008:

Nicht gerade der glücklichste Mensch
Das Romandébut der jungen Engländerin Gwendoline Riley

Wo ist Margi geblieben? War sie nicht Carmels beste Freundin gewesen, die Kollegin, mit der man sich nach Schichtende das Freigetränk mixte und lernte, seine Sorgen wegzutanzen? Die für Carmel sogar einmal der Grund gewesen war, in Hendriks Bar um einen Job anzufragen?

Als Margi eines Abends nicht mehr aufkreuzt, springen die Kolleginnen für sie ein, bis sich herausstellt, dass Margi und ihr Freund für zwei Wochen in den Urlaub gefahren sind. Das war's dann wohl – mit Margis Job in der Bar, mit Margis Rolle in Carmels Leben, und wer meint, dass Carmel darüber auch nur mit der Wimper zucken würde, liegt falsch. Die Welt, in der man Erklärungen abgibt und Enttäuschungen erleidet und Entschuldigungen formuliert, ist definitiv nicht hier zu finden – im unterkühlten Kosmos der 20-jährigen Kellerkinder von Manchester.

In Gwendoline Rileys Roman wird viel geredet und getrunken und viel geschwiegen und getrunken, und wenn niemand zum Reden oder Schweigen da ist, dann grübelt man allein so lange, bis ein Drink den Grübeleien die Schärfe nimmt. «Ich dachte an all die jämmerlichen Typen, die Nacht für Nacht in meine Bar geschwemmt wurden, die gleichen abgedroschenen Märchen erzählten, die moralisierenden Ausreden, die Eifersuchtslügen auftischten, nur damit ich wusste, wann und wie und warum. Was dachten sie wirklich? Und wie war es für sie, wenn sie einander ansahen und sich selbst sahen?» Ein Schluck Baileys, warm und süss, wird Carmels Gedankenstrom beenden.

Erfrorene Seelen

«Cold Water» ist ein gleich mehrfach passender Titel für den schmalen Erstlingsroman der 29-jährigen Britin. Gegen die Kälte, die in der zerrütteten Häuserlandschaft Manchesters so unabwendbar in alle Beziehungen hineinzukriechen scheint wie das Pfützenwasser in Carmels löchrigen All-Stars-Schuh, kommt nichts an. Wie denn auch. Coolness lautet eben die Antwort auf herrschende Kälte. Coolness als das Beste oder Einzige, was aus Kälte gewonnen werden kann. Die psychologischen Hintergründe dieser trüben Realität werden kaum berührt, und wenn, dann nur um kurz und knapp Unabänderliches zu skizzieren. Natürlich gibt es traurige Geschichten zu erinnern, und natürlich war es schlimm, dass Carmel sich immer um ihre Mutter Sorgen machte, «es gibt nichts Schlimmeres» – aber inzwischen sind die Eltern «nur noch Figuren, die vom Spielbrett genommen worden sind». Und dann gibt es die jüngste der traurigen Geschichten: als Tony neulich mit ihr Schluss gemacht hat, weil er es («ehrlich gesagt») ein bisschen anstrengend fand, dass Carmel «nicht gerade der glücklichste Mensch zu sein» schien. Aber Carmel kennt ja «Regel Nummer eins», die da lautet, nicht weinen, nichts fragen, nichts diskutieren. Wer auch immer diese Regel aufgestellt hat, hat sich vielleicht keine Gedanken gemacht um das, was aus dieser Regel mit Notwendigkeit folgt: Später, allein, wird man sich betrinken müssen.

Glaubt man Gwendoline Rileys dicht erzähltem Début, dann ist jene Unverbundenheit, die aller geschilderten Unverbindlichkeit zugrunde liegt, etwas, das tiefer greift als bis zur Frage, wie regelmässig man seine Eltern oder Freunde sieht und wie gut man mit einem Ex-Partner auskommt. Unverbundenheit kann der Modus eines Lebens sein, in dem die Leerräume zwischen einer Plauderei am Tresen und einem Ausflug mit der Freundin nicht mehr vom inneren Gespräch mit sich selbst überbrückt werden können.

Sehnsucht nach einer Geschichte

Ist «Cold Water» denn die Geschichte einer jungen Alkoholikerin? Von einer jedenfalls, die auf dem besten Weg ist, es zu werden, und die selten eindrücklich das Thema der Selbstentfremdung in die Mitte ihrer Geschichte rückt. Carmel ist verwandt mit der nachdenklichen jungen Lou aus M. J. Hylands «Schlaflos», die harte Momente mit Hilfe von Ginfläschchen besteht, und sie könnte enden wie die nachgerade professionelle Trinkerin Hannah Luckroft aus A. L. Kennedys «Paradise». Noch ist Carmels Zukunft nicht endgültig entschieden. «Wenige Menschen wollen einen wirklich kennenlernen. Ich bin inzwischen so weit, dass ich zu allem Abstand halte. Die warme Flut der Dinge an mir ablaufen lasse.» Die Geschichten und Figuren aus Carmels Leben ragen in den Roman hinein wie abgerissene Fäden, ohne Anbindung. So muss sich Leben für Carmel anfühlen. Einzig im Vorgang des Erzählens selbst, im bruchstückhaften Erinnern, ist Sehnsucht zu lesen – Sehnsucht nach einer Geschichte mit Anfang und Ende. Eine solche Geschichte würde in Cornwall spielen – die südenglische County ist für Carmel zur Formel für das Heile schlechthin geworden; für jenen entfernten, aber nicht unerreichbaren Ort, an dem manche Leute Ferien machen und andere eine Kindheit verlebt haben mit Klavierunterricht.

Aber wo ist Margi geblieben? Der Roman lässt sie nicht ganz ohne Abschied gehen – anders als Carmel selbst, die auf ein Konzert von Margis Freund geht und sie dort am Rand der Bühne sitzen sieht, «wunderschön . . . in den blauen Lichtbahnen». Nach dem Konzert aber wird Carmel nach Hause gehen, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne vorn an die Bühne gegangen zu sein – so, als hätte sie Margi nie gekannt.

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