Cliehms Begabung.
Roman von Michael
Wallner (2000, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Martin Lüdke aus der Frankfurter Rundschau, 8.2.2001:
Nach diesem Satz könnte es anfangen, und alles könnte gut werden:
"Vor Cliehm liegt die Nacht, nur erhellt durch seine Gedanken." Leider aber
endet damit Michael Wallners doppelt misslungenes Debüt als Erzähler. Der 1958 in Graz
geborene Autor hat als Schauspieler immerhin am Wiener Burg- und dem Berliner
Schiller-Theater auf der Bühne gestanden. Er hat an großen deutschen Bühnen als Opern-
und Schauspielregisseur gearbeitet, und schließlich im vergangenen Sommer im Leipziger
Reclam Verlag seinen ersten Roman Manhattan fliegt veröffentlicht, dem im späten
Herbst gleich ein zweiter folgte, Cliehms Begabung, in der Frankfurter
Verlagsanstalt. Kein Fachidiot also, eher ein Multitalent.
Manhattan fliegt, effektvoll gebaut, erstaunlich routiniert
erzählt, auch unterhaltsam, vorausgesetzt, man stört sich nicht daran, dass der
"größte Magier westlich Grönlands" ungehemmt seine Möglichkeiten nutzt und
beispielsweise der "Schwerkraft ein Schnippchen" schlägt, der Roman mag also
Geschmacksache sein, ein Harry Potter für die Fürsorgeempfänger. Die Zeitebenen
werden durcheinandergewirbelt, ein Spannungsbogen wird aufgebaut und durchgehalten; und -
alle Achtung, nichts dagegen einzuwenden - ein solider Unterhaltungsroman ist dabei
herausgekommen. Doch der Anspruch des Autors greift höher. Anton Cliehm, Held des zweiten
Romans, entsprechend als Genie etikettiert, theoretischer Physiker von Beruf und mit einer
Operettensängerin verheiratet, hat nämlich eine Theorie entwickelt, die auch des Autors
ersten Roman gleichsam mit begründet: die (mathematische ) Superformel (für die
Variablität der Zeit). Ein Einstein erscheint dem gegenüber als hilfloser
Nachhilfeschüler, wenn die Theorie denn nicht doch einen Haken hätte. Ja, wenn! Cliehm
selbst entdeckt, kurz bevor er für seine wissenschaftlichen Erfolge geehrt werden soll,
den Fehler, gleich in der dritten Reihe seines umfangreichen Formelwerks. Er beschließt
folgerichtig sich umzubringen, natürlich nicht in New York, das wäre zu unoriginell,
sondern - ersichtlich aparter - in Lissabon. Diese Szenen, in bester Nachfolge von Becketts Murphy, also
gelungen, führen aber den Helden nicht ins Nichts, sondern leider doch nur in andere,
mögliche Welten, kurzum zur praktischen Bestätigung seiner theoretischen Überlegungen.
Cliehm kann mittels einer Zeitweiche zwischen den Zeiten springen, will heißen: unsere
dreidimensionale Welt aufheben in eine multidimensionale. Das Ergebnis, sicher logisch und
in einer soliden Konstruktion nachvollziehbar entwickelt, enttäuscht gleichwohl. Denn
Wallner lässt seinen Helden zwar hübsch zwischen seinen eigenen Lebenszeiten hin und her
hüpfen, aber sonst bleibt alles beim alten. Aufwand und Ertrag stehen in keinem
vernünftigen Verhältnis. Nicht nur der Autor, auch sein Leser ist gut beraten, zur
Lektüre der beiden Romane die deprimierend komische Studie von Alan Sokal und Jean
Bricmont hinzuziehen, Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die
Wissenschaften missbrauchen, eine solide Beschreibung des Schwachsinns, der von
Geisteswissenschaftlern beim Gebrauch naturwissenschaftlicher Begriffe verzapft wird. Was
für die Geisteswissenschaftler gilt, das gilt erst recht für die Literaten. Die
"reine Mathematik, unserer normalen Vorstellungswelt nicht mehr zugänglich"
bleibt auch Wallner naturgemäß verschlossen. Er kann die "negative
Energiedichte" zwar zitieren, aber nichts damit anfangen. Sein Doppeldebüt ist darum
misslungen, aber nur, um wieder die guten alten Bilder zu verwenden, weil er mit dem
falschen Pferd auf einen Holzweg geraten ist.
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